Historischer Nato-Einsatz 1995:Bosnien-Herzegowina: Bomben für den Frieden
Vor 30 Jahren griff die Nato erstmals in einen Konflikt ein. Mit Bomben erzwangen sie den militärischen Frieden in Bosnien und Herzegowina. Politisch ist er noch nicht erreicht.
Es war ein Wendepunkt im Bosnienkrieg: Am 30.08.1995 griff die Nato Stellungen der Serben rund um das belagerte Sarajevo an – die erste große Kampfoperation des Militärbündnisses.
30.08.2025 | 2:25 minDas Dröhnen der Flugzeugmotoren war schon von weitem zu hören, erzählt Sadik Klinić. In den frühen Morgenstunden des 30. August 1995 beginnt die Nato ihren Einsatz in Bosnien und Herzegowina.
Wir fühlten uns phänomenal. Wir merkten, dass endlich eine gewaltige Macht hinter uns stehen würde.
Sadik Klinić, Kriegsveteran
Sadik Klinić verteidigt damals Sarajevo als Kämpfer der bosnischen Armee. Und die steht auf verlorenem Posten: Die Stadt ist seit mehr als drei Jahren von fanatischen bosnisch-serbischen Truppen und Teilen der ehemaligen jugoslawischen Volksarmee umzingelt. Scharfschützen nehmen jeden Winkel unter Feuer, töten gezielt auch Zivilisten. Die Versorgung ist abgeschnitten, nur eine UN-Luftbrücke blieb intakt.
Srebrenica: Schlimmstes Massaker in Europa seit Zweitem Weltkrieg
Bereits seit 1992 tobt der Krieg um Bosnien und Herzegowina nach dem Zerfall Jugoslawiens. Kroaten und bosnische Muslime, sogenannte Bosniaken, kämpfen gemeinsam gegen bosnisch-serbische Truppen und die jugoslawische Armee. Die UN errichtet Schutzzonen für die Bevölkerung, doch die sind schlecht verteidigt.
In Srebrenica kommt es zum schlimmsten Massaker in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg. Im Juli 1995 werden dort 8.000 Bosniaken von bosnisch-serbischen Kämpfern hingerichtet. Bis dahin schauen UN und Nato mehr oder weniger zu, setzen auf Sanktionen und ein Waffenembargo, das laut Kritikern eher die Verteidiger schwächt als die Angreifer.
Das Grafikvideo blickt 30 Jahre zurück: Nachdem bosnisch-serbische Truppen die Stadt am 11.7.1995 eingenommen hatten, ermordeten sie etwa 8000 bosnische Muslime.
11.07.2025 | 1:27 minSarajevo: Angriff auf Marktplatz wird zum Wendepunkt
Dann sterben bei einem Mörserangriff auf einen Marktplatz in Sarajevo 43 Menschen.
Dieser Angriff brachte das Fass zum Überlaufen.
Gunther Hauser, Politikwissenschaftler der österreichischen Landesverteidigungsakademie
Die Nato setzt die "Operation Deliberate Force" in Gang. Drei Wochen lang bombardiert sie Stellungen der bosnisch-serbischen Angreifer. Es ist der größte Einsatz seit der Gründung des Militärbündnisses. Das Blatt wendet sich. Die Angreifer ziehen sich zurück und geben letztendlich auf.
Friedensvertrag von Dayton beendet den Krieg, spaltet aber das Land
Wenig später kommt es zum Friedensvertrag von Dayton, der den Krieg beendet. Ein Erfolg für die Nato? Der Einsatz habe zwar zum Frieden geführt, sei aber zu spät gekommen, sagt Gunther Hauser, Politikwissenschaftler von der österreichischen Landesverteidigungsakademie: "Viele in der internationalen Gemeinschaft haben gefragt: 'Warum nicht früher?' Das Massaker von Srebrenica hätte wahrscheinlich verhindert werden können".
Aus der Übergangslösung Dayton wird eine Dauerkrise. Der komplizierte Friedensvertrag will es allen drei Ethnien in Bosnien und Herzegowina recht machen und macht in den Augen vieler Kritiker den bosnisch-serbischen Nationalisten zu viele Zugeständnisse.
Dodik, Vučić und Orbán – politische Allianz mit Einfluss auf den Westbalkan. In Bosnien sorgt die Lage rund um die Republika Srpska erneut für Spannungen.
16.04.2025 | 2:04 minEs entsteht zwar ein Staat, aber eben kein gemeinsamer. "Wir leben in Bosnien und Herzegowina heute immer noch in einer Situation, wo das Land eher in einem Nachkriegszustand mit einem Waffenstillstand als einer grundsätzlichen politischen Lösung konfrontiert ist", sagt der Politologe Florian Bieber von der Uni Graz. Somit sei Bosnien und Herzegowina heute ethnisch sehr viel gespaltener als es vor dem Krieg war.
Westbalkan ist immer noch ein Pulverfass
Veteran Sadik Klinić betrachtet diese Entwicklung mit Sorge. Er sieht in der Region noch immer ein Pulverfass, auf das man aufpassen muss: "Meine Botschaft an alle unsere Politiker und diejenigen, die Bosnien und Herzegowina in der Welt vertreten, lautet: Arbeiten Sie mit voller Kraft und ausschließlich darauf hin, der Nato so nahe wie möglich zu kommen." Und, so Klinić weiter, vergesst nicht die Verteidiger von Sarajevo. Auch sie waren es, die Frieden erkämpft hatten - unter schwierigsten Bedingungen.
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