Parlamentswahl: Bulgarien will raus aus der Sackgasse

Achte Parlamentswahl in fünf Jahren:Bulgarien sucht den Weg aus der politischen Sackgasse

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Wirtschaft, Korruption, Euro - diese Themen bewegen die Bulgaren. Bei der kommenden Parlamentswahl will Ex-Präsident Radew punkten - und stilisiert sich als "Retter der Nation".

BULGARIA-POLITICS-ELECTION

Bulgarien wählt erneut. Rumen Radev liegt vorn, doch stabile Mehrheiten bleiben unwahrscheinlich. Nach Protesten und Euro-Einführung droht weiterhin eine politische Blockade.

17.04.2026 | 2:01 min

Bulgarien wählt am 19. April ein neues Parlament - bereits zum achten Mal innerhalb von fünf Jahren. Es ist ein weiterer Versuch, der politischen Sackgasse zu entkommen, nachdem Koalitionen binnen kurzer Zeit platzten oder wie zuletzt im Dezember wegen Massenprotesten zurücktraten.

Bulgariens Altpräsident Radew hat Chancen auf Wiederwahl

Bei dieser Wahl gibt es jedoch einen neuen und zugleich alten Mitspieler in Sofia: Der vor drei Monaten zurückgetretene Präsident Rumen Radew mischt mit seinem neuen Bündnis "Progressives Bulgarien" die Politik des südosteuropäischen Landes auf - und hat gute Chancen auf den Wahlsieg.

Eine Umfrage von Anfang April sah Radews Parteibündnis auf dem ersten Platz: Mit knapp 34 Prozent sogar deutlich vor der konservativen prowestlichen Gerb-Partei (19 Prozent), die zuletzt mit Sozialisten und Populisten eine Minderheitsregierung anführte.

Im November legte das Trio einen umstrittenen Haushaltsplan vor, gegen den Tausende Menschen auf die Straße gingen. Radew unterstützte die Proteste. Als die Regierung im Dezember zurücktrat, legte auch er sein Amt nieder, um als Regierungschef zu kandidieren.

Zu sehen sind Protestierende in der bulgarischen Hauptstadt Sofia, die Schilder hochhalten.

Zehntausende Menschen protestierten im Dezember in der bulgarischen Hauptstadt Sofia gegen die Korruption der Regierung. Vorwurf: Der Haushaltsentwurf für 2026 verschleiert Korruption.

02.12.2025 | 1:10 min

Der Zorn richtete sich bald nicht mehr nur gegen das Budget, sondern gegen die Missstände, die Kritiker seit Jahren anprangern. Das Land, das zu Jahresbeginn den Euro einführte, gilt als ärmstes EU-Mitglied. Experten sehen die Entwicklung durch Korruption und Vetternwirtschaft ausgebremst.

Versprochener Kampf gegen Oligarchen

Das ist auch die Wunde, in die Ex-Staatsoberhaupt Radew den Finger legt: Er verspricht, Oligarchen zu "demontieren" und die Beeinflussung von Politik, Justiz und Wirtschaft zu stoppen. Norbert Beckmann-Dierkes, Leiter des Auslandsbüros der Konrad-Adenauer-Stiftung in Sofia, analysiert:

Er versucht, sich als 'Retter der Nation' darzustellen.

Norbert Beckmann-Dierkes, Leiter des Auslandsbüros der Konrad-Adenauer-Stiftung in Sofia

Ein Mädchen posiert in Sofia mit neuen Euro-Münzen mit bulgarischen Symbolen in der Hand.

Seit diesem Jahr zahlt Bulgarien in Euro. Viele befürchten steigende Preise – in einem EU-Land mit massiver Korruption und unter dem Einfluss von Putins Russland.

04.02.2026 | 6:37 min

Mit oft populistischen Narrativen wolle Radew ein breites Spektrum von enttäuschten und unzufriedenen Wählern ansprechen, wobei er vor allem auf das linke, nationalistische und teils auch bürgerliche Lager hoffe.

Festnahmen und Anzeigen wegen möglicher Stimmenkäufe

Dass Radew das "Oligarchentum" als zentralen Gegner ausgemacht hat, ist laut Beckmann-Dierkes kein Zufall. Seit Jahren werden Wahlkämpfe in Bulgarien von Berichten über Stimmenkauf und Bestechung überschattet. Experten und Beobachter schätzen, dass bis zu zehn Prozent der abgegebenen Stimmen potenziell gekauft oder anderweitig "kontrolliert" werden.

In den vergangenen Wochen wurden örtlichen Medienberichten zufolge an die 100 Personen festgenommen, die Geld an potenzielle Wähler verteilt haben sollen, darunter mehrere Lokalpolitiker. Bei einem ehemaligen Bürgermeister wurden 10.000 Euro sichergestellt. Bis Ende März gingen laut dem bulgarischen Innenministerium mehr als 570 einschlägige Anzeigen ein.

Wir glauben, dass dies eine der fairsten Wahlen wird, die wir in den letzten Jahren gesehen haben.

Übergangs-Ministerpräsident Andrej Gjurow

BULGARIA-POLITICS-GOVERNMENT-PROTEST

In Bulgarien haben im Dezember Tausende Menschen gegen den ersten in Euro aufgestellten Haushaltsplan des Landes protestiert. In der Hauptstadt kam es zu Zusammenstößen mit der Polizei.

02.12.2025 | 1:10 min

Laut Beckmann-Dierkes ist die Regierung ehrlich bemüht, etwa durch erhöhte Polizeipräsenz. Auch er geht davon aus, dass Radews Bündnis stärkste Kraft wird. Für einen Erdrutschsieg dürfte es aber kaum reichen. Und ob sich ein Koalitionspartner findet, ist fraglich: Die Sozialistische Partei, für die Radew einst als Präsidentenkandidat antrat, muss um den Einzug ins Parlament bangen.

Militärs, Ex-Politiker und Sportler auf Wahllisten

Unterdessen sandte der Gerb-Vorsitzende Bojko Borissow versöhnliche Signale an den Umfragefavoriten. Mit dem bunten Regierungsteam auf Radews Liste käme jedenfalls eine Premiere auf Bulgarien zu: Der ehemalige Kampfpilot setzt auf Militärs, Ex-Politiker und gleich mehrere Athleten, darunter die 26 Jahre alte Karatekämpferin Iwet Goranowa, die bei den Olympischen Spielen 2020 Gold für Bulgarien holte.

"Nachdem das Vertrauen der Öffentlichkeit in die Politiker auf einem Tiefpunkt angelangt ist, setzen Bulgariens Parteien auf den Glanz der Sportstars", kommentiert das Portal "Balkan Insight".

Radew gilt als prorussisch - Bulgaren stehen zur EU

Gebannt blickt auch die EU nach Sofia und befürchtet eine Stärkung Moskaus. Radew gilt als prorussisch. In der Vergangenheit sprach er sich gegen Waffenlieferungen an die Ukraine aus und kritisierte Russland-Sanktionen als schädlich für die europäische Wirtschaft.

Könnte Bulgarien also zum politischen Einfallstor für Russland in die EU werden? Experte Beckmann-Dierkes hält das für unwahrscheinlich. Denn fast zwei Drittel der Bulgaren stünden positiv zur EU, zudem befürworte ein Großteil die Unterstützung der Ukraine. Dieser Statistik müsse auch die künftige Regierung Rechnung tragen, sagt Beckmann-Dierkes: "Antieuropäische und euroskeptische Positionen sind in Bulgarien nicht mehrheitsfähig."

Quelle: KNA, AFP, dpa
Über dieses Thema berichtete heute in Europa am 17.04.2026 ab 16:00 Uhr.

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