Marseille: Macrons Milliarden-Plan

Wie steht es um das Prestigeprojekt?:Macrons Milliarden-Plan für Marseille

von Lukas Nickel, Marseille

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Frankreich greift für Marseille tief in die Tasche. Das Ziel: die in Teilen heruntergekommene Stadt auf Vordermann bringen. Wie steht es um Macrons Milliarden-Plan?

Straße in Marseille

In einem Großprojekt in Marseille investiert die französische Regierung in Schulen, öffentlichen Nahverkehr und Sicherheit, um Armut und Drogenhandel zu bekämpfen.

25.02.2026 | 2:13 min

Nina Borgel steht in einer dunklen Produktionshalle vor einigen Holzbrettern, die sie für das nächste Filmprojekt braun anmalt. Baustrahler scheinen auf ihr Gesicht. Nicht das erste Thema, an das man bei Marseille denkt, aber doch Teil von "Marseille en Grand": Die Stadt soll zu einem Zentrum für das französische Kino werden. In diesem Rahmen hat sich die Filmschule CinéFabrique in der Stadt angesiedelt, an der Borgel lernt.

Sie ist in Marseille aufgewachsen und wollte gerne Szenenbildnerin werden, doch private Schulen seien zu teuer gewesen. Umso glücklicher ist sie, hier einen Platz bekommen zu haben.

Ich wollte mich nicht gleich zu Beginn meines Berufslebens verschulden. Ohne diese öffentliche Schule hätte ich diese Ausbildung wahrscheinlich nie gewagt.

Nina Borgel, Schülerin an der CinéFabrique

Die Schule legt Wert auf junge Menschen mit verschiedenen sozialen Hintergründen. So erhalten der Einrichtung zufolge etwa 60 Prozent der insgesamt mehr als 170 Schüler staatliche Unterstützung bei ihrer Ausbildung. Allerdings kommt bisher nur ein kleiner Teil aus Marseille selbst.

Häuserfassaden an der Rue d’Aubagne in Marseille
Bilderwand des Opfervereins "Collectif des Familles"
Zwei Schüler haben in einem Raum eine Kamera aufgebaut und testen das Bild.

Marode Häuser in der Rue d’Aubagne

Auch Wohnraum soll erneuert werden. So auch hier in der Rue d’Aubagne, wo 2018 zwei Häuser einstürzten und mehrere Menschen starben.

Quelle: ZDF

Insgesamt sollen 15 Milliarden Euro investiert werden

Über die Stadt wurde in der Vergangenheit häufig im Kontext von Drogenkriminalität berichtet. Besonders die nördlichen Viertel gelten für Jugendliche als gefährlich. Bei "Marseille en Grand" geht es daher auch um Themen wie Sicherheit, Infrastruktur und Bildung.

Staatspräsident Emmanuel Macron hatte das Projekt 2021 mit viel Pomp angekündigt. Insgesamt sind 15 Milliarden Euro Investitionen vorgesehen. Fünf Milliarden davon fließen direkt vom Staat in die Mittelmeerstadt. Ein Projekt in dieser Form ist besonders, selbst für die zentralistisch organisierte französische Republik. So ist Marseille die einzige Stadt in Frankreich, in der der Staat direkt Schulen mitbaut. Bisher wurden 27 Schulen in Marseille neu gebaut, außerdem werden viele bestehende marode Einrichtungen renoviert.

symbolbild - drogenhandel

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Neue Schulen und Infrastruktur für arme Stadtviertel

Wie das aussieht, kann man ein paar Gehminuten von der CinéFabrique sehen. Die Filmakademie liegt im dritten Arrondissement von Marseille, einem der prekären Viertel des Landes: Gut die Hälfte der Bevölkerung gilt hier laut französischer Statistikbehörde Insee als arm oder von Armut gefährdet. Für insgesamt 15 Millionen Euro wurde in diesem Viertel ein Schulkomplex mit Vorschule und Grundschule errichtet.

Ein anderes Schulprojekt, ein paar hundert Meter weiter, ist gerade im Bau. Das Gebäude wirkt hell und offen, es gleicht mehr einem Architekturprojekt als einer Schule. Vor dem Eingang wartet eine Gruppe von Müttern auf ihre Kinder. In Marseille sprechen viele nicht gern mit Medien, zu oft haben sie sich von der Berichterstattung stigmatisiert gefühlt, doch eine junge Frau traut sich. Sie freue sich natürlich über den Neubau in ihrem Viertel. "Vorher mussten wir unsere Kinder in ein anderes Viertel zur Schule bringen, weil es in unserem Bezirk nicht genug Platz gab. Jetzt müssen wir nicht mehr so weit fahren und sind näher an unserem Zuhause", sagt sie.

 Ein Mensch bittet um finanzielle Hilfe «für Essen» in der weihnachtlich dekorierten Mönckebergstraße.

Auch in Deutschland gelten laut dem Armutsbericht des paritätischen Wohlfahrtverbandes wieder mehr Menschen als arm. Gefährdet sind junge Erwachsene, Rentner sowie Alleinerziehende.

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Ein weiteres Großprojekt, für das man sich in Paris lobt: Die prekären Quartiers Nord sollen besser an den Rest der Stadt angebunden werden. So wurde vor einigen Wochen ein Teil einer Tram-Erweiterung eröffnet, die vom Marseiller Süden bis in den Norden geht.

Deutliche Kritik vom Rechnungshof

Im Oktober 2024 hatte der französische Rechnungshof, der die Ausgaben des Staates überwacht, "Marseille en Grand" stark kritisiert. Es gebe keine einheitliche Vision, der Plan sei unausgereift und seine Umsetzung unvollständig, sagte die Präsidentin der Regionalkammer laut Medienberichten. Ende vergangenen Jahres, bei einem erneuten Besuch von Macron in Marseille, wollte der Élysée-Palast nichts mehr von der Kritik wissen. Etwas mehr als 60 Prozent der Mittel seien mittlerweile gebunden, also mindestens in konkreten Projekten verplant.

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Was bei vielen in Marseille dennoch hängen bleibt: Grundlegend ändert sich die Situation nicht. Und weiterhin sterben Jugendliche auf der Straße, sagt etwa Laetitia Linon vom Opferverein Collectif des Familles. Auch wenn es sichtbare Veränderung gibt. 48 Familien gehören dem Verein an, sie alle haben jemanden durch die Kriminalität in Marseille verloren. Sie glaubt dennoch daran, dass es der Stadt besser gehen kann.

Wir könnten nicht jeden Tag aufstehen, wenn wir denken würden, dass der Krieg verloren ist.

Laetitia Linon, Collectif des Familles

Aber die Probleme von Marseille seien nun einmal Jahrzehnte alt. In nur ein paar Jahren könne man diese nicht lösen, auch mit viel Geld nicht.

Über dieses Thema berichtete heute in europa am 25.02.2026 ab 16:00 Uhr.

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