Einbrüche:Sparkasse: Wurden Risiken im Schließfach-Tresor ignoriert?
von Anne Herzlieb und Tonja Pölitz
Schließfach-Einbrüche gab es schon lange vor dem Sparkassen-Coup von Gelsenkirchen. Haben Banken und Sparkassen Warnsignale und Risiken ignoriert?
Sie setzen Spezialbohrer ein oder graben sogar Tunnel - schon mehrmals ist es Tätern gelungen, in Tresorräume zu gelangen, Schließfächer auszuräumen und dabei Millionen zu erbeuten.
01.04.2026 | 16:13 minSilke David hat ihr gesamtes Erspartes verloren. Um Negativzinsen zu vermeiden, lagerte sie ab 2021 nach und nach Geld in einem Schließfach bei der Sparkasse Strausberg - rund 100.000 Euro. 2023 wurde dort eingebrochen. Für die 48-jährige Sekretärin war es ein Schock:
Es war wirklich schlimm. Alles, wofür man gearbeitet hat, war weg.
Silke David, Geschädigte
Um Geld fürs Alter zurückzulegen, sitzt sie am Wochenende zusätzlich bei einem Drogeriemarkt an der Kasse. Hätte sie gewusst, wie häufig Schließfach-Einbrüche vorkommen, hätte sie sich niemals für ein Schließfach bei der Sparkasse entschieden, sondern "wahrscheinlich für den Garten - irgendwo vergraben", erzählt sie im Interview mit ZDF frontal. Das Lachen bleibt ihr im Halse stecken.
Einbruch als kalkulierbares Schadensereignis
Laut einem Gerichtsgutachten, das ZDF frontal vorliegt, waren in der Sparkasse Strausberg gleich vier Körperschallmelder im Tresorraum ausgestellt - wegen häufiger Fehlalarme.
Der Gutachter stellte fest, dass ein Einbruch mittels Kernbohrer im Jahr 2023 kein außergewöhnliches Vorgehen mehr war, sondern ein vorhersehbares und kalkulierbares Risiko darstellte, für das jedoch die Sicherheitsvorkehrungen im Tresorraum nicht ausreichten.
In Gelsenkirchen gelang es Tätern, über 3000 Schließfächer einer Sparkasse auszurauben, doch das ist kein Einzelfall. Defizite in der Sicherheit begünstigen solche Vorfälle.
07.03.2026 | 2:43 minHaftungsfrage vor Gericht
Silke David will nun klagen. Ihr Anwalt Dierk Heyse sieht die Sparkasse in der Verantwortung. Neben der fehlenden technischen Überwachung habe auch der beauftragte Wachschutz den Einbruch nicht rechtzeitig bemerkt.
Auf die Frage, wie sicher das Schließfach von Frau David gewesen sei, antwortet er: "Auf einer Skala von eins bis zehn? Drei!" Die Sparkasse Strausberg will sich aufgrund des laufenden Verfahrens nicht äußern.
Ehemaliger Mitarbeiter belastet Sparkasse
Auch im Fall Gelsenkirchen-Buer mit mehr als 3.000 aufgebrochenen Schließfächern und mehr als 100 Millionen Euro Beute sehen Juristen und Sicherheitsexperten die Haftung bei der Sparkasse. Die verweist auf moderne Sicherheitstechnik - lehnt eine Schadenersatzpflicht ab.
Doch bei ZDF frontal meldet sich ein ehemaliger Mitarbeiter der betroffenen Filiale. Er berichtet anonym, die Sparkassenleitung habe die Gefahr eines Einbruchs jahrelang unterschätzt:
Mitarbeiter haben für die Eingangstür der Filiale einen Schlüssel und einen PIN-Code. Solange ich dort gearbeitet habe, wurde der PIN nie geändert. Jahrelang nicht. Auch dann nicht, wenn Mitarbeiter gekündigt wurden oder in Rente gegangen sind.
Anonymer Ex-Sparkassenmitarbeiter
Zudem habe er samstags oft allein in der Filiale gearbeitet. Das sei zwar offiziell untersagt gewesen, bemerkt habe das aber niemand. Die Sparkasse bestreitet das. Es sei technisch sichergestellt, dass sich Mitarbeitende am Wochenende nicht unbefugt in der Geschäftsstelle aufhalten könnten. Nur mit dem PIN-Code allein sei kein Zugang möglich.
Für die ZDF-Dokureihe "Die Spur" rekonstruieren die Reporter Laura Kipfelsberger und Benjamin Braun den Sparkassen-Einbruch, lassen sich einen Kernbohrer erklären und machen sich ein Bild vom Tatort in Gelsenkirchen.
24.03.2026 | 29:11 minSache der Banken und Sparkassen
Dennoch bleibt die Frage, wie die Täter von der Tiefgarage aus in den Archivraum der Sparkasse gelangen und mehr als 30 Stunden lang unbemerkt die Wand zum Tresorraum aufbohren konnten?
Wie umfangreich Tresorräume zu sichern sind, ist gesetzlich nicht geregelt. Das Bundesverbraucherschutzministerium verweist darauf, dass Finanzinstitute in erster Linie selbst für ihre physische Sicherheit verantwortlich seien.
Saidi Sulilatu, Chefredakteur beim Geldratgeber "Finanztip", ist sicher: Einbrecher würden sich ständig anpassen. Wichtig sei deshalb, sich über die Höhe der Versicherungssumme des Schließfaches zu informieren und diese dem Wert des Inhalts anzupassen. In vielen Fällen sei der Schutz mit 5.000 oder 20.000 Euro deutlich zu niedrig angesetzt.
Rechtsanwalt und Schließfach-Experte Michael Plassmann wirft einen Blick auf den Einbruch in Gelsenkirchen und beantwortet Fragen zu Rechten und Möglichkeiten bei Schließfacheinbrüchen.
07.01.2026 | 5:17 minTausende Euro Anwaltskosten
Zudem tragen Kundinnen und Kunden die Beweislast. Sie müssen im Streitfall nachweisen, was im Schließfach lag. Elke Weidenbach von der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen rät daher, den Inhalt regelmäßig zu fotografieren.
Silke David kann belegen, dass sich in ihrem Schließfach 100.000 Euro befanden. Dennoch rechnet sie mit einem jahrelangen Rechtsstreit gegen die Sparkasse. Das Geld für die ersten beiden Instanzen hat sie sich privat geliehen. Vielen Einbruchsopfern fehlt das Geld für den Prozess, weil es im Schließfach lag. "Verliere ich den Prozess gegen die Sparkasse, stehe ich mit vielen Tausend Euro Schulden da", sagt sie und zuckt mit den Schultern.
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