Gesundheitsversorgung vor dem Kollaps:Ebola im Kongo: Wie fehlende Mittel die Krise verschärfen
20.000 Kontaktpersonen, fast 4.000 bestätigte Fälle, 1.750 Tote: Global-Health-Expertin Kampmann erklärt, was die Eindämmung des Ebola-Ausbruchs im Kongo erschwert.
Das Ebola-Virus breitet sich in der Demokratischen Republik Kongo nach wie vor rasant aus. Vor Ort versuchen auch deutsche Ärzte, so gut es geht zu helfen.
08.08.2026 | 2:34 minZDFheute: Der WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus war in der Demokratischen Republik Kongo und sagt: "Ebola breitet sich schneller aus, als wir reagieren können." Was heißt das?
Beate Kampmann: Das heißt, dass wir der Entwicklung weiterhin hinterherhinken und die Situation wirklich ziemlich desolat ist. Es ist mittlerweile der größte Ebola-Ausbruch, der jemals aus der Demokratischen Republik Kongo gemeldet wurde. Inzwischen gibt es fast 4.000 bestätigte Fälle und 1.750 Tote. Das sind nur die Fälle, die im Labor verifiziert wurden. Zurzeit werden fast 20.000 Kontaktpersonen nachverfolgt. Daran kann man sich vorstellen, wie groß die Aufgabe ist.
... ist Kinderinfektiologin und Professorin für Global Health an der Berliner Charité. Sie leitet das Institut für Internationale Gesundheit und ist wissenschaftliche Leiterin des Charité Center for Global Health. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen unter anderem in der Impfstoffforschung und bei Tuberkulose im Kindesalter.
ZDFheute: Ist der Ausbruch auch deshalb so schwer einzudämmen, weil internationale Hilfen gestrichen wurden?
Kampmann: Ja, das ist ein ganz wesentlicher Faktor. Innerhalb eines Jahres ist die finanzielle Unterstützung der USA um mehr als eine Milliarde Dollar weggebrochen. Das betrifft die Überwachung von Erregern, die Laborinfrastruktur, Fachkräfte, lokale Netzwerke und die Koordination in Notfällen.
Das ist eine flächendeckende Erodierung des Gesundheitssystems.
Prof. Dr. Beate Kampmann
Kommt dann noch ein Ebola-Ausbruch hinzu, entsteht ein perfect storm - ein perfekter Sturm verschiedener Faktoren, der durch den Verlust der Finanzierung besonders gefährlich wird.
Im Kongo breitet sich Ebola weiter schneller aus als die Gegenmaßnahmen greifen.
07.08.2026 | 2:43 minZDFheute: Was muss jetzt geschehen?
Kampmann: Ebola muss dort bekämpft werden, wo der Ausbruch stattfindet. Die Demokratische Republik Kongo hat in der Vergangenheit viele Ausbrüche gut bewältigt. Wissen und erfahrene Fachkräfte sind vor Ort vorhanden, aber die Ressourcen reichen nicht. Wir brauchen Material für Isolationsstationen, Therapeutika und unterstützende Behandlungen mit Infusionen, um die Sterblichkeit zu senken.
Es geht auch um Schutzkleidung und Ausrüstung für das behandelnde Personal. Ein einfacher Schutzanzug kostet zwischen 10 und 20 Dollar. Damit ist bereits das gesamte Budget überschritten, das im Kongo pro Person und Jahr für die Gesundheitsversorgung zur Verfügung steht. Und ein solcher Anzug muss stündlich gewechselt werden. Hinzu kommt, dass es sich um ein konfliktgeprägtes Gebiet handelt.
Deshalb müssen auch politisch die Voraussetzungen dafür geschaffen werden, dass die benötigten Materialien ihre Zielorte erreichen.
Prof. Dr. Beate Kampmann
Außerdem braucht es Geld, um lokale Netzwerke und die Bevölkerung einzubeziehen. Auch Menschen, die Ebola bereits überlebt haben, können bei der Betreuung Erkrankter helfen. Dafür müssen Personal, Material und Diagnostik finanziert werden.
Ärzte kämpfen mit fehlendem Personal, Geldmangel und Streiks - die Zahl der Toten und Infizierten steigt.
01.08.2026 | 2:34 minZDFheute: Was ist langfristig notwendig, um neue Ausbrüche einzudämmen oder zu verhindern?
Kampmann: Langfristig brauchen wir wirksame Impfstoffe. Sie werden derzeit entwickelt und befinden sich in frühen Phasen klinischer Studien. Deutschland trägt mit seinen Investitionen in die internationale Impfstoffinitiative CEPI zur Finanzierung dieser Programme bei. Künftig müssen solche Impfstoffe auch in Afrika produziert werden können, damit der Kontinent selbst resilienter wird und sie bei Ausbrüchen schnell zur Verfügung stehen.
Entsprechende Initiativen der EU und anderer Partner, an denen Deutschland maßgeblich beteiligt ist, müssen unbedingt fortgesetzt werden. Unser Institut ist an solchen Initiativen bereits beteiligt. Deutschland kann zudem bei der Entwicklung von Therapeutika und Diagnostika sowie bei der Ausbildung von Fachkräften einen wichtigen Beitrag leisten.
ZDFheute: Ist Ebola gut behandelbar, wenn alle medizinischen Möglichkeiten zur Verfügung stehen?
Kampmann: Ebola ist nicht in jedem Fall tödlich.
Die Sterblichkeit liegt im Kongo derzeit bei mehr als 45 Prozent. Mit guter medizinischer Unterstützung ist sie deutlich niedriger.
Prof. Dr. Beate Kampmann
Inzwischen gibt es auch monoklonale Antikörper. Sie sind jedoch teuer, schwer herzustellen und noch nicht überall verfügbar.
ZDFheute: Welche Gefahr besteht für Deutschland? Droht eine Pandemie?
Kampmann: Ebola ist keine Pandemie. Dafür müsste sich die Infektionskrankheit länder- und kontinentübergreifend ausbreiten. Einzelne importierte Fälle sind etwas anderes. Deutschland muss auf mögliche Erkrankte mit Reisehintergrund vorbereitet sein und Isolationsmöglichkeiten vorhalten. Menschen in der Inkubationszeit können zwar theoretisch reisen, sind aber noch nicht ansteckend. Ein Infektionsrisiko besteht erst bei symptomatischen Erkrankten. Deshalb sind Flughafenschließungen oder pauschale Abschottungsmaßnahmen nicht gerechtfertigt und nicht evidenzbasiert.
Entscheidend ist, den Ausbruch vor Ort einzudämmen und die dortigen Gesundheitssysteme zu unterstützen.
Das Interview führten Britta Spiekermann und Jordan Grawenhoff aus dem ZDF-Hauptstadtstudio in Berlin.
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