Weltklimakonferenz in Antalya:Wie die türkische Riviera unter europäischem Müll leidet
von Sevcan Yavas, Istanbul
Im November startet in Antalya die Weltklimakonferenz. Der Fokus: "Zero Waste". Ein paar Kilometer weiter erlebt der Ort Cirali einen Umweltskandal - mit Plastikmüll aus Europa.
Die türkische Riviera wirbt mit wunderschönen Stränden an türkis-blauem Meer. Doch die Menschen kämpfen gegen Plastikmüll in malerischen Buchten. Der stammt aus Europa und sollte recycelt werden.
28.10.2026 | 2:09 minCirali, ein kleiner Ort in der Nähe von Antalya, lebt vom Tourismus. Einnahmen daraus: Rund 17 Milliarden US-Dollar allein für die Region Antalya im Jahr 2025.
Dorfvorsteher Salih Sarica aber berichtet von den verschmutzen Stränden in den malerischen Buchten Antalyas. Seit Monaten haben sie hier mit industriell zerschreddertem Mikroplastik zu tun, welches an die Strände gespült wird.
Es macht einen traurig, das zu sehen. Auch unsere Gäste beschweren sich, sie wollen im nächsten Jahr nicht mehr wiederkommen.
Salih Sarica, Dorfvorsteher Cirali
Im Westen der Türkei haben rund 60 Schülerinnen und Schüler gemeinsam einen Strand aufgeräumt und vom Müll befreit. Damit wollten sie ihren Teil zum Umweltschutz beitragen.
25.09.2026 | 0:17 minEin Drittel europäischen Plastikmülls landet in der Türkei
Der Plastikmüll kommt durch Meeresströmungen aus der Region Adana, im Südosten der Türkei, knapp 600 Kilometer östlich von Antalya. In dieser Gegend läuft ein Milliardengeschäft, dessen Schattenseiten hier mit bloßem Auge zu sehen sind.
Die Türkei ist der größte Importeur europäischen Plastikmülls. Die thermische Verwertung und das Recycling ist innerhalb der EU deutlich teurer als in der Türkei. Europäische Müllexporteure zahlen den türkischen Firmen oft eine Prämie, damit die ihren Müll recyceln. 2025 exportierte die EU rund 1,5 Millionen Tonnen, davon landet über ein Drittel in der Türkei.
Fernab jeglicher Zivilisation - in der arktischen Tiefsee - sammelt sich immer mehr Mikroplastik an. In einem Tiefsee-Observatorium wird geforscht, wie stark die Vermüllung voranschreitet.
08.06.2026 | 1:25 min170 Recyclinganlagen gibt es laut offiziellen Angaben in der Region Adana/Mersin. Der Umweltaktivist Umut Özsimsek zeigt unserem ZDF-Team die Auswirkungen in seiner Heimatstadt, die er die Müllhalde Europas nennt. Nicht recycelbarer Müll wird illegal entsorgt und am Straßenrand verbrannt.
"Je mehr sie von diesem nicht-recycelbaren Müll loswerden können, desto mehr Gewinn machen sie. Entweder verbrennen sie ihn, werfen ihn ins Wasser oder lassen ihn in der Umgebung liegen"
Schattenwirtschaft boomt - trotz staatlicher Strafen
Das türkische Umweltministerium führte im September diesen Jahres eine breitangelegte Durchsuchung an der Küstenregion durch. Auch in Adana wurden 170 Recyclingfirmen kontrolliert. Das Ergebnis: Nicht-Einhaltung der Umweltauflagen und Betriebsverbot für 12 Firmen.
Müllsammler leisten einen wichtigen Recycling-Beitrag in Istanbul, bekommen von den Müllverwertungsanlagen aber nur wenige Cent pro Kilo gesammeltes Altpapier oder Plastik.
19.09.2025 | 2:08 minAber einer Schattenwirtschaft würden Schließungen oder Strafen in Millionenhöhen nichts ausmachen, so Umweltexperte Sedat Gündogdu, Professor für Meeresbiologie an der Universität Cukurova in Adana.
Die Gewinne und das Geld, das diese Unternehmen verdienen, stehen in keinem Verhältnis zu den Strafen, die sie zahlen müssen.
Sedat Gündogdu, Umweltexperte Universität Adana
Vom Schaden, den sie der lokalen Abfallwirtschaft mit den Preismanipulationen zufügen, ganz zu schweigen. Das Problem müsse man bereits angehen, bevor der europäische Müll die türkischen Häfen erreiche, sagt der Umweltexperte.
"Wenn wir die Plastikabfälle Europas, Großbritanniens, Amerikas und anderer westlicher Länder unter dem Namen "Recycling" importieren, importieren wir in Wirklichkeit deren Verschmutzung. Sie verschicken ihren Müll unter dem Signum - dem Siegel - "recycelbar", aber es landet auch der nicht recycelbare Müll bei uns", erklärt Gündogdu. "Die Kontrollen müssen beim Entsendeland beginnen. Ist der Müll erst einmal im Empfängerland, ist es zu spät"
Plastikmüll wächst weltweit rasant - Recycling stockt, Verbrennung dominiert. Ein UN-Abkommen sollte gegensteuern. Doch die Verhandlungen in Genf sind gescheitert.
15.08.2025 | 3:20 minBezahlt die Türkei den Preis für ein sauberes Europa?
Die Europäer seien genauso in die Verantwortung zu nehmen wie die Firmen, die auf Kosten der Umwelt ein Milliardengeschäft machen, meint Umweltexperte Gündogdu.
"Europäische Länder stellen sich selbst gerne als Vorreiter der Nachhaltigkeit dar. Sie haben hohe Recyclingquoten. Sie gelten als umweltfreundliche Länder. Aber in Wirklichkeit sind es ihre Hinterhöfe, etwa die Türkei, Indonesien oder Malaysia, die den tatsächlichen Preis für diese saubere Umwelt in Europa bezahlen."
Die EU plant in Zukunft, den Export ihres Plastikmülls in Nicht-EU-Länder zu verbieten - ausgenommen sind davon allerdings Länder der OECD, der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit - und damit auch die Türkei.
Ab nächstem Jahr könnten Produkte wie Joghurt und Getränke in Plastikflaschen auch für den Endkunden teurer werden. Die Steuer soll den Anreiz schaffen, den Plastikverbrauch zu verringern.
05.10.2026 | 0:34 minDie Türkei wird dann von noch mehr Müll überflutet werden. Eine jetzt schon überlastete Abfallwirtschaft, der dann ein vollständiger Kollaps drohen könnte.
Umweltexperten wie Sedat Gündogdu fordern einen radikalen Importstopp von Importmüll. Die Türkei habe die Kraft dazu. Und wenn sie ein "Zero-Waste-Land" sein will, also ein Land, das null Müll in der Umwelt belässt, dann würde ein Verbot der Einfuhr von Plastikabfällen vor der jetzt anstehenden Weltklimakonferenz COP31 seiner Meinung nach auch die Position der Türkei auf der COP31 enorm stärken:
"Wenn du ein Zero-Waste-Land sein willst, dann musst du zunächst einmal auch Null Abfall importieren. Das ist der einzige Weg."
Mehr zum Thema Müll und Recycling
Praxismodell für Recyclingwirtschaft:Aus alten Autoreifen wird wertvolles Öl
von Susanne Freitag-Carteronmit Video2:28US-Unternehmen setzt auf Einwegflaschen:200.000 Flaschen pro Minute: Coca-Cola und das Plastikproblem
von Christian Bockmit Video44:03- Analyse
Kritik an Umweltministerium:Programm für mehr Recycling bleibt hinter Erwartungen zurück
von Johannes Liebermit Video2:34 Berechnungen von Forscherteam:Plastik wird Menschen immer mehr gesunde Lebenszeit kosten
mit Video0:27