Nato-Treffen in Ankara: Ein Gipfel-Drama mit offenem Ende

Analyse

Nato-Treffen in Ankara:Ein Gipfel-Drama mit offenem Ende

von Isabelle Schaefers, Ankara

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In Ankara wollte die Nato sich geschlossen zeigen. Dafür wollten die Europäer zeigen, dass sie tatsächlich mehr in die Allianz einbringen. Aber das reichte nicht.

Präsident Donald Trump verlässt das Podium nach einem Gruppenfoto der NATO-Staats- und Regierungschefs während des NATO-Gipfels

Am Morgen noch scharfe Kritik an einzelnen Bündnispartnern, am Mittag ein anderer Ton von Trump: ZDF-Korrespondentin Isabelle Schaefers berichtet vom zweiten Tag des Nato-Gipfels.

08.07.2026 | 7:00 min

Die Bühne war perfekt ausgeleuchtet. Jeder hatte seinen Text gelernt. Alles sollte glatt laufen. Erster Akt: Pompöses Dinner im Palast des türkischen Präsidenten. Zweiter Akt: Eine kurze Arbeitssitzung mit ein paar Fakten zu den Verteidigungsanstrengungen der Europäer. Dritter Akt: Pressekonferenzen mit geeinten Botschaften der Stärke an die Welt. Soweit das Drehbuch.

Doch Trump schrieb seine Rolle kurzerhand selbst um.

Trump stellt den Sinn der Nato in Frage

Bevor der zweite Akt, also die Arbeitssitzung, beginnen konnte, traf sich Donald Trump mit dem Nato-Generalsekretär. Und obwohl Rutte im Vorfeld bereits zu Trump gereist war, ihm in Zahlen dargelegt hatte, dass die Europäer verstanden hätten und tatsächlich mehr leisteten, startete Trump den Rundumschlag: Er brachte die Grönland-Frage auf und kritisierte die Alliierten massiv dafür, die USA nicht im Iran-Krieg zu unterstützen.

Donald Trump mit erhobener Faust als Schattenriss vor US-Flagge, darunter Schriftzug: "Der Trump Effekt - NATO - Trumps "elender Sklave"?, rechts im Bild Nahaufnahme von Donald Trump

Live-Folge zum Nato-Gipfel: US-Präsident Trump kündigt neue Angriffe auf Iran an, erhebt wieder Anspruch auf Grönland und verschärft die Krise im transatlantischen Bündnis.

08.07.2026 | 49:36 min

Besonders Spanien geriet ins Visier - er wolle die Handelsbeziehungen mit dem Land ganz stoppen. Und wo er gerade dabei war, stellte er gleich die ganze Nato in Frage: Wofür brauche man die Allianz, wenn sie einem sowieso nicht helfe? Dass er den Gipfel dann auch gleich noch nutzte, um anzukündigen, dass er den Waffenstillstand mit Iran für beendet betrachte - auch, wenn er weiterhin offen für Verhandlungen sei, brachte den Gipfel weiter aus dem Gleichgewicht.

"A feeling of love in the air"

Doch das Gute an einem Drehbuch ist ja, dass man sich daran festhalten kann. Und das tat der Nato-Generalsekretär, das taten die Europäer. Kaum jemand reagierte auf die Tirade von Trump.

US-Präsident Trump gibt seine PK am zweiten Tag des Nato-Gifpels

"Die Nato hat uns ausgelacht", sagt der US-Präsident. Die USA hätten jedoch mehr in Verteidigung investiert und verfügten heute über das stärkste Militär der Welt.

08.07.2026 | 31:26 min

Stattdessen drangen sorgfältig ausgesuchte Eindrücke aus der Sitzung nach außen: Hier drinnen sei alles ganz anders gelaufen, sehr ruhig, sehr harmonisch. Er habe niemanden angeprangert, Lob verteilt und sogar klar betont, die USA wollten in der Nato bleiben.

Zu jedem guten Drama gehört auch ein bisschen Liebe. Und davon war am Ende des Gipfels plötzlich ganz viel da: Der Bundeskanzler zitierte Trump in seiner Pressekonferenz so: "In seinem Schluss-Statement kam der Satz vor, der mich persönlich etwas überrascht, aber auch sehr gefreut hat: 'There is a feeling of love in the air'. Also das ist ein Schlusssatz, mit dem man, glaube ich, einen solchen Nato-Gipfel, der unter auch medial so schwierigen Vorzeichen stand, gut abschließen kann."

US-Präsident Donald Trump (M) spricht während einer Pressekonferenz, flankiert von (von links) US-Verteidigungsminister Pete Hegseth, US-Außenminister Marco Rubio, US-Finanzminister Scott Bessent und dem US-Botschafter bei der NATO, Matthew Whitaker, auf dem NATO-Gipfel in Ankara.

Trump drohte Spanien, erklärte die Iran-Gespräche für beendet und lobte am Ende die Nato-Einigkeit. Der Gipfel in Ankara zeigt: Das Bündnis hält, aber seine Risse werden tiefer.

08.07.2026 | 2:55 min

Auch Donald Trump bestätigte im Anschluss, viel Liebe empfunden zu haben: "Sie mögen es, wie ich meine Arbeit mache. Sie sagten, 'Sir, wir lieben Sie'. Das sagen erwachsene Menschen, ist das nicht nett?"

Echte Einigkeit bei der Unterstützung der Ukraine

Jetzt mag das nach etwas viel zur Schau gestellter Einigkeit klingen. Doch in mindestens einem Punkt zeigte die Nato sich tatsächlich geschlossen und entschlossen: bei der Unterstützung der Ukraine.

Der ukrainische Präsident Selenskyi war auch in Ankara, traf Donald Trump am Rande. Das Treffen verlief sehr harmonisch, Donald Trump stellte in Aussicht, dass die Ukraine die Erlaubnis bekomme, selbst Patriot-Raketen zu bauen. In der Abschlusserklärung stellen sich alle 32 Alliierte gemeinsam hinter die Ukraine. Auch, wenn die finanzielle Unterstützung alleine von Europäern und Kanada gestemmt werden muss.

US-Präsident Donald Trump trifft sich am Rande des NATO-Gipfels mit dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj.

Bei einer Pressekonferenz auf dem Nato-Gipfel hat US-Präsident Donald Trump mit gleich mehreren Versprechern irritiert: Aus Iran wurde Japan, aus Präsident Selenskyj wurde Präsident Putin.

08.07.2026 | 0:46 min

Das ist kein kleiner Erfolg. Ist doch als langfristige Bedrohung für die Nato klar Russland festgehalten. Und das starke Signal der Unterstützung Kiews ist natürlich auch an Moskau gerichtet. Genauso wie die Botschaft des Nato-Generalsekretärs: "Hier in Ankara haben die Verbündeten auch ihre eiserne Verpflichtung für den Beistand nach Artikel 5 bekräftigt: Dass ein Angriff auf einen ein Angriff auf alle ist und dass wir zusammenstehen werden."

Die Nato muss europäischer werden

Die Vorstellung war nicht in allen Punkten überzeugend. Dass die Nato tatsächlich so geschlossen dasteht, ist stark zu bezweifeln. Hat doch der Auftritt von Donald Trump erneut gezeigt, wie schnell alles zu Bruch gehen kann.

Aber wenigstens dürfte das, was auf der Bühne von Ankara passiert ist, den Europäern eine klare Aufgabe mit nach Hause geben: den eingeschlagenen Weg, die Nato europäischer zu machen, noch schneller und konsequenter zu gehen.

Isabelle Schaefers ist Korrespondentin im ZDF-Auslandsstudio Brüssel.

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Über dieses Thema berichteten mehrere Sendungen, zuletzt das heute journal am 08.07.2026 ab 21:45 Uhr.
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