Migration: Wie die EU mehr Abschiebungen erreichen will

FAQ

Einigung zeichnet sich ab:Wie die EU mehr Abschiebungen erreichen will

Brüssel-Korrespondent Ulf Röller

von Ulf Röller, Brüssel

|

In Brüssel zeichnet sich eine Einigung auf die sogenannte Rückführungsverordnung ab. Sie gibt EU-Staaten die rechtliche Handhabe, schneller und einfacher abzuschieben.

Abschiebung

Die neue Verordnung soll die Ausweisung von nicht-asylberechtigten Menschen in Abschiebezentren außerhalb der EU erlauben. Auch in Länder, zu denen die Abgeschobenen keinen Bezug haben.

01.06.2026 | 3:15 min

Im Raum ASP 5G2 wollen sie heute Abend ein wenig Geschichte schreiben. Es geht um viel, wenn sich dort Vertreter der EU-Kommission, des Rats und des Parlaments treffen, um sich auf eine "Rückführungsverordnung" zu einigen.

Was ist die Rückführungsverordnung?

Hinter diesem Wortungetüm verbirgt sich eine Wende in der EU-Migrationspolitik. Es geht um schnellere und einfachere Abschiebungen von abgelehnten Asylbewerbern. Bislang verlassen nur 20 Prozent der Geflüchteten, die einen Abschiebebescheid bekommen haben, die EU. Das sind offizielle Zahlen der Kommission, die den Handlungsdruck deutlich machen sollen.

Für den zuständigen EU-Kommissar Magnus Brunner steht nicht weniger als die Glaubwürdigkeit der EU auf dem Spiel.

Konsequente Rückführung von Personen, die kein Recht haben, in der EU zu bleiben, sind ein zentraler Bestandteil eines glaubwürdigen und funktionierenden Migrationssystems.

Magnus Brunner, EU-Kommissar für Inneres und Migration

Was will die EU in der Migrationspolitik ändern?

Die europäische Asylpolitik funktioniert nicht. Jedes Mitgliedsland macht, was es will. Keiner will Geflüchtete aufnehmen, jeder will sie loswerden.

Europäische Solidarität: Fehlanzeige. Das Resultat: Es gibt wieder Grenzkontrollen in Europa und Misstrauen unter den Staaten. Das soll sich nun ändern.

Zwei neue Regeln fallen vor allem auf:

1. Die gegenseitige Anerkennung von Abschiebe-Anordnungen. Das heißt: Lehnt zum Beispiel Österreich einen Asylbewerber ab und will ihn abschieben, gilt diese Anordnung künftig auch in den anderen europäischen Ländern, also auch in Deutschland. Das Verfahren muss dort nicht mehr neu aufgenommen werden.

Kritiker sagen, dass diese Regel gegen nationales Gesetz verstoßen könnte. Der EU-Abgeordnete Erik Marquardt (Grüne) verweist darauf, dass das Asylrecht im Artikel 16 des Grundgesetzes steht. Er stellt deshalb die Frage: Steht das europäische Recht dann über der deutschen Verfassung? Am Ende werden wohl Gerichte über diese Frage entscheiden.

Grenzkontrolle: Polizisten halten an der Grenze einen weißen Transport an

Viele EU-Staaten setzen auf strengere Migrationspolitik. Während die Asylanträge deutlich zurückgehen, hat das EU-Parlament zusätzliche Verschärfungen im Asylrecht beschlossen.

11.02.2026 | 2:01 min

2. Die geplanten Rückführungszentren, sogenannte Return-Hubs, sind auch umstritten. Die Verordnung würde es EU-Mitgliedstaaten erlauben, abzuschiebende Flüchtlinge in anderen Ländern in Zentren, Kritiker sprechen auch von Lagern, unterzubringen. Von dort soll dann versucht werden, sie in ihre Heimatländer abzuschieben. Ein solches Modell hat sich zum Beispiel Italien mit Albanien ausgedacht.

Auch Deutschland und andere Länder wollen möglichst schnell Verträge mit solchen Drittstaaten abschließen, um ihre Flüchtlinge dort hinzubringen. Immer wieder haben aber Gerichte dieses Projekt gestoppt. Mit der neuen europäischen Verordnung gäbe es dafür dann eine Rechtsgrundlage.

Sonja Eichwede (SPD), Mitglied des Deutschen Bundestages, spricht während der 60. Sitzung des 21. Deutschen Bundestages zum Thema Reform des Gemeinsamen Europäischen Asylsystems.

Der Bundestag hat die neuen Regeln des Gemeinsamen Eurpäischen Asylsystems der EU in nationales Recht umgesetzt. Opposition und Menschenrechtsorganisationen üben scharfe Kritik.

27.02.2026 | 2:34 min

Wie wahrscheinlich ist eine Einigung?

Vor allem macht die EVP im EU-Parlament Druck: "Es muss jetzt gelingen, die Rückführungsverordnung zu beschließen", sagte der EVP-Fraktionsvorsitzende Manfred Weber. Er hofft, so auch ein Thema, das die Rechtspopulisten stark gemacht hat, abzuräumen.

Es dürfte eine lange Nachtsitzung werden. Noch gibt es Streit. Das Parlament will, dass die Verordnung sofort in Kraft tritt, einige Mitgliedstaaten brauchen eine Übergangsfrist, um die Verordnung umzusetzen.

Aber die Zeichen stehen auf Einigung. Es wäre dann ein weiterer Schritt in Richtung einer neuen EU-Migrationspolitik - im Geiste der Nicht-Willkommenskultur.

Über dieses Thema berichtete heute in Europa am 01.06.2026 ab 16:00 Uhr.

Mehr zu EU-Migrationspolitik

  1. Frankreich, Straßburg: Abgeordnete des Europäischen Parlaments sitzen im Plenarsaal des Europäischen Parlaments

    Reform der EU-Asylpolitik:EU macht Weg frei für Abschiebung in Drittstaaten

    von Andreas Stamm
    mit Video0:25

  2. Polizeibeamte begleiten einen abgelehnten Asylbewerber auf dem Flughafen Leipzig-Halle in ein Charterflugzeug. (Archiv)

    Verschärfte Abschiebepolitik:EU einigt sich auf sichere Herkunftsländer

    mit Video0:32

  3. Abgeordnete kommen während der 60. Sitzung des Deutschen Bundestages am 27.02.2026 zum Thema Reform des Gemeinsamen Europäischen Asylsystems bei einem Hammelsprung wieder in den Plenarsaal in Berlin.
    Analyse

    Bundestag billigt europäische Asylreform:Verwirrung um Abstimmung, aber am Ende steht die Mehrheit

    von Britta Buchholz
    mit Video2:34

  4. Manfred Weber spricht auf dem 38. Bundesparteitag der CDU in Stuttgart