Libanon: Stärkt Israel die Hisbollah - statt sie zu schwächen?

Interview

Nahost-Experte Daniel Gerlach:Stärkt Israel die Hisbollah, statt sie zu schwächen?

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Nahost-Experte Gerlach warnt: Israels Vorgehen im Libanon schwäche die Hisbollah nicht. Wer die Zivilbevölkerung vertreibe, nähre genau den Geist, den er bekämpfen wolle.

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Israels Ministerpräsident Netanjahu hat wieder Luftangriffe auf Beirut und eine Ausweitung der Bodenoffensive angeordnet. Wie weit geht er? Dazu Nahost-Experte Daniel Gerlach bei ZDFheute live.

01.06.2026 | 36:29 min

Der Libanon findet keine Ruhe. Am Montagmorgen kündigte Israel an, seine Angriffe weiter zu intensivieren, rückte vor - und forderte die Bevölkerung in Beiruts südlichen Vororten zur sofortigen Flucht auf. Das iranische Mullah-Regime setzte daraufhin seine laufenden Verhandlungsgespräche aus.

Dann wohl die überraschende Wende: US-Präsident Donald Trump verkündete auf Truth Social, dass Israel und die proiranische Hisbollah-Miliz ihre gegenseitigen Angriffe vorerst stoppen werden. Die angedrohte Entsendung israelischer Truppen in die libanesische Hauptstadt Beirut ist laut Trump vom Tisch - alle bereits entsendeten Einheiten wurden zurückbeordert.

Doch was bedeutet das wirklich? Ist das der Beginn einer Deeskalation - oder nur eine Atempause? Und was wollen die Konfliktparteien langfristig? Nahost-Experte Daniel Gerlach ordnet dies im Interview mit ZDFheute live ein.

Experte: Israel will dauerhafte militärische Präsenz

Die entscheidende Frage sei nicht, ob Israel die Hisbollah militärisch schwächen könne, sagt Gerlach - sondern wie im Libanon überhaupt eine staatliche Ordnung entstehen kann, die stark genug ist, Milizen zu kontrollieren. Denn genau das untergrabe Israel mit seiner Vorgehensweise:

Indem man einen Großteil der Bevölkerung vertreibt und den Süden des Landes unbewohnbar macht, bekämpft man sicher nicht den Geist, der der Hisbollah immer wieder Auftrieb gegeben hat.

Daniel Gerlach, Nahost-Experte

Nahost-Experte Daniel Gerlach

Trump wolle zeigen, dass er Netanjahu kontrolliert, so Nahost-Experte Gerlach. Obwohl Beirut nicht angegriffen wurde, sei eine für beide Konfliktparteien tragbare Einigung aber unwahrscheinlich.

01.06.2026 | 15:38 min

Gerlach verweist auf eine Idee, die in Israel seit Jahrzehnten fortbestehe - und für die Ministerpräsident Benjamin Netanjahu exemplarisch stehe: den einen, abschließenden Krieg im Libanon zu führen, nach dem endlich Ruhe herrsche. Israel verfolge in dem Nachbarland ein klares Ziel: eine dauerhafte militärische Präsenz. Netanjahu wolle einen Fehler korrigieren, den sein Rivale Ehud Barak im Jahr 2000 begangen habe - nämlich die Besatzung des Südens zu beenden.

Alles, auch wie Netanjahu jetzt gesprochen hat, deutet darauf hin, dass Israel eine dauerhafte militärische Präsenz im Süden des Libanon durchsetzen möchte.

Daniel Gerlach, Nahost-Experte

Eine bittere Ironie der Geschichte, denn laut Gerlach habe genau diese Besatzung maßgeblich zur Entstehung der Hisbollah beigetragen.

Nahost-Experte Daniel Gerlach in einem dunkelblauen Anzug mit weißem Hemd vor einem verschwommenen Hintergrund mit orange-dunkelblauem Licht bei Markus Lanz.
Quelle: ZDF

... ist Experte für den Nahen Osten und Nordafrika. An der Universität Hamburg studierte er Geschichte und Islamwissenschaft. Heute ist Gerlach als Publizist, Autor und Chefredakteur des Fachmagazins "zenith" tätig, das sich mit der muslimisch geprägten Welt beschäftigt. 


Wie könnte es im Nahost-Konflikt weitergehen?

Eine konkrete Prognose, wie es im Nahost-Krieg weitergehen könnte, verweigert der Nahost-Experte bewusst: "Die Ungewissheit ist Teil der Strategie der Konfliktparteien."

Dennoch schildert er das nach seiner Einschätzung wahrscheinlichste Szenario: Israel könnte von weiteren Bombardements in Beiruts Vororten Abstand nehmen, was gegenüber Washington als Zugeständnis gelten würde - und bekäme dafür stillschweigend amerikanische Duldung für die Ausweitung seiner Operationen im Süden des Landes.

Karte: Israel Libanon
Quelle: ZDF

Parallel dazu müsste Iran eine Formel finden, die es dem Mullah-Regime erlaubt, die Verhandlungen mit den USA fortzusetzen, ohne das Gesicht zu verlieren. Wie das gelingen soll, bleibt offen. "Das ist ein sehr, sehr komplexes Verhandlungsmuster", sagt Gerlach. Eine Einigung, die alle Seiten wirklich befriedigt, erwarte er in den nächsten ein bis zwei Wochen nicht.

ZDF-Korrespondent Thomas Reichart in Tel Aviv und ZDF-Reporter Alexander Poel in Beirut.

US-Präsident Trump erklärt, dass Israel und Hisbollah ihre gegenseitigen Angriffe stoppen werden. Alexander Poel in Beirut und Thomas Reichart Tel Aviv ordnen ein, was die Wendung bedeutet.

01.06.2026 | 11:28 min

Der Rückhalt für die Hisbollah schwindet

Gleichzeitig beobachtet er einen gezielten Keil, der in die schiitische Gemeinschaft getrieben werde: Viele schiitische Libanesen seien längst keine Hisbollah-Anhänger mehr. "Diese Solidarität hat aus nachvollziehbaren Gründen massiv abgenommen."

Genau das sei Teil des strategischen Spiels: Den Druck auf diesen Teil der Bevölkerung zu erhöhen, um die Hisbollah von ihrer zivilen Basis abzuschneiden. Israels Rechnung sei dabei simpel:

Man zerstört großflächig Gebiete, in denen schiitische Bevölkerung lebt. Denn nur dann, wenn man diese Bevölkerung vertreibt und diese Infrastruktur zerstört hat, kann die Hisbollah keine zivile Infrastruktur mehr nutzen.

Daniel Gerlach, Nahost-Experte

Entwicklunsgministerin Radovan auf der Medienmesse Re:publica 2026. Sie spricht in ein Mikrofon

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01.06.2026 | 1:20 min

Die Frage nach der militärischen Wirksamkeit sei dabei nicht einmal die entscheidende: "Der Punkt ist doch, welchen Preis ist die internationale Gemeinschaft bereit zu akzeptieren, der der libanesischen Bevölkerung aufgewälzt wird." Dass europäische Politiker diesem Treiben "relativ tatenlos und scheinbar auch gleichgültig" zusähen, sei ihm, so Gerlach, "ehrlich gesagt rätselhaft".

Europa müsse aufhören, das Land ausschließlich durch die amerikanische oder iranische Brille zu betrachten.

Wenn Libanon, Syrien, Palästina und Israel nicht irgendwann in Frieden miteinander leben, dann wird es keinem dieser vier Staaten gelingen - denn deren Schicksal hängt nun mal sehr eng miteinander zusammen.

Daniel Gerlach, Nahost-Experte

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Das Interview führte ZDFheute live-Moderator Philip Wortmann. Die Zusammenfassung ist von ZDFheute-Redakteurin Ninve Ermagan.

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Quelle: ZDF
Über das Thema berichtete ZDFheute live am 01.06.2026 ab 19:30 Uhr.
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