"Chatkontrolle": EU-Parlament stimmt für Verlängerung

Durchsuchung privater Chats:"Chatkontrolle" nimmt Hürde im EU-Parlament

|

Wende im EU-Parlament: Die Abgeordneten haben grünes Licht für eine Verlängerung der "Chatkontrolle" gegeben. So können Chats nach Hinweisen auf Kindesmissbrauch durchsucht werden.

Symbole von Social-Media-Apps – darunter Facebook, Instagram, YouTube und WhatsApp – sind auf dem Bildschirm eines Mobiltelefons in London zu sehen.

Die ZDF-Sendung heute Xpress berichtete am Morgen vorab über die Abstimmung im EU-Parlament.

09.07.2026 | 0:23 min

Unternehmen wie WhatsApp, Microsoft, Google und Co. könnten schon bald wieder in privaten Chats nach Hinweisen auf sexuellen Kindesmissbrauch suchen dürfen.

Nach einer überraschenden Wende in der Debatte um die sogenannte Chatkontrolle billigte das EU-Parlament in einer chaotischen Abstimmung grundsätzlich eine befristete Ausnahme von europäischen Datenschutzregeln, verlangte aber Änderungen am Vorschlag. Damit kann das Gesetzgebungsverfahren weitergehen.

"Chatkontrolle" soll bis April 2028 gelten

Eigentlich hatte sich eine Mehrheit der Abgeordneten vor über drei Monaten bereits gegen das Vorhaben gestellt. EU-Parlamentspräsidentin Roberta Metsola brachte das Thema durch ein unübliches Vorgehen aber wieder zurück auf die Agenda.

Die Übergangsregelung soll bis April 2028 gelten. Bevor sie in Kraft treten kann, muss die EU-Kommission zu den Vorschlägen des Parlaments Stellung beziehen und der Rat der Mitgliedsländer abschließend zustimmen. Grundsätzlich will die EU eine langfristige Lösung für die Frage finden, allerdings verhandeln der Rat der EU-Staaten und das Europäische Parlament noch über den Gesetzestext.

Studiogespräch Nazan Goekdemir mit Kerstin Claus

Bei einem Aus für die sogenannte Chatkontrolle würde den Ermittlungsbehörden "ein gravierendes Instrument im Kampf gegen sexuelle Gewalt genommen, sagt Kerstin Claus, Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung.

03.04.2026 | 2:34 min

"Chatkontrolle" erlaubt automatisierte Scans

Damit etwa Messengerdienste zur Bekämpfung von Kinderpornografie auf ihrer Plattform private Chats scannen dürfen, sollen sie eine spezielle Ausnahme von den strengen EU-Datenschutzregeln bekommen. Die ist grundsätzlich nicht neu, war aber im April ausgelaufen, nachdem das EU-Parlament sie nicht unverändert verlängern wollte.

Die Regelung soll zwar explizit kein Aufbrechen der Ende-zu-Ende-Verschlüsselung ermöglichen. Sie erlaubt dem Vorschlag der Mitgliedsländer nach aber automatisierte Scans auf den Endgeräten. Dabei überprüft eine Software auf dem Smartphone oder Computer den Inhalt von Nachrichten, Fotos und Videos direkt, bevor diese verschlüsselt und verschickt werden.

Belgien, Brüssel: Mehrere Abgeordnete im EU Parlament stehen nach der Abstimmung über die Aufnahme von Verhandlungen zum neuen Rückführungsgesetz auf und klatschen

Zuvor stoppte die EU die freiwilligen Chatkontrollen, die Fälle von Kindesmissbrauch in Messenger-Diensten aufdecken sollten. Eine Übergangsregelung lief im April aus.

02.04.2026 | 2:33 min

EU-Parlament: Kritik an Scans verschlüsselter Nachrichten

Genau das will das EU-Parlament in großen Teilen nicht mittragen und verlangt, dass auch Inhalte, die noch verschlüsselt werden sollen, unberührt bleiben. Zudem wollen sie die Ausnahme nur auf bekanntes Missbrauchsmaterial beschränken.

Bevor die Tech-Firmen den Behörden ihre Verdachtsfälle weiterleiten, muss ein Mensch sie den EU-Regelungen nach verifizieren - also ausschließen, dass das Programm einen Fehler gemacht hat. Insgesamt stimmten am Ende 592 Abgeordnete über die Ablehnung der Verlängerung ab. 276 sprachen sich für einen Stopp der "Chatkontrolle" aus, 286 dagegen, 30 enthielten sich. Eigentlich hat das Parlament aktuell 719 Abgeordnete.

Schaltgespräch Wehrmann Eickstädt

Der Gesetzesvorschlag zur Chatkontrolle würde "eine Überwachungsinfrastruktur ausrollen, die es so noch nie gegeben hat", so Elina Eickstädt, Sprecherin des Chaos-Computer-Clubs.

09.10.2025 | 3:30 min

Überraschende Wende durch Parlamentspräsidentin

Anfang März vertrat eine Mehrheit der Europa-Abgeordneten noch die Position, dass etwa nur bei konkreten Verdachtsfällen Kontrollen möglich sein sollten. Solchen Einschränkungen wollte der Rat der Mitgliedsländer aber bisher nicht zustimmen - Verhandlungen beider Institutionen scheiterten und das EU-Parlament sprach sich gegen eine Verlängerung der "Chatkontrolle" aus.

Ermittler, Kinderschützer und Politiker kritisierten daraufhin die fehlende Rechtsgrundlage für die Suche nach kinderpornografischem Material. Mitte Juni setzte sich Parlamentspräsidentin Metsola dafür ein, erneut an einer politischen Einigung für eine Übergangslösung zu arbeiten. Daraufhin sprachen sich die EU-Staaten mit einem Beschluss doch noch einmal formell für die Verlängerung der Ausnahme aus und machten so den Weg für eine erneute Abstimmung im Parlament frei.

Scharfe Kritik an Metsola

Zudem beantragte die Europäische Volkspartei (EVP), zu der auch CDU und CSU gehören, ein Eilverfahren, um noch vor der Sommerpause über die Regeln abzustimmen. In der Praxis ist dieser Ablauf durchaus unüblich und sorgte für scharfe Kritik von verschiedenen Seiten des Parlaments.

Die AfD-Europaabgeordnete Mary Khan sprach von einem demokratischen Skandal. Aus der Fraktion der Grünen hieß es, der Vorgang missbrauche ein Schlupfloch im Verfahren.

Wichtiger Hinweis in eigener Sache

Wer bei Google etwas sucht, bekommt neben den Suchergebnissen auch eine Box mit Schlagzeilen angezeigt.

Mit ZDFheute als hinterlegter Quelle bekommen Sie unsere Inhalte häufiger in die Schlagzeilen-Box gespielt - geprüfte Inhalte, direkt in Ihrem Überblick.

→ Hier ZDFheute als bevorzugte Quelle einstellen


Quelle: dpa
Über dieses Thema berichtete heute Xpress am 09.07.2026 ab 09:00 Uhr.

Mehr zur Chatkontrolle

  1. Screenshot: Kerstin Claus

    "Chatkontrolle" nicht mehr erlaubt:Missbrauchsbeauftragte: "Wir lassen Tätern freie Hand"

    mit Video2:34

  2. Stefanie Hubig (SPD), Bundesministerin der Justiz und für Verbraucherschutz (Archivbild)

    Einigung auf EU-Ebene:Hubig begrüßt Absage an Chatkontrolle

    mit Video2:36

  3. Icon von whatsapp

    Widerstand gegen EU-Pläne:Schwarz-Rot lehnt Kontrolle von Chats ab

    von Dominik Rzepka
    mit Video2:12