Bulgarien nach der Wahl:Hoffnung auf Ruhe - und Sorge vor Radews Kurs
von Michael Sommer, Wien
Mit knapp 45 Prozent der Stimmen gewinnt Rumen Radew die Wahl in Bulgarien. Viele erwarten Stabilität, Reformen und Entlastungen. Europa fürchtet dagegen einen neuen Störenfried.
Rumen Radew gewinnt bei der Parlamentswahl in Bulgarien deutlich. Die Erwartungen in der Bevölkerung sind groß, in Brüssel steigt die Nervosität.
Quelle: action pressFrühling in Sofia, fast wirkt dieser Montag wie ein ganz normaler Tag. Groß gefeiert wurde nicht, trotz des deutlichen Wahlsiegs von Ex-Präsident Rumen Radew. In der Hauptstadt überwiegen Erleichterung, Vorsicht und die Hoffnung, dass nach Jahren der Krise endlich wieder politische Stabilität einkehrt.
Viele Bulgaren wünschen sich vor allem, dass das Land nach acht Parlamentswahlen in nur fünf Jahren wieder regierbar wird. Die Erwartungen an Radew sind hoch, das Vertrauen aber begrenzt. Immer wieder ist in Sofia zu hören, dass nun endlich Justiz, Staatsanwaltschaft und die politischen Machtstrukturen reformiert werden müssten. Dahinter steht das verbreitete Gefühl, dass der Staat formal funktioniert, in der Praxis aber zu oft von Abhängigkeiten, Netzwerken und informellen Machtzentren geprägt wird.
Zum achten Mal in sieben Jahren hat Bulgarien ein neues Parlament gewählt. Der Sieger Rumen Radew, Ex-Präsident des Landes, gilt als pragmatisch, aber auch russlandfreundlich.
20.04.2026 | 1:46 minGroße Hoffnungen in einem verunsicherten Land
Hinzu kommt der wirtschaftliche Druck. Inflation, steigende Preise und sinkende Kaufkraft haben viele Menschen mürbe gemacht. Der Cafébesitzer Metodi Jokich, der am Morgen nach der Wahl wie immer sein Lokal öffnet, sagt, ihn habe vor allem die absolute Mehrheit für Radew überrascht. Seine Hoffnung ist, dass der Wahlsieger nun die großen Probleme wie Teuerung und Korruption angeht - und zugleich Bulgariens Verankerung in EU und Nato nicht infrage stellt. Jokich formuliert auch die Unsicherheit vieler im Land:
Meine Hauptsorge ist, dass es während Radews Kampagne kaum Informationen über seine zukünftige Politik gab. Das nährt natürlich Spekulation. Wir warten jedenfalls ungeduldig auf das, was passiert.
Metodi Jokich, Cafébesitzer
Dass Radew so stark abgeschnitten hat, ist auch Ausdruck eines Protests. Der politische Analyst Vesselin Stoynev sieht mehrere Gründe für den Wahlausgang.
In gewissem Maße handelt es sich um eine Protestwahl als Antwort auf die steigenden Preise. Zugleich zeigt sich darin die starke russlandfreundliche Stimmung in Teilen Bulgariens und auch ein gewisser Euroskeptizismus.
Vesselin Stoynev, politischer Analyst
Bulgariens Bevölkerung gibt dem Euro die Schuld für die Inflation. Eine Stimmung, von der besonders die Partei des prorussischen Politikers Radew profitiert.
18.04.2026 | 2:38 minRolle in der EU noch unklar
Gerade deshalb blickt auch die Europäische Union mit Unruhe auf Sofia. In Brüssel sorgt nicht nur Radews starkes Mandat für Nervosität, sondern auch seine Mehrdeutigkeit gegenüber Russland und Europa. Der Wahlsieger selbst gab sich am Abend des Erfolgs souverän, blieb aber in seiner außenpolitischen Tonlage bewusst offen.
Ein starkes Bulgarien in einem starken Europa braucht kritisches Denken. Es braucht Pragmatismus. Denn Europa ist zum Opfer seiner eigenen Ambitionen geworden, der moralische Anführer sein zu wollen in einer Welt ohne Regeln.
Rumen Radew, Ex-Präsident Bulgariens
Der Satz dürfte in Brüssel genau registriert werden: als Bekenntnis zu Europa, aber auch als Distanz zu dessen bisherigem Kurs.
Wunsch nach einem Staat, der funktioniert
Deshalb fällt auch der Vergleich mit Viktor Orbán nicht zufällig. Die Sorge in Europa lautet, Bulgarien könnte unter Radew zu einem weiteren schwierigen Partner werden: formell fest verankert in EU und Nato, politisch aber sperriger, nationalistischer und offener für russische Interessen. Ob Radew das Land tatsächlich auf einen neuen Kurs führt oder vor allem mit solchen Tönen Wähler aus dem prorussischen und euroskeptischen Lager mobilisiert hat, ist noch offen.
Bulgarien verabschiedet sich vom Lew: Seit 01.01.2026 ist der Euro im Balkanstaat die offizielle Währung. Doch rund die Hälfte der bulgarischen Bevölkerung sieht den Wechsel skeptisch.
01.01.2026 | 1:36 minDie Stimmung in Sofia bleibt deshalb zwiespältig. Viele Menschen wollen keinen Bruch mit Europa, sondern vor allem einen bulgarischen Staat, der funktioniert, Korruption begrenzt und den Alltag wieder berechenbarer macht. In einem scheinen sich tatsächlich die meisten einig: Nach Jahren der politischen Unsicherheit soll nun endlich Ruhe einkehren. Ob Radew dafür steht - oder nur für eine neue Variante des alten Systems - ist die entscheidende Frage nach dieser Wahl.
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