EU-Siegel ohne Vereinigtes Königreich?:Großbritannien sorgt sich wegen "Made in Europe"
von Wolf-Christian Ulrich, London
Die EU-Kommission will ihre Wirtschaft gegen China verteidigen, hat deshalb "Made in Europe" erfunden. Das besorgt nun die Briten - sie hoffen, trotz Brexit mitmachen zu dürfen.
Bundeskanzler Merz empfängt den neuen britischen Premierminister Burnham. Die Länder wollen ihre Zusammenarbeit in der Cyberabwehr ausbauen, Burnham wirbt um die Teilnahme seines Landes am EU-Siegel "Made in Europe".
08.10.2026 | 1:34 minEs herrscht Aufregung bei britischen Autozulieferern wie WHS Plastics bei Birmingham - denn die EU plant, ein neues Siegel einzuführen: "Made in Europe" heißt es künftig bei Produkten, die größtenteils in der EU produziert werden.
Paul Nicholson, Chef des Kunststoff-Spritzguss-Spezialisten, fürchtet nun, dass britische Autos weniger wettbewerbsfähig werden, wenn auf denen nicht "Made in Europe" steht. "Das hätte katastrophale Auswirkungen", sagt er ZDFheute. "Die britische und die europäische Automobilindustrie sind eng miteinander verbunden, und ich glaube, dass der Ausschluss von Großbritannien aus 'Made in Europe' erhebliche Folgen für unser Geschäft hätte."
Das könnte größere Entlassungen bedeuten und großen finanziellen Schaden.
Paul Nicholson, WHS Plastics
Die EU will den europäischen Binnenmarkt stärken. Öffentliche Aufträge sollen in Zukunft demnach vor allem an europäische Unternehmen gehen. Aus dem Wirtschaftsministerium gibt es Kritik.
10.02.2026 | 0:48 minGroßbritannien bei "Made in Europe" außen vor?
"Made in Europe" steht im Zusammenhang mit dem geplanten europäischen Industrial-Accelerator-Act, einem Wirtschaftsförderungsprogramm. Mit ihm will die EU die verarbeitende Industrie in ausgewählten Bereichen stärken, insbesondere Stahl, Zement, Aluminium, Automobile und CO2-sparende Technologien. Ziel ist es, Arbeitsplätze in der EU zu schaffen und den Anteil der verarbeitenden Industrie am Bruttoinlandsprodukt von derzeit rund 14 Prozent auf 20 Prozent zu steigern.
Die Pläne der EU-Kommission, die derzeit in den Staaten und dem EU-Parlament beraten werden, sehen vor, dass bei öffentlichen Aufträgen solche Produkte bevorzugt werden, die zu einem Großteil in der EU gefertigt wurden.
Britische Produzenten fürchten nicht nur finanzielle Nachteile durch weniger Aufträge, sondern auch einen Image- und Vertrauensverlust bei den Kunden, wenn auf ihren Waren nicht "Made in Europe" klebt.
Während Xi Jinping auf Donald Trump in Washington trifft, sucht die EU einen gemeinsamen Kurs gegenüber China. Wie kann sie ihre Wettbewerbsfähigkeit stärken und Abhängigkeiten verringern?
24.09.2026 | 2:15 minÜber Nacht nicht mehr wettbewerbsfähig?
"Über Nacht sind wir dann nicht mehr wettbewerbsfähig", sorgt sich Michael Hawes von der Society of Motor Manufacturers and Traders - dem Verband der Autoindustrie - im Gespräch mit ZDFheute. "Das macht es viel schwerer, Investitionen anzulocken und die Menge unserer Produktion zu halten."
Der japanische Autohersteller Nissan etwa droht, die Fabrik im nordenglischen Sunderland zu schließen, wenn das Vereinigte Königreich nicht zu "Made in Europe" gehört.
Auch EU-Firmen betroffen
Auch EU-Firmen, die in Großbritannien produzieren, seien von den Folgen betroffen, mahnt Ulrich Hoppe, Geschäftsführer der Deutsch-Britischen Industrie- und Handelskammer in London.
Noch diskutiert man in Brüssel und den EU-Staaten darüber, was genau die Regeln für "Made in Europe" sein sollen und wer mit dazugehört - gleichgesinnte Staaten mit engen wirtschaftlichen Beziehungen zur EU, wie etwa die Schweiz und Norwegen, aber auch Südkorea und Japan.
Andy Burnham muss die Labour-Partei von sich überzeugen. Bei seiner ersten Rede als Premier versprach er viel. Wird seine Partei da mitziehen?
25.09.2026 | 2:14 minDa die Regeln wohl vorwiegend öffentliche Aufträge betreffen, sei auch die Rüstungsindustrie betroffen, befürchtet Hoppe. Er fordert deshalb, das Vereinigte Königreich in das "Made in Europe"-Programm einzubeziehen.
Die Briten sind auch gerade ein großer Partner bei der Unterstützung der Ukraine, obwohl sie nicht in der EU sind. Von daher macht es wirtschaftlich Sinn, dass wir sie mit dabei haben.
Ulrich Hoppe, Deutsch-Britische Industrie- und Handelskammer
Für die britische Labour-Regierung ist "Made in Europe" ein Problem. Sie will nicht nur eine Annäherung an die EU, sondern auch neue Arbeitsplätze in der Produktion schaffen, vor allem im strukturschwachen Norden Englands. "Doch das lässt sich nicht verwirklichen, wenn die Automobilindustrie zusammenbricht", sagt der britische Politologe Anand Menon.
Am 23. Juni 2016 ist klar: "UK is out". Knapp 52 Prozent stimmten für den EU-Austritt. Zehn Jahre und sechs Premierminister später hält die Mehrheit den Brexit für einen Fehler.
23.06.2026 | 2:38 minProblem für die britische Regierung
"Made in Europe" sei die erste von einer Reihe von Maßnahmen, die europäische Wettbewerbsfähigkeit gegen Länder wie China sichern sollen. Die Briten müssten zusehen, dabei nicht unter die Räder zu geraten, so Menon.
Unsere Kernfrage ist: ob wir da hinten runterfallen oder die Europäer irgendwie überreden können, dass wir mitmachen dürfen.
Anand Menon, Thinktank "UK in a Changing Europe"
Die bittere Wahrheit beim Streit um "Made in Europe": Hier zeigt sich, wie der Brexit der britischen Wirtschaft schaden könnte.
Wolf-Christian Ulrich ist ZDF-Korrespondent für das Vereinigte Königreich und Irland.
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