Proteste im Iran: Warum das Regime so unter Druck steht

Interview

Expertin Düzen Tekkal ordnet ein:Iran-Proteste: "Regime ist so geschwächt wie nie zuvor"

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Die Proteste im Iran reißen nicht ab. Menschenrechtsaktivistin Düzen Tekkal über ein Regime, das an Macht verliert - und die Frage, wie weit es gehen wird, um sich zu halten.

Die iranische Nationalflagge, während der Milad-Telekommunikationsturm und Gebäude in Teheran, Iran, zu sehen sind am 31.03.2020.

Angesichts anhaltender Proteste im Iran hat Donald Trump der iranischen Führung mit einem Eingriff gedroht, falls Demonstranten angegriffen werden.

02.01.2026 | 1:47 min

Am sechsten Tag in Folge gehen im Iran Menschen auf die Straße. Es ist die größte Protestwelle seit den Aufständen unter dem Motto "Frau, Leben, Freiheit". Ausgelöst durch den Absturz der Landeswährung, getragen von jahrelanger Wut über Repression, Armut und Perspektivlosigkeit. Es gibt Berichte über mehrere Tote. Was mit spontanen Protesten von Händlern in Teheran begann, hat inzwischen weite Teile des Landes erfasst.

Journalistin und Menschenrechtsaktivistin Düzen Tekkal zur Frage, ob dieser Moment das Regime nun ins Wanken bringen könnte.

ZDFheute: Seit Sonntag protestieren Menschen im Iran gegen die massive wirtschaftliche Not. Ist das aus Ihrer Sicht ein rein wirtschaftlicher Aufstand - oder erleben wir gerade den Beginn einer neuen politischen Protestbewegung?

Düzen Tekkal: Im Iran haben wir es mit einem revolutionären Prozess zu tun, der bereits vor 2022 eingesetzt hat. Insofern ist die Protestbewegung nicht neu. Es gibt lediglich einen erneuten Anlass, und der ist wirtschaftlicher Natur.

Seit Inkrafttreten der Snapback-Sanktionen durch die europäischen E3-Staaten ist das Regime wirtschaftlich noch weiter in Bedrängnis geraten. Die Inflation sorgt dafür, dass die iranische Währung auf ein Rekordtief gesunken ist.



Der Großteil der Menschen steht nicht mehr hinter dem Regime - und das nicht erst seit gestern. Es gibt kaum ein anderes Land auf der Welt, in dem die Regierung die Bevölkerung so wenig repräsentiert wie im Iran.

Düzen Tekkal, Journalistin und Menschenrechtsaktivistin

Die reformorientierte Zeitung "Ham Mihan" veröffentlichte im September 2024 Auszüge aus einer Umfrage: Über 90 Prozent der iranischen Bevölkerung sind mit dem aktuellen Zustand des Landes unzufrieden; viele halten die Lage für "unreparierbar". Allein im Jahr 2025 gab es mehr als 1.500 Hinrichtungen - ein Rekordwert.

Demonstranten marschieren in der Innenstadt von Teheran bei einem Protest gegen die schlechten wirtschaftlichen Bedingungen.

Wegen der schlechten Wirtschaftslage und massiv steigender Preise gehen in Iran landesweit seit Tagen Menschen gegen die Regierung auf die Straße.

31.12.2025 | 1:33 min

ZDFheute: Was fordern die Demonstranten konkret?

Tekkal: Die Menschen fordern nicht weniger als die Abdankung des Regimes und einen Systemwechsel. Auf den Straßen hören wir Slogans wie "Tod dem Diktator" und "Islamische Republik - wollen wir nicht!" Kaum jemand im Land glaubt noch an die Reformierbarkeit des Systems.

ZDFheute: Es ist nicht die erste Protestwelle gegen das Regime. Was ist diesmal anders?

Tekkal: Bemerkenswert ist, dass die aktuellen Proteste bei den Bazaaris, den Händlern in Teheran, ihren Anfang nahmen. Sie gelten eigentlich als sehr systemtreu. Es waren die Bazaaris, die 1979 die Rückkehr von Khomeini ermöglichten, indem sie seinen Flug aus dem Pariser Exil finanzierten.

Düzen Tekkal
Quelle: Privat

... ist eine bekannte deutsche Journalistin, Menschenrechtsaktivistin, Autorin und Filmemacherin mit jesidisch-kurdischen Wurzeln. Sie gründete die Menschenrechtsorganisation HÁWAR.help e.V., die unter anderem ein Patenschaftsprogramm für im Iran von Hinrichtung bedrohte oder zu langjährigen Haftstrafen verurteilte politische Gefangene betreut. Für ihr Engagement wurde Tekkal mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Bundesverdienstkreuz.


ZDFheute: Ihre Organisation unterstützt politisch Verfolgte und steht in engem Kontakt mit Menschen vor Ort. Was berichten Ihnen die Menschen derzeit über die Lage?

Tekkal: Es ist eine äußerst prekäre Lage. Einerseits herrscht große Angst, dass das Regime noch brutaler gegen die Proteste vorgehen könnte. Bereits jetzt sind mindestens sechs Todesopfer zu beklagen. Zudem wächst die Sorge vor einer erneuten Konfrontation mit Israel.

In einem Verzweiflungsschlag könnte das Regime einen militärischen Angriff auf Israel ausführen und damit eine Kriegssituation herbeiführen, in der die Proteste im Inneren erstickt würden.

Düzen Tekkal, Journalistin und Menschenrechtsaktivistin

Gleichzeitig gibt es eine verzweifelte Hoffnung, dass diese Proteste den Beginn vom Ende des Regimes markieren könnten. Sollten entscheidende Teile der Führung zu den Protestierenden überlaufen, wäre das Regime kaum noch zu halten. Zum jetzigen Zeitpunkt lässt sich jedoch nur schwer eine Prognose abgeben.

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ZDFheute: Präsident Peseschkian räumt Fehler ein, macht Staat und Banken für die Inflation verantwortlich und kündigt Reformen an. Deuten diese Signale darauf hin, dass das Regime heute unter größerem Druck steht?

Tekkal: Ja, das Regime ist so geschwächt wie nie zuvor.

Der 12-Tage-Krieg mit Israel im Sommer 2025 war eine militärische Niederlage und für viele Menschen ein Beleg dafür, dass die politische und militärische Führung das Land im Ernstfall nicht schützen kann.

Düzen Tekkal, Journalistin und Menschenrechtsaktivistin

Der Großteil der Einnahmen, die das Regime erwirtschaftet, fließt in das militärische Atomprogramm und in Aufrüstung. Gleichzeitig leidet das Land unter massiven wirtschaftlichen und ökologischen Problemen. Die Bevölkerung bleibt dabei auf der Strecke.

ZDFheute: Wie real ist Trumps Drohung, sich in die Lage einzumischen?

Tekkal: Das ist eine sehr reale Drohung. Die Trump-Administration hat die militärischen Kapazitäten dazu, vor allem aufgrund der US-Präsenz im Persischen Golf. Wenn man sich die aktuellen Einsätze gegen das Maduro-Regime in Venezuela oder den aktuellen Militärschlägen gegen den "Islamischen Staat" in Nigeria vor Augen führt, dürfen wir annehmen, dass Trump seinen Worten auch Taten folgen lässt.

Eine Frau steht bei einem Protest im Iran auf einem Auto.

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ZDFheute: Was könnte die internationale Gemeinschaft jetzt konkret tun, um die Menschen im Iran zu unterstützen?

Tekkal: Ich nehme wahr, dass extrem wenig über die Proteste berichtet wird - teilweise leider auch falsch. Medien dürfen nicht wieder denselben Fehler machen, einfach die Narrative des Regimes über die Nachrichtenagenturen zu übernehmen.

Konkret muss die EU nun endlich die Islamischen Revolutionsgarden, die maßgeblich für die Gewalt gegen die Protestierenden verantwortlich ist, endlich auf die EU-Terrorliste gesetzt werden.

Düzen Tekkal, Journalistin und Menschenrechtsaktivistin

Die rechtliche Grundlage dazu ist schon längst da und würde noch einmal den Druck auf das Regime erhöhen.

Das Interview führte ZDFheute-Redakteurin Ninve Ermagan

Über dieses Thema berichteten verschiedene Sendungen, unter anderem heute Xpress am 02.01.2026 ab 12:10 Uhr.

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