Lebensgeschichte einer Inzestgeborenen:"Meine Schwester ist meine Mutter"
von Felicia Kaul
Ulrike Dierkes ist das Kind einer inzestuösen Vergewaltigung. Doch es gibt kaum Anlaufstellen. Indem Ulrike Dierkes ihre eigene Geschichte erzählt, will sie anderen Mut machen.
Die Kinder als Betroffene von Vergewaltigung ringen um Identität und gesellschaftliche Anerkennung. Das hat Folgen für ihr ganzes Leben.
09.06.2026 | 28:43 minAls Ulrike Dierkes elf Jahre alt ist, erfährt sie, dass ihre Schwester gleichzeitig ihre Mutter ist. Die Frau, die sie bis dato für ihre leibliche Mutter hält, ist eigentlich ihre Großmutter. Sie habe noch immer gedacht, der Storch bringe die Kinder, erzählt Ulrike Dierkes.
Ich wusste jetzt nicht, wie kann denn das jetzt gewesen sein, dass die Schwester die Mutter ist und der Vater auch gleichzeitig der Großvater.
Ulrike Dierkes, Kind einer inzestuösen Vergewaltigung
Durch Schwangerschaft kommt der Missbrauch ans Licht
Ulrike Dierkes' Geschichte ist auch die ihrer Mutter. Ab dem Alter von sieben Jahren wird diese von ihrem Vater sexuell missbraucht. Als sie mit 13 Jahren von ihm schwanger wird, kommt der Missbrauch ans Licht.
Für eine Abtreibung ist es zu spät: Ulrike Dierkes' Mutter ist bereits im sechsten Monat schwanger. Die Schwangerschaft und Geburt werden geheim gehalten.
Meine Mutter und ich haben keine Schuld an dem Verbrechen. Der Einzige, der Schuld hat, ist der Täter.
Ulrike Dierkes
Bei der Frühjahrstagung der Justizminister forderte Bundesjustizministerin Hubig eine Anhebung der Verjährungsfrist bei Vergewaltigung von fünf auf 20 Jahre.
12.06.2026 | 1:43 minDer Vater wird verurteilt, kehrt nach seiner Gefängnisstrafe aber wieder in die Familie zurück. Ulrike Dierkes' Großmutter gibt ihr die Schuld an seiner Abwesenheit. "Der hat deiner älteren Schwester ein Kind gemacht und dieses Kind bist du. In dir sah ich immer das Kind der Sünde meines Mannes", erinnert sich Ulrike Dierkes an die Worte der Großmutter.
Inzest bleibt ein Tabuthema
In Dierkes' Heimatstadt sind die Umstände ihrer Geburt bekannt - und werden hinter vorgehaltener Hand diskutiert. Jahrzehnte lang verheimlicht sie ihre Familiengeschichte, auch vor ihren Partnern. Zu groß ist die Scham.
Hilfe oder Vertrauenspersonen findet Ulrike Dierkes damals nicht, auch weil es in Deutschland keine Lobby für Inzestgeborene gibt. Auch Statistiken gibt es in Deutschland nicht.
Ein Initiativbericht fordert das Parlament auf, für die EU einheitliche Kriterien festzulegen, was Vergewaltigung bedeutet. Das soll die Strafverfolgung vereinfachen und Frauen besser schützen.
28.04.2026 | 1:58 minVerein für Inzestgeborene gegründet
Ulrike Dierkes möchte über das Tabuthema Inzest und ihre eigene Lebensgeschichte nicht mehr schweigen und Inzestgeborenen eine Stimme geben. 1996 gründete sie "Melina e.V.", den ersten und bisher einzigen Verein für Inzestgeborene in Deutschland. Sie bietet Betroffenen telefonische Unterstützung und Beratung.
Noch immer ist Inzest ein Tabuthema. Ulrike Dierkes gründete Melina e.V. für Betroffene und um mehr Aufklärung und Sichtbarkeit zu schaffen.
Die Sexualtherapeutin Juliane Kröner unterstützt den Verein ehrenamtlich. Für die Betroffenen sei es schwierig zu realisieren, dass man kein Kind der Liebe sei, sagt Kröner. Sondern zu sagen: "Ich bin aus einem Verbrechen entstanden."
Pädophilie vor allem innerhalb der Familie habe nichts mit Liebe zum Kind zu tun, betont die Therapeutin. Im Gegenteil: Die Tat "bricht alle Grundsätze der Liebe".
Durch das Charité-Projekt "Kein Täter werden" bekommen Menschen mit pädophilen Neigungen Unterstützung, damit sie nicht zum Täter werden. Kai befindet sich in der Endphase seiner Therapie.
20.02.2026 | 7:30 minEine Mitschuld tragen laut Kröner auch die Täterfamilien, in denen Missbrauch und daraus resultierende Schwangerschaften oft verheimlicht würden, ähnlich wie im Fall von Ulrike Dierkes. Aus diesem Grund sei eine Anlaufstelle für Menschen wie sie besonders wichtig. Nur mit Hilfe von außen könnte Inzest aufgedeckt und durchbrochen werden.
Felicia Kaul ist Redakteurin in der ZDF-Hauptredaktion Geschichte und Wissenschaft.
Zwei Regenbogenfamilien kämpfen um Anerkennung und Sichtbarkeit. Zwischen Liebe, Verantwortung und rechtlichen Hürden zeigen sie, dass Familie heute mehr ist als Vater, Mutter, Kind.
16.06.2026 | 28:37 minMehr zum Thema sexueller Missbrauch
Vergewaltigungsopfer will Gesetzesreform:"Wenn ich das überleben will, dann muss ich dagegen angehen"
von Britta Hilpertmit Video1:43Darunter Missbrauch und Vergewaltigung:Kinderarzt in 130 Fällen sexualisierter Straftaten angeklagt
mit Video0:28Mutmaßlicher Missbrauch im Jugendzentrum:Wenn der Schutzraum zum Tatort wird
von B. Frenkel, D. Gebhard, M. Haselrieder, N. Ermaganmit Video9:56Kampf gegen Gewalt gegen Frauen:EU-Parlament stimmt für "Nur Ja heißt Ja"-Prinzip
von Ina Baltesmit Video1:58
Mehr von 37 Grad
Longevity: Die Sehnsucht nach mehr Zeit:"Die Idee ist, dass wir nicht mehr am Altern sterben"
von Felicia Kaulmit Video28:33Zweite Chancen für die Ehe:Affäre oder Abstand: Wie viel hält Liebe wirklich aus?
von Amelie Bridonneaumit Video28:29Friedel Zimmermann und Helmut Luft:Zwei Hundertjährige verraten Geheimnis eines langen Lebens
von Felicia Kaulmit Video28:38Vier junge Menschen berichten:Quarterlife Crisis: Ende 20 und alles unsicher?
von Lena Nagelmit Video27:10