Türkei: Prozess gegen Imamoglu startet chaotisch

Inhaftierter Erdogan-Gegner:Prozess gegen Imamoglu in Istanbul startet chaotisch

|

In Istanbul hat der Prozess gegen den ehemaligen Istanbuler Bürgermeister Imamoglu begonnen. Kritiker sehen den Prozess gegen den Oppositionellen als politisch motiviert.

TURKEY-POLITICS-OPPOSITION-TRIAL-CORRUPTION

In Istanbul hat der Prozess gegen den abgesetzten Bürgermeister Ekrem Imamoglu begonnen. Die Anklage wirft ihm die Gründung einer kriminellen Vereinigung vor.

09.03.2026 | 1:48 min

Als der ehemalige Istanbuler Bürgermeister Ekrem Imamoglu den Gerichtssaal in Istanbul betritt, ertönen lauter Beifall und Pfiffe. Er dreht sich unter strengen Blicken der Sicherheitsbeamten um und winkt.

Nicht nur die ersten Minuten sind von lauten Zwischenrufen geprägt. Als Imamoglu wegen formeller Einwände ans Rednerpult tritt, wird er sogleich vom Richter ermahnt. Das Publikum ist empört. Schließlich müssen alle nur kurz nach dem Beginn raus aus dem Gerichtssaal, die Verhandlung wird unterbrochen. Später wird ihm bei weiteren Versuchen das Mikrofon abgestellt - und der erste Verhandlungstag geht vorbei ohne den Hauptangeklagten offiziell zu Wort kommen zu lassen.

Ekrem Imamoglu hält eine Rede während die türkische Flagge im Hintergrund zu sehen ist.

Dem Oppositionspolitiker, Ex-Bürgermeister und größten Rivalen Präsident Erdogans werden unter anderem Gründung und Leitung einer kriminellen Vereinigung, Bestechung und Geldwäsche vorgeworfen.

09.03.2026 | 2:15 min

Die Stimmung des Hauptprozesses gegen Imamoglu spiegelt die Stimmung vor fast einem Jahr wider, als der Oppositionspolitiker verhaftet und als Istanbuler Bürgermeister abgesetzt wurde. Auch sein Universitätsdiplom - Voraussetzung für eine Präsidentschaftskandidatur - wurde annulliert.

Landesweite Proteste nach Imamoglus Inhaftierung

Das Vorgehen des wichtigsten Gegners von Präsident Recep Tayyip Erdogan löste landesweite Proteste aus und wurde zum Symbol einer neuen Repressionswelle gegen die größte Oppositionspartei CHP, Regierungskritiker und Journalisten in der Türkei.

Proteste intensivieren sich nach der Inhaftierung EKREM IMAMOGLUs in Istanbul

Als eine "Bewegung der Gewalt" verurteilt Präsident Erdogan die Proteste gegen die Verhaftung von Oppositionspolitiker Imamoglu.

24.03.2025 | 3:03 min

Imamoglu sitzt seit seiner Festnahme in Istanbul in Untersuchungshaft. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm unter anderem die Gründung einer kriminellen Vereinigung sowie Bestechung und Geldwäsche vor.

Erdogan bezeichnet die CHP - Gründungspartei der Türkei - als kriminelle Bande, die sich wie ein Oktopus über die Stadt Istanbul ausgebreitet habe, mit Imamoglu an ihrer Spitze. Imamoglu selbst nennt den Fall "eine der härtesten Prüfungen für die türkische Demokratie". Menschenrechtsorganisationen bewerten den Prozess als politisch motiviert.

Anklage fordert insgesamt mehr als 2.000 Jahre Haft

Die Vorwürfe wiegen schwer: Imamoglu ist wegen 142 Vergehen angeklagt. Er soll eine kriminelle Organisation gegründet und geleitet haben, wie aus der Anklageschrift hervorgeht. Ziel sei gewesen, die Istanbuler Stadtverwaltung systematisch für die Begehung von Straftaten zu nutzen und sich persönlich zu bereichern. Konkret wird ihm vorgeworfen, die Stadtverwaltung als Finanzquelle missbraucht zu haben, um die Führung der CHP zu übernehmen und so seine Präsidentschaftskandidatur abzusichern.

Zusammengerechnet fordert die Staatsanwaltschaft Staatsmedien zufolge mehr als 2.000 Jahre Haft für Imamoglu. Insgesamt sind in dem Verfahren 407 Verdächtige angeklagt, darunter Imamoglus Anwalt, sein Sprecher, Familienmitglieder sowie Journalisten.

Protestkundgebung zur Unterstützung des inhaftierten istanbuler Bürgermeisters Ekrem Imamoglu

In der Türkei gehen Tausende junge Menschen auf die Straße – sie protestieren für ihre Überzeugungen und gegen Präsident Erdogan. Dafür drohen ihnen Verhaftungen und Repression.

02.04.2025 | 6:37 min

Hunderte Demonstrierende fordern Freilassung Imamoglus

Trotz eines Verbots gegen Demonstrationen vor der Gefängnisanlage Silivri westlich von Istanbul, in der Imamoglu festgehalten wird, versammelten sich dort Hunderte Menschen.

Der Prozess könnte Jahre dauern. Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) äußerte ernsthafte Bedenken, dass Imamoglu ein faires Verfahren erhalte. So sei die Anklageschrift noch vor ihrer Annahme an regierungsnahe Medien durchgestochen worden. Ein Großteil der Beweisführung stütze sich auf rund ein Dutzend Zeugen, deren Identität geheim gehalten werde, bemängelte HRW.

Es gebe voreingenommene Aussagen von Staatsanwälten und Erdogan selbst. Für scharfe Kritik sorgte, dass Erdogan im Februar den Staatsanwalt, der die Ermittlungen gegen Imamoglu leitete, zum Justizminister ernannte. Das verdeutliche den "eklatanten Einfluss" der Regierung auf die Justiz, so Human Rights Watch.

Das Logo des Auslandsrundfunks Deutsche Welle am Eingang zum Hauptstadt-Sitz des Senders.

Der Korrespondent der Deutschen Welle, Alican Uludag, wurde in der Türkei verhaftet. Ihm wird Präsidentenbeleidigung und Verbreitung irreführender Informationen vorgeworfen.

20.02.2026 | 1:31 min

Imamoglu will bei nächster Präsidentschaftswahl antreten

Beobachter gehen davon aus, dass die nächste Präsidentschaftswahl, geplant für 2028, schon im kommenden Jahr stattfinden könnte. Denn um erneut kandidieren zu können, muss Erdogan die Verfassung ändern lassen oder vorgezogene Wahlen ansetzen. Dabei hofft die Regierung auf Unterstützung anderer Parteien.

Imamoglu will trotz ungünstiger Vorzeichen kandidieren, wie er dem Medium T24 in einem schriftlichen Interview mitteilte. Er gilt als aussichtsreicher Gegner Erdogans.

Quelle: dpa
Über dieses Thema berichteten unter anderem das heute journal update am 08.03.2026 um 23:42 Uhr und das gemeinsame Mittagsmagazin von ARD und ZDF am 09:03.2026 ab 12:00 Uhr.

Mehr zur Türkei und zum Fall Imamoglu

  1. Polizei geht gegen Demonstranten in istanbul, Türkei, vor

    EU-Beitritt bleibt eingefroren:Türkei: EU-Parlament sieht Demokratiemängel

    mit Video1:32

  2. Demo für Imamoglu in Istanbul

    Generation Erdoğan:Türkei: Warum junge Menschen protestieren

    Anne Brühl, Istanbul
    mit Video6:37

  3. Ekrem Imamoglu von der Republikanischen Volkspartei (CHP) gilt als einer der stärksten politischen Rivalen des türkischen Präsidenten Recep Tayip Erdogan.

    Imamoglu drohen bis zu 2.352 Jahre Haft:Anklage gegen Imamoglu: Experte sieht "politische Kampagne"

    mit Video1:31

  4. Eine Frau hält einen Schal mit der Aufschrift „Ekrem Imamoglu ist die Hoffnung des Volkes“, während sich Unterstützer der Republikanischen Volkspartei am 3. September 2025 in Istanbul zu einer Kundgebung für den inhaftierten Bürgermeister Ekrem Imamoglu versammeln.

    Dutzende Festnahmen in Türkei:Erdogan-Regierung erhöht Druck auf Opposition