Premier Paschinjan mit eigenem Stil:Armenien: Exzentrischer Gastgeber für den EPG-Gipfel
von Sebastian Ehm, Jerewan
Die Europäische Politische Gemeinschaft ist zu Gast in Jerewan. Armeniens Premier Paschinjan versucht, das kleine Land mit eigenwilligem Stil zwischen den Großmächten zu behaupten.
Lange war Armenien Spielball von Großmächten. Nun versucht das Land, sich von Russland zu lösen und der EU anzunähern. In der Bevölkerung herrscht Hoffnung, aber auch Resignation.
03.05.2026 | 3:04 minEs ist nicht leicht zu erfahren, was Nikol Paschinjan dieser Tage vorhat. Sein Pressedienst ist im Stress. Ein Treffen der Europäischen Politischen Gemeinschaft (EPG) und ein EU-Armenien-Gipfel stehen an. Außerdem führt der Premier Wahlkampf. Am 7. Juni will er wiedergewählt werden.
Um den Premier mit eigenen Augen zu sehen, muss man deswegen seine Facebook-Seite im Blick behalten und dann schnell reagieren. Denn dort geht er mehrmals pro Tag live und streamt seine Auftritte.
Fußgänger laufen an einem Poster vorbei, das den EU-Gipfel am 5. Mai in Jerewan ankündigt.
Quelle: AFPArmeniens Premier Paschinjan führt Wahlkampf
So erfährt man an einem Dienstagmorgen vor dem EPG-Gipfel, dass er am Sewan-See mehrere Dörfer besucht. Der malerische See, umgeben von schneebedeckten Gipfeln, liegt rund eine Stunde außerhalb von Armeniens Hauptstadt Jerewan. Paschinjan besucht dieser Tage oft mehrere Dörfer am Stück. Kurz raus aus dem Auto, schnelles Gespräch mit den Bewohnern und weiter.
Armeniens Premierminister Nikol Paschinjan (Archiv)
Quelle: action pressAuch in Martuni ist das so. Einen kurzen Versuch, ihm ein paar Fragen zum anstehenden EPG-Gipfel zu stellen, weist er mit einem kurzen, freundlichen aber bestimmten "No Comment" zurück. Dann drängen ein Dutzend Sicherheitsbeamte die Menge zurück. Paschinjan steigt auf die Stufe seines Geländewagens, winkt und ist weg. Schade, denn gerne hätten wir ihn gefragt, was er von dem EPG-Gipfel erwartet, der heute in Armenien ansteht.
... ist eine Plattform für die politische Koordination zwischen den europäischen Ländern. Das Forum trifft sich ein- bis zweimal im Jahr. Es steht allen Ländern in Europa offen, die die Werte der EU teilen. Die EPG hängt nicht mit der Europäischen Union und nicht mit dem Europarat zusammen, sondern ist ein informelles Format. Ziel ist, Sicherheit, Stabilität und Wohlstand auf dem europäischen Kontinent zu stärken.
Quelle: Bundesregierung.de
Paschinjan auf dem Land beliebt
Die Bewohner in Martuni mögen Paschinjan. Frieden mit Aserbaidschan, das habe er geschafft. Außerdem gehe es ihnen gut, sagt Ashot, ein älterer Herr mit weißer Schirmmütze. "Krankenhäuser, Straßen, eine höhere Rente. Wir sind sehr zufrieden mit unserem Premier."
Bei Gastgeber Trump besiegelten im vergangenen August Aserbaidschan und Armenien das Ende des langwährenden Konfliktes - und ein Rohstoffabkommen.
09.08.2025 | 1:46 minPaschinjan ist seit 2018 im Amt, damals übernahm er nach einer friedlichen Revolution. Armeniens Wirtschaft wächst schnell, auch wegen der vielen gut ausgebildeten russischen Neuankömmlinge seit 2022. Mit der Teilmobilmachung kamen Zehntausende vor allem nach Jerewan. In der Stadt hört man Russisch an jeder Ecke.
Der Zeitpunkt für den EPG-Gipfel ist durchaus pikant. Armenien ist ein kleines Land mit drei Millionen Einwohnern. Seit Jahrhunderten ist es im Kaukasus umgeben von mächtigen Ländern, deren Spielball es immer wieder war: die Türkei, Iran und Russland.
Armenien seit Ukraine-Krieg und Iran-Krieg geopolitisch ins Zentrum gerückt
Mit Russlands Krieg in der Ukraine und dem amerikanischen Vorgehen gegen Iran sind der Kaukasus und Armenien plötzlich ins Zentrum geopolitischer Überlegungen gerückt. Viele Flugzeuge Richtung Asien hatten wegen Luftraumsperrungen in Russland und Iran nur die Möglichkeit, über den Kaukasus und Armenien zu fliegen. Kurz gesagt: Wegen der unsicheren Lage in den Nachbarländern hat der Westen ein strategisches Interesse an Stabilität im Kaukasus.
Dabei ist die Region eigentlich historisch gesehen ein Hort der Unruhe. Zweimal führte Aserbaidschan 2020 und 2023 Krieg gegen die Karabach-Armenier. Zehntausende mussten ihre Heimat verlassen. Doch Paschinjan hält die Kritik an den zwei Niederlagen in Schach. Die nationalistischen Kräfte konnten von den Bergkarabach-Krisen nicht profitieren.
Die EU steht unter Druck durch Trump. Die Abhängigkeit von den USA gehe "nicht so schnell weg", so ZDF-Korrespondent Andreas Stamm. Einigkeit in Europa herzustellen, brauche Zeit.
03.05.2026 | 2:53 minPaschinjans Spagat zwischen dem Westen und den Nachbarn
Seit einigen Jahren versucht Nikol Paschinjan einen Spagat. Er will das Land Richtung Westen öffnen und gleichzeitig seine Nachbarn nicht verprellen. Keine einfache Aufgabe. Am 1. April widersprach er Russlands Präsident Wladimir Putin auf offener Bühne beim Thema Internetbeschränkungen und fing sich prompt einen Rüffel ein. Armeniens Verbindungen zu Moskau sind traditionell sehr eng. Wirtschaftlich und politisch. Paschinjan kann sich einen verärgerten Putin eigentlich nicht leisten.
Im Süden grenzt Armenien an Iran und im Westen und Osten an die Türkei und Aserbaidschan. Länder, mit denen Armenien eine jahrzehntelange Feindschaft verbindet. Doch Paschinjan versucht die Gemengelage auf seine Weise zu lösen.
Ist der Traum von der EU in Georgien ausgeträumt? Trotz anhaltender Proteste wendet sich die Regierung immer stärker Russland zu und versucht Kritiker mundtot zu machen.
22.10.2025 | 6:39 minEU muss liefern
Seit Monaten inszeniert er sich auf Instagram als exzentrischer, aber liebenswerter Mann, der Liebe in die Welt sendet. Auf Instagram gibt es Dutzende Videos von ihm beim Musik hören, beim Schlagzeug spielen und immer wieder formt er seine Hände zum Herz. "All you need is love."
Jetzt also kommen die EU und der Westen nach Jerewan. Paschinjan will seit Jahren mehr EU, mehr Westen für sein Land. Es geht um Sicherheitsgarantien, um Investments und um Partnerschaften. Die Armenier erhoffen sich viel von der EU und sind gleichzeitig skeptisch.
Die Beitrittsprozesse ehemaliger Sowjetrepubliken wie Moldau, Georgien und der Ukraine laufen schleppend. Brüssel wird liefern müssen, wenn man in der Region weiter Fuß fassen will und irgendwann wird Paschinjan von seinem Spagat aufstehen müssen und sich entscheiden. Wohin soll sich Armenien wenden? Brüssel oder Moskau?
Sebastian Ehm berichtet als Korrespondent über Russland, den Kaukasus und Zentralasien.
Wisente aus mehreren Ländern wurden nach Aserbaidschan gebracht. Die Auswilderung im Nationalpark wird von einem Projekt durchgeführt, das sich für die Rückkehr der Tiere einsetzt.
06.02.2026 | 3:04 minWichtiger Hinweis in eigener Sache
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