Nato-Truppen in Bosnien: Wie die Nato 1995 in den Krieg eingriff

Interview

Bosnien: Nato-Angriff 1995:Veteran: Endlich war jemand auf unserer Seite

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Kriegsveteran Sadik Klinić kämpfte 1995 in Sarajevo. Die Angreifer, fanatische Truppen der bosnischen Serben, waren brutal und überlegen. Dann griff die Nato ein.

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Es war ein Wendepunkt im Bosnienkrieg: Am 30.08.1995 griff die Nato Stellungen der Serben rund um das belagerte Sarajevo an – die erste große Kampfoperation des Militärbündnisses.

30.08.2025 | 2:25 min

Nach dem Völkermord von Srebrenica und dem Angriff auf Zivilisten auf einem belebten Markt in Sarajevo griff die Nato am 30. August 1995 erstmals seit ihrem Bestehen mit Waffen in einen Konflikt ein. In mehr als 1.500 Einsätzen bombardierten Kampfflugzeuge aus 15 Nationen, vor allem der US-Luftwaffe, Stellungen und Kommandostrukturen der Truppen der bosnischen Serben rund um Sarajevo.

Drei Wochen dauerten die von einem UN-Mandat gedeckten Angriffe unter dem Namen Deliberate Force an. Die Nato-Luftschläge gelten als ein wesentlicher Wegbereiter zu einem nachhaltigen Waffenstillstand und den anschließenden Friedensverhandlungen von Dayton. Sadik Klinić kämpfte damals als Soldat der Armee der Republik Bosnien und Herzegowina und erinnert sich im ZDFheute-Interview an den Nato-Angriff.

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ZDFheute: Herr Klinić, wie war das Ende August 1995 in Sarajevo? Die Stadt war mehr als drei Jahre belagert und unter Beschuss.

Sadik Klinić: Wir waren waffentechnisch unterlegen, wir hatten keine Unterstützung, zumindest spürten wir sie nicht, weder von der Welt noch von den sogenannten Supermächten.

Wir fühlten uns einfach, gelinde gesagt, verraten und betrogen.

Sadik Klinić
Quelle: ZDF

Sadik Klinić ist 60 Jahre alt und hat zwei Kinder. Während des Jugoslawienkriegs kämpfte er zwischen 1992 und 1995 als Soldat der Armee der Republik Bosnien und Herzegowina, Erstes Korps. Er lebt noch immer in Sarajevo, dessen Belagerung durch fanatische Truppen von Radovan Karadzic damals erst nach fast vier Jahren durch Luftschläge der Nato beendet wurde. Die sogenannte Operation Deliberate Force jährt sich am 30. August 2025 zum dreißigsten Mal. Erst dieser Nato-Einsatz ebnete den Weg zum Frieden.


ZDFheute: Weil die UN lange auf Sanktionen setzte und auf ein Waffenembargo über ganz Jugoslawien? Man wollte den Konflikt nicht anheizen.

Klinić: Wir hatten schon viel früher mit einer Intervention der Nato gerechnet. Unsere Leute an der Front mussten jeden Munitionsverbrauch melden. Warum? Nun, weil wir kaum Munition hatten. Ich denke, das Embargo hat den bewaffneten Konflikt, und in Bosnien und Herzegowina unsere Niederschlagung des Aggressors mit Sicherheit verlängert.

Das UN-Waffenembargo wurde 1991 mit Resolution 713 verhängt und sollte eine weitere Eskalation der Kriege in Jugoslawien verhindern. Es benachteiligte jedoch, so Kritiker, insbesondere die neuen, international noch nicht anerkannten Republiken wie Bosnien-Herzegowina. Während die bosnisch-serbische Seite auf große Waffenbestände der ehemaligen Volksarmee zurückgreifen konnte, standen die Verteidiger weitgehend unbewaffnet da.


ZDFheute: Dann kam der 28. August 1995, der die Haltung der UN und der Nato endgültig veränderte. Der Angriff auf den Markale-Markt in Sarajevo. 43 Zivilisten starben damals.

Klinić: Es war Krieg. Wir konnten vieles verstehen, aber Sarajevo zu zerstören, Kinder zu töten, Menschen, die auf dem Markt Schlange standen, um Brot und Wasser zu bekommen - das entsprach nicht dem gesunden Menschenverstand.

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ZDFheute: Wie erinnern sie sich an den 30. August 1995, als die Nato die Stellungen der bosnischen Serben angriff?

Klinić: Wir erhielten gegen Mitternacht die Information vom Nato-Angriff. Der Befehl lautete, in Deckung zu bleiben, weil Flieger im Einsatz sein würden. In den Morgenstunden kamen sie. Als wir in der Ferne das erste Flugzeug hörten - das war ein unbeschreibliches Gefühl. Ich bekomme noch immer Gänsehaut.

Nach fast vier Jahren Hölle, die wir durchgemacht haben, war es so weit. Endlich war jemand auf unserer Seite.

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ZDFheute: Welches Gefühl überwog?

Klinić: Es war schön, es war schön in menschlicher Hinsicht, vielleicht nicht im militärischen Sinne. Endlich bestraft jemand diejenigen, die uns, unsere Kinder, auf Spielplätzen, in Häusern, Wohnungen und Krankenhäusern in Lebensgefahr gebracht haben.

ZDFheute: Glauben Sie heute, dass die Nato-Intervention für die Beendigung des Krieges von Bedeutung war oder entscheidend?

Klinić: Ich möchte jetzt niemanden verletzen, aber zum Ende der Aggression und zur Ankunft am grünen Tisch trugen nur die Armee der Republik Bosnien und Herzegowina und unsere Kämpfer bei, die sich wirklich an extrem schwierige Bedingungen anpassten und zu einer Befreiungsarmee wurden.

Aber ja, die Waffen der Nato gaben damals die Richtung vor.

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ZDFheute: Die Nato war damals also aus Ihrer Sicht nicht entscheidend, aber von großer Bedeutung. Wie wichtig ist sie heute für Bosnien und Herzegowina?

Klinić: Die Nato ist definitiv der einzig wirksame Schutzschirm, den wir auf dem Balkan haben können, der ständig ein heißes Pulverfass ist. Und als Soldat sage ich, dass meiner Meinung nach der Beitritt zur Nato für Bosnien und Herzegowina wichtiger ist als der Beitritt zur Europäischen Union.

Das Interview führten Leana Lugic und Christian von Rechenberg.

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