Praxismodell für Recyclingwirtschaft:Aus alten Autoreifen wird wertvolles Öl
von Susanne Freitag-Carteron
Umweltfreundlicher produzieren und unabhängiger von Rohstoffimporten werden: Kreislaufwirtschaft macht es möglich. Wie ein saarländisches Unternehmen dafür Vorbild sein kann.
Recyceln statt wegwerfen: Die EU berät zum Kreislaufwirtschaftsgesetz. Der Reifenrecycler Pyrum ist ein Beispiel dafür, wie aus Müll Rohstoffe gewonnen werden können.
19.10.2026 | 2:28 minAuf dem Hof der Firma Pyrum ragen meterhohe Altreifenberge in die Luft. Unternehmensgründer Pascal Klein ist stolz auf diese Abfallmassen. Seine Pyrum Innovations AG im saarländischen Dillingen macht daraus Rohstoffe.
"Wir holen den Stahl und das Textil raus, was in jedem Reifen drin ist", erklärt Klein, "dann haben wir ein Gummigranulat, das verarbeiten wir in einem Reaktor weiter. Daraus wird dann Öl, Kohlenstoff und Gas."
Das Verfahren hat Klein patentieren lassen. Vor 18 Jahren hat er in der Gartenlaube eines Freundes das Start-up gegründet. Jetzt plant er den Bau neuer Werke in Tschechien und Griechenland.
Weniger Abfall, mehr Recycling: Die EU will die Kreislaufwirtschaft stärken. Über Möglichkeiten und Hürden des Vorhabens berichtet Susanne Freitag-Carteron.
19.10.2026 | 7:32 minReifen werden zu systemkritischem Rohstoff
Laut einer Analyse des Fraunhofer-Instituts spart Pyrum damit 72 Prozent CO2 pro Tonne Altreifen im Vergleich zum üblichen Entsorgungsmix ein. Mit den Rohstoffproblemen durch die geopolitischen Spannungen werde Pyrum aber auch aus einem anderen Grund immer wichtiger, sagt Firmengründer Klein:
Wir stellen einen der systemkritischsten Rohstoffe Europas her: Öl.
Pascal Klein, CEO der Pyrum Innovations AG
Inzwischen gehören große Unternehmen wie Pirelli, Continental und Schwalbe zu Pyrums Kunden. Sie kaufen Industrieruß-Granulat als Reifenrohstoff. Das Öl geht an den Chemiekonzern BASF, der es für chemische Prozesse nutzt.
Jens Hamprecht, Vice President bei BASF und Koordinator der Unternehmensstrategie zum Kunststoffrecycling, sieht klare Vorteile: "Mir ist es ein Anliegen, dass wir Recycling nicht nur als ein Mittel des Umweltschutzes verstehen, sondern auch als Mittel, um unabhängiger zu werden von fossilen Rohstoffen."
Die Bundesregierung will mit einem nationalen Aktionsplan die Kreislaufwirtschaft stärken. Ziel ist es, Müll zu reduzieren, Rohstoffe besser zu nutzen und Wiederverwertung deutlich auszubauen.
03.06.2026 | 1:39 minDeutschland bei Recyclingideen noch vorsichtig
Im Business mit Schrott und Abfällen steckt ein Milliardenpotential. In China werden Recyclingbetriebe heute schon stark subventioniert, wiederverwertete Materialien als Rohstoffe anerkannt.
"Deutschland und Europa sind viel zu ängstlich", meint Pascal Klein. "Ich weiß gar nicht, wie viele tausend Klinken ich geputzt habe. Was wir hier aufbauen, ist extrem kapitalintensiv. So ein Werk kostet 60 Millionen Euro, das zahlt man nicht aus der Hüfte."
Neues EU-Gesetz soll Binnenmarkt stärken
Mit dem "Circular Economy Act" (CEA) versucht die EU, einen europaweiten Markt für recyclingbasierte Produkte zu schaffen. Michael Vielhaber, der eine Professur für Produktentstehung an der Universität des Saarlandes innehat, betreut ein Forschungsprojekt, das versucht, den Kreislauf ab der Produktion von Materialien mitzudenken. Die Schwierigkeit in Europa fängt damit an, dass die 27 Länder nicht dieselben Regeln haben.
Um den Klimaschutz im Bausektor voranzubringen, soll das Konzept des zirkulären Bauens gestärkt werden. Dabei werden alte aber voll funktionstüchtige Bauteile wiederverwendet, statt neue herzustellen.
03.06.2026 | 1:39 minWas bei uns Abfall ist, ist es in einem anderen Land nicht, oder umgekehrt. Es ist schwierig, da verlässliche Lieferketten aufzubauen.
Prof. Dr.-Ing. Michael Vielhaber, Lehrstuhl für Produktentstehung, Universität des Saarlandes
EU plant Gesetz zur Kreislaufwirtschaft
- 2024 stammten in der EU zwölf Prozent der verwendeten Materialien aus Recycling.
- Bis 2030 soll dieser Anteil auf 24 Prozent verdoppelt werden.
- Dazu plant die EU den "Circular Economy Act" (CEA).
- Kreislaufquote soll verdoppelt werden.
- Mindestanteil recycelter Materialien soll in bestimmten Produkten festgelegt werden.
- Primärrohstoffbedarf aus Drittländern soll reduziert und durch Recyclingmaterialien aus dem Inland ersetzt werden.
- EU-Binnenmarkt soll durch leichteren Handel mit Abfällen und Recyklaten innerhalb der EU gestärkt werden.
- Unterschiedliche nationale Vorgaben zu Abfällen sollen angeglichen werden, so dass EU-einheitliche Regeln entstehen.
- Vorlage des Gesetzesentwurfs voraussichtlich im November 2026
- Anschließend Beratung EU-Parlament und Rat
- Bis zur Umsetzung können noch eineinhalb Jahre vergehen.
Hohe Kosten erschweren Recycling
Vielhaber meint, dass sich Recycling aus Sicht vieler Firmen noch nicht lohne: "Die Produktmengen sind nicht da, die Logistik ist so teuer, dass dadurch die Kosten aus dem Ruder laufen." Aber bei Rohstoffen wie Kupfer könne man jetzt schon absehen, dass sie in zehn Jahren knapp und viel teurer sein werden, erklärt Vielhaber weiter.
Auch deshalb hat die Kreislaufwirtschaft das Potential, zu einem Milliarden-Business zu werden.
Susanne Freitag-Carteron ist Leiterin des ZDF-Landesstudios Saarland.
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