Hisbollah-Kritik wird lauter:Libanon: "Wir wurden in diesen Krieg hineingezerrt"
Wie den Libanon aus der Kriegsspirale herausholen? Nur durch einen stärkeren Staat, der sich gegen Irans Einfluss endlich durchsetzt, fordern Hisbollah-Kritiker im Land.
Nach Jahrzehnten unter dem Einfluss der Hisbollah regt sich Widerstand im Libanon. Die Menschen beginnen zu zweifeln am Versprechen der Miliz, nur sie könne den Libanon beschützen.
15.04.2026 | 11:41 minEs war das erste Aufeinandertreffen seit Jahrzehnten, auch wenn man keinen Handshake sah: Libanons Botschafterin in den USA traf ihren israelischen Amtskollegen in Washington - zu einem Auftakttreffen für direkte Verhandlungen. Das Ziel: eine Waffenruhe und ein permanenter Frieden. Während die pro-iranische Hisbollah-Miliz ihre Angriffe auf Israel fortsetzte und erklärte, das Treffen nicht ernst nehmen zu wollen, sehen Hisbollah-Kritiker im Libanon die Begegnung als historisch an.
Am Donnerstag kündigte US-Präsident Donald Trump eine zehntägige Waffenruhe zwischen den beiden Ländern an - Ziel sei ein "dauerhafter Frieden":
Ein Gespräch mit Lynn Harfouch, Mitglied im Führungsgremium der säkularen Partei "Nationaler Block" in Beirut.
ZDFheute: Frau Harfouch, Sie sind selbst Schiitin - auch in Ihrer Familie sind Hisbollah-Anhänger. Warum gingen Sie einen anderen Weg?
Lynn Harfouch: Weil ich die Machtexzesse der Hisbollah verurteile. Weil die Hisbollah Syriens Assad-Regime für dessen Besatzung des Libanon gedankt hatte. Weil die Hisbollah immerzu versucht, Libanons Schiiten von den anderen Religions- und Bevölkerungsgruppen abzutrennen, indem sie den Schiiten die Loyalität zu Irans Regime vorschreibt.
US-Präsident Trump hat auf Truth Social Gespräche zwischen Israel und dem Libanon angekündigt. Netanjahu sprach derweil davon, die Sicherheitszone im Süden des Libanon auszuweiten.
16.04.2026 | 0:24 minZDFheute: Sie haben vor den UN Anfang März gesagt, dass der Libanon in einem Krieg stecke, den er sich nicht ausgesucht habe.
Harfouch: Ja, wir wurden in diesen Krieg hineingezerrt von der Hisbollah. Sie hatte uns Garantien gegeben, dass sie nach der Eröffnung ihres Kriegs für Gaza am 8. Oktober 2023 nicht wieder in einen Krieg eintreten würde. Das war gelogen.
Zugleich verurteilen wir die israelische Aggression. Unser Land muss frei sein - frei von israelischer Kontrolle, frei von der Hisbollah - und allein unter der Herrschaft unseres Staates stehen.
Den Libanon von der Hisbollah zu befreien, darin seien sich die Verhandlungspartner wohl einig, sagt ZDF-Korrespondentin Claudia Bates, doch der Libanon fordert zuerst Waffenruhe.
14.04.2026 | 2:08 minZDFheute: Sie begrüßen das erste Aufeinandertreffen von Israel und Libanon?
Harfouch: Natürlich. Es ist ein erster Schritt. Er bringt uns dem Frieden näher, beendet den Kriegszustand, er zeigt, dass der Staat beginnt, seine Souveränität zu erlangen. Uns Libanesen macht es stolz, dass wir am Tisch sitzen und die einzige Richtlinie unser nationales Interesse ist - nicht ausländischer Einfluss.
Der Staat muss seine Autorität im ganzen Land etablieren. Nur er darf über Krieg und Frieden entscheiden.
Lynn Harfouch, Mitglied Partei "Nationaler Block"
ZDFheute: Die Hisbollah war fünfzehn Monate lang - während der "Waffenruhe" nach dem ersten Krieg - regelmäßig israelischen Angriffen ausgesetzt, aber antwortete nicht darauf. Wie haben die Schiiten die sechs Hisbollah-Raketen auf Israel am 2. März aufgenommen?
Lynn Harfouch verurteilt "die Machtexzesse der Hisbollah" in ihrem Land, dem Libanon. Sie ist selbst Schiitin und eine scharfe der Kritikerin der Miliz.
Quelle: ZDFHarfouch: Ich denke, niemand, der um ein Uhr nachts sein Haus verlassen und seine Kinder wegtragen musste, wäre glücklich oder gewillt, seine Sicherheit und sein Zuhause Irans Oberstem Führer zu opfern. Jeder war wütend, jeder lehnte diesen Krieg ab. Die Leute haben die Nase voll davon, ihre Häuser zwei-, dreimal wiederaufbauen zu müssen. Aber die Hisbollah zog ihre Basis mit Propaganda auf ihre Seite.
Sie träufelte den Leuten ein, dass der Staat keine Macht habe, dass Diplomatie die Israelis nicht stoppe, dass andere Bevölkerungsgruppen die Schiiten aus dem Libanon vertreiben wollten und die Miliz ihr einziger Beschützer sei. Nichts davon ist wahr. Jetzt tut sie so, als ob sie den Krieg gewinne - was eine totale Illusion ist, aber sie gibt den Menschen ein Machtgefühl.
ZDFheute: Israels Streitkräfte sollen Bint Jbeil eingekreist haben, eine Hochburg der Hisbollah im Süd-Libanon. Israel spricht von der Errichtung einer Sicherheitszone im gesamten Süden.
Harfouch: Meines Erachtens nach hat die Hisbollah diese israelische Invasion herbeigeführt. Denn das verschafft ihr nun wieder eine stärkere Legitimation. Sie hatte zuletzt finanziell einen schweren Stand, der Iran unterstützte sie nicht wie zuvor, sie konnte nicht mehr wie üblich Sozialhilfen an ihre Basis bezahlen, es gab keinen Wiederaufbau nach dem Krieg im Herbst 2024. Die Hisbollah wollte wieder als "Widerstand" wahrgenommen werden. Und das geht nur mit besetztem Land. Davon hängt ihre Existenz ab, also führt sie das immer wieder herbei.
ZDFheute: Die Mehrheit im Land will den Krieg nicht. Wo steht der Libanon gerade?
Harfouch: An einem sehr gefährlichen Punkt.
Sobald unser Staat aktiv wird, redet die Hisbollah von einem möglichen Bürgerkrieg. Sie droht der Staatsführung. Sie droht den anderen Bevölkerungsgruppen.
Lynn Harfouch, Mitglied Partei "Nationaler Block"
Sie greift systematisch die Souveränität des Landes an. Sie droht mit einem "Coup". Sie versucht, den Bruch der Schiiten mit dem Rest des Landes zu forcieren. Darauf darf unser Staat nicht hereinfallen. Nein, er muss noch mehr tun. Er hat die militärischen Aktivitäten der Hisbollah als illegal erklärt.
Nun muss er alle militärischen, sozialen, finanziellen Netzwerke der Miliz auflösen. Und die Armee - die einzigen legitimen Streitkräfte Libanons - überall im Land stationieren. Auch in den Hochburgen der Hisbollah. Wenn er das nicht macht, dann droht tatsächlich ein Bürgerkrieg - denn die anderen Bevölkerungsgruppen wollen so nicht mehr weiterleben.
Nach der vereinbarten Waffenruhe zwischen den USA und Iran hat das israelische Militär die libanesische Hauptstadt Beirut massiv bombardiert. Welche Folgen hat das für die ohnehin schon brüchige Waffenruhe?
09.04.2026 | 2:11 minZDFheute: Es scheint immer mehr Libanesen zu geben, die wie Sie aufbegehren, gegen die Miliz? Die Miliz ist auch für politische Morde bekannt.
Harfouch: Die Hisbollah bezichtigt jeden ihrer Kritiker, ein "Verräter" zu sein. Was ich mache, ist absolut gefährlich. Sie versucht, uns mundtot zu machen. Aber unsere Bewegung wird größer. Wir sagen den Schiiten: "Die Hisbollah kann Euch vor Israel nicht schützen. Eure Häuser wurden mehrfach zerstört, die meisten von Euch sind vertrieben. Und der Urheber dafür ist die Hisbollah. Eure Lösung ist einzig der Staat, nur der kann permanenten Frieden bringen. Und der Süd-Libanon ist libanesisches Land - nicht Hisbollah-Land!"
Noch etwas ist mir wichtig: Der Westen muss wissen, dass auch er Anteil daran hatte, in den vergangenen Jahren die Gefahr der Hisbollah zu vernachlässigen und Libanons Souveränität hintan zu stellen. Leider haben die westlichen Medien das nicht genug thematisiert.
Das Interview führte Golineh Atai in Beirut. Das Gespräch fand vor Trumps Ankündigung einer zehntägigen Waffenruhe statt.
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