Ex-Nato-Chefstrategin Babst:Nato auch ohne USA "eine sehr starke Truppe"
Europa dürfe sich nicht von Trump einschüchtern lassen, sagt Ex-Nato-Chefstrategin Babst. Die Nato bleibe stark. Europa, Kanada und die Ukraine müssten aber enger kooperieren.
Die USA sind der wichtigste Partner in der Nato. Aber Donald Trump stellt das Bündnis immer häufiger infrage. Was, wenn er aussteigt? ZDFheute live spricht mit der Ex-Nato-Chefstrategin Babst.
09.04.2026 | 10:23 minDie USA gelten als ein wichtiger Pfeiler der Nato. Doch unter Präsident Donald Trump gerät das Bündnis zunehmend unter Druck. Immer wieder stellt er die Rolle des Militärbündnisses infrage - und droht sogar mit einem Austritt seines Landes. Doch kann sich der US-Präsident so leicht aus dem Bündnis verabschieden? Und was würde das für Europa bedeuten? ZDFheute spricht dazu mit der ehemaligen Nato-Chefstrategin Stephanie Babst.
Trump äußerte seine Enttäuschung über das Bündnis zuletzt bei einem Treffen mit Nato-Generalsekretär Mark Rutte. Auf seiner Plattform Truth Social schrieb der US-Präsident nach dem Gespräch im Weißen Haus: "Die Nato war nicht da, als wir sie brauchten, und sie wird auch nicht da sein, wenn wir sie wieder brauchen."
Um die Nato für ihre Haltung "zu bestrafen", erwägt die Trump-Regierung laut "Wall Street Journal" einen Truppenabzug aus Ländern, die die US-Offensive gegen Iran nicht unterstützt haben. "Ganz offensichtlich ist der amerikanische Präsident hoch frustriert", sagt Expertin Babst. Er habe "sich ja selbst in eine ausgesprochen üble Ecke manövriert" mit Blick auf seinen Krieg gegen Iran.
US-Präsident Trump hat die Nato nach dem Besuch des Generalsekretärs Rutte mit deutlichen Worten kritisiert. Wie es um das Bündnis steht, ordnet Isabelle Schaefers in Brüssel ein.
09.04.2026 | 1:02 minExpertin: Schaden für Trump "ist groß"
Trump sieht sich nach Einschätzung von Babst inzwischen mit "einem gestärkten Iran, einem starken China und einer Reihe frustrierter Staaten in der Golfregion konfrontiert" - und der Schaden, den er durch diese Lage angerichtet habe, sei "natürlich ziemlich groß". In dieser Situation diene die Nato ihm zugleich als "Blitzableiter".
Rechtlich könnten die USA theoretisch aus der Nato austreten, müssten dafür aber eine Zweidrittelmehrheit im US-Senat gewinnen - ein Schritt, der bislang als sehr unwahrscheinlich gilt. Dennoch hätten die USA verschiedene Möglichkeiten, auf ihre Unzufriedenheit mit der Nato zu reagieren, erklärt Babst. "Die USA können ihre finanzielle Hilfe oder ihren Anteil am Nato-Haushalt reduzieren, Truppen reduzieren, sich aus dem politischen Geschäft weiter zurückziehen und ihren Botschafter abberufen."
US-Expertin Annett Meiritz sieht in der Waffenruhe mit Iran einen Wendepunkt für die Welt und für Europa - und den Beweis für Trumps Planlosigkeit.
09.04.2026 | 46:07 minSehr wahrscheinlich sei jedoch, so Babst, dass die USA ihr Truppenkontingent in Europa überprüfen, gegebenenfalls neu organisieren oder teilweise reduzieren könnten. Im Pentagon gebe es regelmäßige Überprüfungen, die sogenannte "US Posture Review", um zu bestimmen, wie viele Soldaten, welches Personal und welche Fähigkeiten in Europa stationiert sein sollten. Die ehemalige Nato-Chefstrategin geht jedoch davon aus, dass wesentliche Fähigkeiten und Personal in Europa bleiben werden.
Schlicht und ergreifend, weil sie gebraucht werden - sei es, um weitere militärische Operationen im Nahen Osten, im Mittelmeerraum oder anderswo vorzubereiten.
Stephanie Babst, ehemalige Nato-Chefstrategin
Wäre die Nato ohne die USA handlungsfähig?
Auch ohne den großen Partner USA könne die Nato handlungsfähig bleiben, so Babst: "Die Europäer und Kanadier sind ja schon seit einiger Zeit dabei, den sogenannten europäischen Pfeiler im Bündnis zu verstärken, in ihre eigenen militärischen, konventionellen, aber auch antihybriden Fähigkeiten zu investieren."
Dieser Prozess muss natürlich weiterlaufen, damit die Defizite, die wir auf militärischer Seite haben, auch möglichst schnell geschlossen werden können.
Stephanie Babst, ehemalige Nato-Chefstrategin
Politisch plädiert Babst für ein erneutes gemeinsames Bekenntnis der europäischen Staaten, Kanadas und auch der Ukraine zur Geschäftsgrundlage der Nato, dem Washingtoner Vertrag. Die Allianz sei nach wie vor "eine sehr starke Truppe." Sie betont: "Wir haben überhaupt keinen Grund, uns vor allem vor Donald Trump, einem politischen Brandstifter, zu verstecken und Angst zu haben, wenn er sich von uns in irgendeiner Form entfernen will. Im Übrigen hat er das ohnehin ja schon getan."
Die Trump-Administration sei von Israel und dem eigenen Kriegsminister in den Iran-Krieg gedrängt worden - "ohne Exit-Optionen", sagt Politikwissenschaftler Christian Lammert bei ZDFheute live.
08.04.2026 | 12:51 minEuropa darf nicht "in Schnappatmung verfallen"
Die Nato sei schon jetzt durch das Verhalten der USA "geschwächt". Statt sich jedoch auf strategische Herausforderungen wie ein aggressives Russland oder ein starkes China zu konzentrieren, würden sich die europäischen Staaten zu sehr mit Trumps Disruption beschäftigen. Ihrer Ansicht nach müssen Europa, Kanada und die Ukraine enger zusammenarbeiten, ihre Fähigkeiten ausbauen und sich strategisch abstimmen. "Wenn Herr Trump da eben keine Rolle spielt, dann ist es halt so."
Aber über jeden Stock zu springen und immer wieder in Schnappatmung zu verfallen, wenn von Trump ein Social-Truth-Post kommt, ist weder strategisch relevant, noch hilft es uns in irgendeiner Form.
Stephanie Babst, ehemalige Nato-Chefstrategin
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