Kulturkampf in Frankreich:Rechtsruck bei Verlag? Autoren-Protest gegen Milliardär
von Luis Jachmann, Paris
Ein Verlagschef muss gehen. Autorinnen und Autoren empören sich darüber. Und nun diskutiert Frankreich über einen Rechtsruck in der Kulturszene.
Weil Medienmogul Bolloré dem langjährigen Chef des Traditionsverlags "Grasset" kündigt, verlassen Autoren den Verlag, bangen um Meinungsfreiheit und einen Rechtsruck in Frankreichs Literaturwelt.
28.04.2026 | 2:07 minGanz unscheinbar, in einer Pariser Seitenstraße, hat der Grasset-Verlag seinen Sitz. Seit weit über 100 Jahren treffen sich hier Lektorinnen und Autoren, feilen gemeinsam an Korrekturen im Manuskript. Der kolumbianische Literaturnobelpreisträger Gabriel García Marquez, der italienische Philosoph Umberto Eco und auch Virginie Despentes, feministische Ikone in Frankreich, haben bei "Grasset" veröffentlicht.
Letztere hat angekündigt, dem Verlag den Rücken zu kehren. 200 weitere Schriftstellerinnen und Schriftsteller haben sich ihr angeschlossen. Zusammen haben sie einen offenen Brief verfasst. Darin kritisieren sie scharf, dass der Verlagschef Olivier Nora nach 26 Jahren gehen muss:
Wir weigern uns, Geiseln eines ideologischen Krieges zu sein, der darauf abzielt, Autoritarismus in Kultur und Medien durchzusetzen.
Auszug aus dem offenen Brief, Autorinnen und Autoren des Grasset-Verlags
Auch in Deutschland gibt es Proteste in der Kulturszene: Weimer verteidigt im Kulturausschuss den Ausschluss dreier linker Buchläden mit Hinweisen des Verfassungsschutzes. Opposition und Kulturszene sprechen von Einschüchterung.
18.03.2026 | 2:48 minVorwürfe gegen ultrakonservativen Besitzer
Schwerwiegende Anschuldigungen. Hauptverantwortlich dafür machen die Verfasserinnen und Verfasser des Briefes den französischen Medienunternehmer an der Spitze des Verlags: Bereits 2023 hat Vincent Bolloré, ultrakonservativer Multimilliardär, die Verlagsgruppe "Hachette" übernommen, zu der "Grasset" gehört.
Drei Jahre später hat er den langjährigen Verlagschef geschasst. Bolloré wehrt sich gegen Vorwürfe, er würde "Grasset" nun stramm nach rechts ausrichten:
Was die Angriffe auf meine 'Ideologie' angeht, so möchte ich noch einmal betonen: Ich bin Christdemokrat.
Vincent Bolloré, Medienunternehmer
Milliardär baut sein Medienimperium stetig aus
Seine Verlagsgruppe "Hachette" werde weiterhin alle Autoren veröffentlichen, "die das wünschen", schreibt Bolloré. Er begründet die Ablösung des bisherigen Verlagschefs vor allem mit ausbleibendem wirtschaftlichen Erfolg.
Bolloré hat seine Reaktion im "Journal du Dimanche" platziert. Auch die auflagenstarke rechtskonservative Wochenzeitung gehört zu seinem Medienimperium - neben etwa dem Boulevardblatt Paris Match und dem Radiosender Europe 1.
Besonders erfolgreich ist der Nachrichtensender "CNews", der zur Canal-Plus-Gruppe zählt. Bolloré ist größter Anteilseigner. Von der französischen Medienaufsicht wurde "CNews" mehrfach wegen Diskriminierung von Muslimen abgestraft, musste sechsstellige Bußgelder zahlen.
Kritische Werke künftig vor dem Aus?
Mit all dem möchte Viktor Lazlo nicht mehr in Verbindung gebracht werden. Die 65-Jährige forciert ihren Abschied von "Grasset". Die langjährige Popsängerin, die vor allem in den 1980ern und 1990ern Erfolge feierte, hat danach Romane veröffentlicht, die sich kritisch mit Rassismus und der Kolonialzeit auseinandersetzen. Sie rechnet damit, dass ihre Themen im Verlag zukünftig kaum noch Gehör finden. Im nächsten Jahr sollte ein neues Buch von ihr bei "Grasset" erscheinen. Davon rückt sie jetzt ab.
In Ungarn hat der Wahlsieger Peter Magyar angekündigt, Nachrichtensendungen der staatlichen Medien vorerst auszusetzen und neu auszurichten. Zudem forderte er Präsident Sulyok zum Rücktritt auf.
15.04.2026 | 1:06 minEin echter Bruch mit dem Verlag sei aber schwierig, weil dieser noch die Rechte an ihren bisher erschienenen Büchern besitzt, sagt Lazlo.
Was bei Grasset gerade passiert, ist eine Begleiterscheinung. Es steht für eine Entwicklung, die auf uns alle zurollt und die ich persönlich spüre.
Viktor Lazlo, Autorin
Debatte über Rechtsruck - ein Jahr vor Präsidentschaftswahl
Immer weniger Personen bestimmten den öffentlichen Diskurs, meint sie. Lazlo sieht die Gefahr, dass ein Rechtsruck über die Literaturbranche hinaus die Gesellschaft erfasst. Ein Jahr vor der Präsidentschaftswahl. 2027 tritt der aktuelle Präsident nicht mehr an. Zur Causa "Grasset" geäußert hat sich Emmanuel Macron dennoch: "Es ist sehr wichtig, den Meinungspluralismus zu verteidigen."
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Der Kandidat der extremen Rechten im Rampenlicht
Ein möglicher Nachfolger Macrons 2027 hat sein letztes Buch bei einem Verlag veröffentlicht, der zum Medienimperium Bollorés gehört: Jordan Bardella von der extrem rechten Partei "Rassemblement National" bringt sich in Stellung.
Und der politische Ziehsohn von Marine Le Pen bekommt regelmäßig viel Bildfläche, um seine Ideen zu verbreiten. Erst am Sonntag zierte Bardella die Titelgeschichte der Wochenzeitung "Journal du Dimanche". Ein Gastauftritt in Bollorés Kosmos, dem weitere folgen dürften.
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