Briefe gegen Geburtenrückgang:Frankreich startet Kampagne fürs Kinderkriegen
von David Coenenberg, Paris
Frankreichs Regierung will zum Thema Kinderwunsch aufklären. Alle 29-Jährigen sollen einen Brief bekommen. Das Ziel: Die Geburtenrate ankurbeln. Was steckt dahinter?
Die Zahl der Todesfälle übersteigt die Zahl der Geburten in Frankreich. Im Sommer sollen alle 29-Jährigen einen Brief bekommen, damit sie sich über das Kinderkriegen Gedanken machen.
19.02.2026 | 1:54 minMittagspause in der Pariser Innenstadt. Emma, eine Passantin, eilt unter Nieselregen zum Bäcker. Angesprochen auf die aktuellen Pläne der Regierung reagiert sie skeptisch. Dramatisch sei das. Eine solche Einmischung des Staates in die Privatsphäre finde sie nicht in Ordnung. Auch Laura teilt diese Meinung:
Man sollte dazu keine Briefe verschicken. Jeder soll über seinen Körper und sein Leben selbst entscheiden dürfen.
Laura
Benjamin sieht das pragmatischer. Informationen könnten nicht schaden, jedoch: "Ich glaube kaum, dass ein Brief von der Regierung dazu motiviert, Kinder zu bekommen."
Südkorea hat die niedrigste Geburtenrate aller OECD-Länder: 0,75 Kinder pro Frau. Geht das so weiter, wird sich die Bevölkerung bis zum Ende des Jahrhunderts halbieren, so Experten.
10.06.2025 | 2:24 minWas Frankreichs Regierung plant
In Frankreich hat die Regierung vor, allen 29-Jährigen einen Brief zu schicken. Er soll über Fruchtbarkeit aufklären und dazu beitragen, dass junge Menschen sich früher für Kinder entscheiden. Über drei Millionen Menschen sind in Frankreich laut Gesundheitsministerium von Unfruchtbarkeit betroffen. Nun möchte die Regierung über das Thema aufklären und hofft, die sinkenden Geburtenraten des Landes wieder anzukurbeln.
Dazu hat die zuständige Ministerin Stéphanie Rist Anfang Februar ein Maßnahmenpaket angekündigt. Präsident Emmanuel Macron verspricht bereits seit mehreren Jahren Ansätze zur "demografischen Aufrüstung".
Jede achte Frau erkrankt im Laufe ihres Lebens an Brustkrebs. Besonders für junge Frauen kommt die Diagnose oft überraschend - und gefährdet häufig auch die eigene Fruchtbarkeit.
19.10.2025 | 2:45 minAusbau der Beratung und Infrastruktur geplant
16 Punkte umfasst das Vorhaben, das laut Rist die "sofortige Umsetzung konkreter und längst überfälliger Maßnahmen" verspricht. Der Schwerpunkt liegt dabei auf der Aufklärung. In der ab Sommer geplanten Post sind Informationen zur sexuellen und reproduktiven Gesundheit enthalten. Die Bevölkerung soll in erster Linie über das Risiko aufgeklärt werden, zu lange zu warten.
Neben Informationen zur sinkenden Fruchtbarkeit im Alter sollen auch alternative Wege für den Kinderwunsch angesprochen werden. Besonders das Einfrieren der Eizellen und die entsprechenden Anlaufstellen stehen hier im Mittelpunkt. Zudem soll ein Ausbau der Infrastruktur vorangetrieben werden.
Viele Frauen wollen Kinder, aber es fehlt der Partner oder die Karriere geht gerade vor. Eine Möglichkeit, um dem Ticken der biologischen Uhr zu entgehen, ist es, Eizellen einzufrieren.
21.08.2025 | 2:40 minZu den 40 existierenden Zentren zur Konservierung von Eizellen sollen bis 2028 noch 30 hinzukommen. Im Internet soll eine neue Website der Regierung zu dem Thema als Anlaufstelle dienen. Gesundheitsministerin Rist betont: "Die Aufgabe der Politik besteht nicht darin, zu sagen, ob man Kinder haben soll oder in welchem Alter."
Was man vermeiden muss, ist, weiterhin zu hören: 'Hätte ich doch nur gewusst'.
Stéphanie Rist, französische Gesundheitsministerin
Erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg verzeichnete Frankreich im Jahr 2025 mehr Todesfälle als Geburten, so Zahlen des französischen Instituts für Statistik und Wirtschaftsstudien. In Deutschland ist das laut dem Statistischen Bundesamt bereits seit 1972 so.
Die Bevölkerungszahl in Deutschland ist ersten Schätzungen zufolge im Jahr 2025 um etwa 100.000 auf rund 83,5 Millionen gesunken.
29.01.2026 | 0:21 minReichen Informationsbriefe allein aus?
Doch nicht nur biologische Faktoren spielen eine Rolle beim Thema Kinderwunsch. Es geht vor allem auch um soziale und wirtschaftliche Bedingungen. Das durchschnittliche Alter beim Berufseinstieg ist in Frankreich in den vergangenen Jahrzehnten deutlich gestiegen. Gleichzeitig belasten hohe Wohnkosten, steigende Lebenshaltungskosten und Ausgaben für Kinderbetreuung viele junge Erwachsene.
Ob ein Informationsbrief diese Entwicklungen spürbar beeinflussen kann, bleibt offen. Die Regierung setzt darauf, zumindest Wissenslücken zu schließen - und damit individuelle Entscheidungen auf eine informierte Grundlage zu stellen.
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