Gaza: Wie ist die Lage nach 10 Monaten vermeintlicher Waffenruhe?

Exklusiv

Nach zehn Monaten Waffenruhe in Gaza:Israel und Gaza: Warum nun sogar der Krieg zurückkehren könnte

von Thomas Reichart

|

Israel verlangt die Entwaffnung der Hamas. Die Hamas den Abzug Israels. Und ein israelischer Minister provoziert. Ein Besuch in einer Klinik in Gaza-Stadt zeigt, wer den Preis zahlt.

Eine Mutter läuft mit ihren beiden Kindern vorbei an zerstörten Häusern in Gaza.

Mehr Fehlgeburten, kaum medizinische Ausrüstung: Die Lage in Gaza bleibt katastrophal - vor allem Mütter und Kinder leiden.

19.08.2026 | 6:20 min

In einem Zimmer des Al Helou Krankenhauses in Gaza-Stadt bangen Zainab und Nadi Al-Omari um ihr Baby. Zainab ist im sechsten Monat schwanger und hatte eine Ablösung der Plazenta. Die Sorge ist, dass ihr Kind im Bauch nicht mehr ausreichend mit Sauerstoff und Nährstoffen versorgt werden könnte.

"Seit einem Monat kommen wir immer wieder ins Krankenhaus und wissen nicht mehr weiter", erzählt ihr Mann Nadi. "Der Arzt sagt, es liegt in Gottes Hand, das Baby kann überleben oder sterben."

PALESTINIAN-ISRAEL-CONFLICT-GAZA

Monate nach Inkrafttreten der Waffenruhe im Gazastreifen setzt Israel seine Angriffe fort. Die Lebensbedingungen der palästinensischen Bevölkerung bleiben katastrophal.

28.07.2026 | 2:39 min

Gelbe Linie in Gaza hat sich verschoben

Seit dem 10. Oktober 2025 herrscht in Gaza eine brüchige Waffenruhe. Seitdem hat Israels Armee mehr als 1.200 Palästinenser bei Angriffen getötet. Und sie hat immer mehr Land besetzt. Die sogenannte gelbe Linie, auf die sich Israels Armee ursprünglich zurückgezogen hatte, umfasste gut die Hälfte der Fläche des Gazastreifens. Inzwischen sind es nach jüngsten Angaben der Armee fast 70 Prozent.

Die Versorgungslage in Gaza bleibt katastrophal. Und das trifft die Verwundbarsten - zum Beispiel Schwangere wie Zainab.

Wasserverteilung in Gaza-Stadt. Im Hintergrund sind Trümmer

Im Gazastreifen herrscht seit Oktober offiziell eine Waffenruhe, doch die Lage der Palästinenser bleibt katastrophal. Sanitäranlagen sind zerstört, humanitäre Hilfe lässt Israel nur bedingt zu.

16.06.2026 | 1:46 min

Zunahme an Fehlgeburten

Die Palästinensische Medizinische Hilfsgesellschaft geht davon aus, dass es im ersten Halbjahr dieses Jahres fast 4.000 Fehlgeburten in Gaza gegeben habe. Gut drei Mal mehr als im Halbjahr zuvor, als es rund 1.200 waren.

"Die Zahlen haben uns nicht überrascht. Sie könnten sogar noch höher liegen", sagt Dr. Eiyada Abu Hassira, Gynäkologe im Al Helou Krankenhaus. "Wir sehen eine hohe Zahl an Fehlgeburten. Anfangs behandelten wir ein bis zwei Fälle pro Tag. Mittlerweile sind es sechs bis sieben. Und es werden immer mehr." Ärzte nennen als Ursachen Mangelernährung, Infektionen durch verschmutztes Wasser und die Härten eines Lebens in Ruinen und Zelten mit einer zerstörten Infrastruktur.

Der werdende Vater Nadi Al-Omari erzählt, dass sie mit einem Auto von Beit Lahia in ein Flüchtlingslager fahren mussten. "Nach dem Durchschütteln im Auto, dem Fahren, dem Ein- und Aussteigen und solchen Dingen ist ihr das passiert", erzählt er. Also die Ablösung der Plazenta.

Ein Kind mit einem Topf in den Händen vor einem Schuttberg in gaza.

Israel kontrolliert weiterhin Teile des Gazastreifens und dringt weiter in bestimmte Gebiete vor. Für die Palästinenser wird der verbliebene Wohnraum somit immer kleiner.

18.05.2026 | 1:32 min

Wer ist verantwortlich für die Gesundheitskrise in Gaza?

Wir sprechen mit Ismail Al-Thawabta. Er ist der Leiter des Medienbüros der Hamas-Regierung und vertritt die radikal-islamistischen Hamas-Positionen. Die Videoschalte zu ihm nach Gaza friert immer wieder ein.

"Die israelische Besatzung verhindert die Einfuhr medizinischer Geräte in den Gazastreifen", so Al-Thawabta. "Derzeit gibt es im gesamten Gazastreifen kein einziges MRT-Gerät. Dieses Gerät ist für die Diagnose katastrophaler Fälle im Gazastreifen äußerst wichtig, insbesondere da die Zahl der Verletzten über 174.000 liegt."

Die Zahlen stammen von Gazas Gesundheitsministerium, das von der Hamas dominiert wird. Unabhängig überprüfen lassen sie sich nicht.

Zerstörtes brennendes Auto nach einem israelischen Luftangriff im Süden von Gaza-Stadt.

Türkei, Katar und Ägypten kritisieren Israels jüngste Angriffe im Gazastreifen als Verstoß gegen das Völkerrecht. Nach palästinensischen Angaben wurden mehr als 20 Menschen getötet, darunter Kinder.

04.08.2026 | 0:23 min

Israel weist Verantwortung von sich

Bei Tel Aviv treffen wir Yakov Amidror. Er war Chef des Nationalen Sicherheitsrats von 2011 bis 2013, damit einer der wichtigsten Berater für den Premierminister, der auch damals Netanjahu hieß. Heute ist er eine Art inoffizielles Sprachrohr der Regierung. Wir fragen auch ihn. Ist Israel verantwortlich für die Gesundheitslage in Gaza?

"Überhaupt nicht", findet Amidror. "Es war eine Entscheidung der Palästinenser vom 7. Oktober, die Gräueltaten vom 7. Oktober zu begehen. Wir hatten keine andere Wahl, als gegen die Hamas vorzugehen. (…) Die Tatsache, dass die meisten, wenn nicht sogar alle Krankenhäuser zerstört wurden, ist eine Folge des Krieges, da sie von der Hamas für den Kampf gegen Israel genutzt wurden."

Hoffnung auf Frieden durch US-Vermittlung

In Gaza haben sie gehofft, als Donald Trump Ende Juli einen Durchbruch zum Frieden verkündete. Aber Israels Premier Benjamin Netanjahu lehnte Trumps Plan ab.

Seither versucht Washington zu retten, was zu retten ist. Trumps Schwiegersohn und Sondergesandter, Jared Kushner, reiste Anfang der Woche in die Region. In Ägypten traf er sich mit Hamas-Chef Chalil al-Hajja, danach in Jerusalem mit Netanjahu. Doch alles, was Kushner erreichte, war die Einrichtung von zwei Arbeitskreisen.

Ein Mann arbeitet zwischen Trümmern in Gaza Stadt nach israelischen Angriffen.

Nachdem der US-Sondergesandte Kushner mit Hamas-Chef Chalil al-Haya gesprochen hat, will er US-Pläne für Frieden in Gaza mit Benjamin Netanjahu besprechen. Dieser lehnte bislang ab.

17.08.2026 | 0:26 min

Sicherheitsminister provoziert - sein Land reagiert kaum

Schon vor seiner Ankunft in Israel trat Netanjahus Minister für Nationale Sicherheit, Itamar Ben Gvir auf den Plan.

In einem Podcast erklärte Ben Gvir: "Ich finde, in Gaza sollte es gezielte Tötungen geben, jede Nacht 30 bis 40 Menschen. Nicht nur die, die eine unmittelbare Bedrohung sind - es gibt dort Menschen, die es nicht verdienen, zu leben. Sie sollten nicht leben. Sie sind nicht mal Menschen."

Anders als in Deutschland gibt es in Israel kaum Reaktionen darauf. Insbesondere Netanjahu selbst schweigt seit Tagen. Öffentlich äußert er keine Kritik an seinem Minister, der zwar keine Befehlsgewalt über die Armee hat, aber immerhin mit im Sicherheitskabinett sitzt.

sgs-goekdemir-roewekamp

Als "völlig inakzeptabel" bewertet der CDU-Politiker Röwekamp die umstrittenen Äußerungen des israelischen Ministers Ben-Gvir zu Gaza. Röwekamp fordert Einreisesperren der EU.

20.08.2026 | 4:33 min

Das mag auch daran liegen, dass Ben Gvirs antiarabischer Rassismus und seine rechtsextremistischen Positionen bei weitem nicht nur am Rande der israelischen Gesellschaft verfangen.

Und auch mit seiner Vorstellung, in Gaza wieder massiv anzugreifen, steht er nicht alleine da.

Auch Amidror, der ehemalige Chef des Nationalen Sicherheitsrats, betont im Interview mit dem ZDF: "Wir haben den Krieg noch nicht beendet. Wir stehen jetzt an der gelben Linie und warten. Entweder wird das auf diplomatischem Wege beendet - mit den 20 Punkten -, oder es wird mit Gewalt beendet, durch Israels Armee."

Auf die Frage, wie das denn aussehen würde, antwortet er: "Wiederaufnahme des Krieges."

Kein diplomatisches Abkommen: die Folgen

Drei Wochen nach dem Dreh im Krankenhaus bitten wir unsere Kollegin in Gaza, die Al-Omaris in Jabalia wieder zu treffen.

Das Treffen wird schwieriger als gedacht. Plötzlich tauchen Männer in Zivil auf und stellen Fragen. Sie muss den Dreh abbrechen.

"Die Hamas ist im Niedergang, sie ist geschwächt", sagt Ahmad Fouad Alkhatib, Senior Fellow am Atlantic Council in Washington. "Der einzige Bereich, in dem sie noch Macht hat, ist nach innen - gegen die Menschen in Gaza, die unbewaffnet sind und wehrlos." Was trotzdem bleibt von dem Besuch, ist ein kurzes Interview mit Zainab, der Mutter. Ihr Baby, sagt sie, kam als Notkaiserschnitt zur Welt.

"Das Kind lag drei Tage auf der Frühgeborenenstation. Danach hat die Nabelschnur geblutet und das Kind ist gestorben. Diese Tage waren sehr schwer für mich. Wirklich sehr schwer."

Thomas Reichart ist Studioleiter im ZDF Studio Tel Aviv.

Lassen Sie sich Beiträge von ZDFheute bevorzugt bei Google anzeigen.
→ Hier ZDFheute als bevorzugte Quelle einstellen.


Über dieses Thema berichtete das auslandsjournal am 19.8.26 um 22:15 Uhr.

Mehr zum Nahost-Konflikt

  1. Menschen warten auf die Ausgabe von kostenlosen Lebensmitteln in Gaza.

    186 davon im Gazastreifen:2025 starben weltweit 350 humanitäre Helfer

    mit Video0:24

  2. Archiv: Palästinenser begutachten zerstörte Gebäude nach einem israelischen Luftangriff im zentralen Gazastreifen.
    FAQ

    Trump verkündet Vereinbarung:Entwaffnung der Hamas? Was der Plan für Gaza vorsieht

    mit Video2:40

  3. Mamdani spricht anlässlich des 250. Jahrestags der Gründung Amerikas

    New Yorks Bürgermeister :Mamdani: Prüfe Festnahme von Netanjahu bei UN-Versammlung

    mit Video2:43

  4. Mitglieder der Beduinengemeinschaft von Chan al-Ahmar, gelegen zwischen der Stadt Jericho im Westjordanland und Jerusalem nahe der israelischen Siedlung Ma'ale Adumim

    Bericht von Menschenrechtsorganisation:Amnesty International: Israel begeht "ethnische Säuberungen"

    mit Video4:44