Mutmaßlicher Missbrauch im Jugendzentrum:Wenn der Schutzraum zum Tatort wird
von B. Frenkel, D. Gebhard, M. Haselrieder, N. Ermagan
Eine 16-Jährige soll in einem Berliner Jugendzentrum vergewaltigt worden sein. Weder die Einrichtung noch das Jugendamt erstatteten Anzeige. Wurden die Tatverdächtigen geschützt?
In einem städtischen Jugendzentrum in Berlin-Neukölln soll ein 16-jähriges Mädchen von einem Jungen vergewaltigt worden sein. Weder Jugendzentrum noch Jugendamt meldeten die mutmaßliche Tat.
28.04.2026 | 9:56 minJugendzentren sind Schutzräume. Dort sollten sich junge Menschen sicher fühlen können. Doch die Einrichtung in der Wutzkyallee in Berlin-Neukölln ist vom Schutzraum zum mutmaßlichen Tatort geworden - und seit Wochen geschlossen. Im November soll eine 16-Jährige dort von einem Jugendlichen vergewaltigt worden sein. Weder das Jugendzentrum noch das zuständige Jugendamt erstatteten Anzeige.
Erst im Januar wandte sich das Mädchen an den angrenzenden Mädchentreff - nachdem es erneut von Jugendlichen sexuell belästigt worden sein soll. Die Leiterin des freien Trägers "MaDonna", Sevil Yildirim, informierte daraufhin das Jugendzentrum und das Jugendamt.
Doch nicht nur die mutmaßliche Tat sorgt bundesweit für Entsetzen - sondern auch die Frage, wie die zuständigen Stellen damit umgegangen sein sollen. Nachdem die Bild-Zeitung am 11. März über den Fall berichtete, dokumentierten die Mitarbeiterinnen des MaDonna den Ablauf in einer eidesstattlichen Versicherung, die ZDF frontal und dem Tagesspiegel im Rahmen einer gemeinsamen Recherche vorliegt.
Berlin ist erschüttert von einem mutmaßlichen Vergewaltigungsfall im Jugendclub Wutzkyallee. Schwere Vorwürfe der Strafvereitelung gegen die Stadträtin führen zu Ermittlungen.
02.04.2026 | 1:57 minVorwurf der Vertuschung wegen Migrationshintergrund?
Darin heißt es: Die zuständige Jugendamtsmitarbeiterin habe eine Anzeige verhindern wollen, weil sie eine "Marginalisierung der Tätergruppe befürchtete". Und weiter:
Sinngemäß äußerte sie, dass die muslimischen Jungen bereits genug im Visier der Polizei seien und sie einen Generalverdacht verhindern möchte.
Eidesstaatliche Versicherung von MaDonna
Was ist an den Vorwürfen der Vertuschung dran? Im Gespräch mit ZDF frontal schildert Yildirim, was das mutmaßliche Opfer ihr erzählt habe: "Dass sie im Garten der Einrichtung vergewaltigt wurde - und dass sie weiterhin mit Videoaufnahmen erpresst wird." Die 16-Jährige habe gewollt, dass Anzeige erstattet wird. Aus diesem Grund habe Yildirim der zuständigen Mitarbeiterin des Jugendamts am 11. Februar vorgeschlagen, die Polizei zu kontaktieren.
Sie war erst mal dagegen und wollte sich mit ihrer Jugendamtsleitung absprechen, wie sie da vorgehen.
Sevil Yildirim, Leiterin von Madonna
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17.11.2025 | 3:01 minJugendstadträtin: "Da sind Fehler passiert"
Zudem habe sie Bedenken gegen die vorgeschlagene Polizeibeamtin geäußert - diese gehe "sehr hart gegen muslimische Jugendliche" vor, erklärt Yildirim. Eine Anzeige würde nur noch mehr Probleme machen, habe die Jugendamtsmitarbeiterin gesagt. Die Jugendlichen hätten es ohnehin schon schwer - und seien teils vorbestraft. Yildirim informierte gemeinsam mit der 16-Jährigen die Eltern über die mutmaßliche Vergewaltigung. Die Mitarbeiterinnen des Mädchentreffs erstatten Anzeige. Die Staatsanwaltschaft ermittelt.
Die zentrale Frage bleibt: Wurden hier Täter aufgrund ihres Migrationshintergrunds geschützt? Das Jugendamt und die zuständige Neuköllner Jugendstadträtin Sarah Nagel weisen den Vorwurf zurück. "Der Hintergrund der Täter war nie die Begründung dafür, dass keine Anzeige gestellt wurde", sagt Nagel. Man habe lediglich befürchtet, dass ohne klare Identifizierung der Täter alle männlichen Besucher der Einrichtung unter Generalverdacht geraten könnten. Gleichzeitig räumt sie ein:
Da sind Fehler passiert, da ist es einfach zu lange nicht eingeschritten worden.
Sarah Nagel (Die Linke), Neuköllner Jugendstadträtin
Der "Orange Day" macht weltweit auf Gewalt gegen Frauen aufmerksam. In Deutschland wurden 2024 fast 136.000 Fälle von Gewalt in der Partnerschaft bekannt.
25.11.2025 | 1:42 minOffenbar nicht der erste Vorfall in der Wutzkyallee
Fest steht: Eine Anzeige wurde von der Einrichtung und dem Jugendamt nicht erstattet, der Betrieb lief nach der mutmaßlichen Tat weiter. Auch ein Hausverbot für den Tatverdächtigen gab es erst, als der Fall im März öffentlich wurde. Und es war offenbar nicht der erste Vorfall. Bereits seit Februar 2025 hätten Mädchen von sexuellen Übergriffen auf dem Gelände des Jugendclubs berichtet - immer durch dieselbe Gruppe, sagt Yildirim.
Als wir das Gespräch mit den Mitarbeiterinnen der Wutzkyallee hatten, wussten die sofort, um welche Jungen es geht.
Sevil Yildirim, Leiterin Madonna
Auch im niedersächsischen Gnarrenburg soll ein Mädchen in einem Jugendzentrum vergewaltigt worden sein. Im vergangenen Juni sollen drei Jugendliche die 14-Jährige missbraucht, die Tat gefilmt und das Video verbreitet haben. Das Mädchen und eine Freundin wandten sich laut Familie wenige Tage später an einen Betreuer der Einrichtung "JuZe". Und auch dort, so der Vorwurf, wurde nicht gehandelt.
In Deutschland gab es im vergangenen Jahr weniger Straftaten als noch 2024. Laut polizeilicher Kriminalstatistik sank deren Zahl um 5,6 Prozent auf 5,5 Millionen.
20.04.2026 | 1:41 minGnarrenburg: Betreuer soll nicht gehandelt haben
Die Eltern erklären gegenüber ZDF frontal:
Der Bürgermeister hat uns gegenüber in einem Gespräch eingeräumt, von seinem Mitarbeiter über den Vorfall und das Video informiert worden zu sein (…). Anzeige hat er aber - für uns völlig unverständlich - nicht erstattet.
Eltern des mutmaßlichen Opfers aus Gnarrenburg
Bürgermeister Marc Breitenfeld lässt viele unserer detaillierten Fragen zu dem Vorwurf unter Verweis auf die laufenden Ermittlungen unbeantwortet, ein Interview lehnt er ab. Schriftlich erklärt er:
Wenn Eltern den Eindruck haben, dass ihrem Kind Leid zugefügt wurde, ist das eine absolute Ausnahmesituation, die wir als Gemeinde sehr ernst nehmen. Daher haben wir auch bereits am Tag nach Bekanntwerden der Vorwürfe das Gespräch mit den Eltern geführt und unsere volle Unterstützung zugesagt.
Marc Breitenfeld, Bürgermeister Gnarrenburg
Und weiter: "Sämtliche der Gemeinde vorliegenden Informationen wurden zudem unverzüglich den zuständigen Ermittlungsbehörden zur Verfügung gestellt."
Patentante spricht von "Verschleierung"
Erst etwa sechs Wochen nach der mutmaßlichen Tat erfährt die Familie schließlich selbst davon, als sie das Video auf dem Handy der 14-Jährigen findet und sie sich ihnen offenbart.
Wir haben auf jeden Fall totale Zweifel, dass da die Meldeketten eingehalten worden sind. Für uns sieht es auf jeden Fall so aus, dass das verschleiert werden sollte.
Sandra Grotheer, Patentante
Die Eltern sind es dann, die Anzeige erstatten. Dass in Gnarrenburg auch gegen nicht-deutsche Tatverdächtige ermittelt, dürfe keine Rolle spielen, betont die Familie des Mädchens.
Der Fall Collien Fernandes zeigt, wie verbreitet sexualisierte digitale Gewalt ist. Bundesjustizministerin Hubig will das Gesetz verschärfen. Kann digitale Gewalt so eingedämmt werden?
26.03.2026 | 33:12 minPädagogin sieht Missstände in Jugendeinrichtungen
Eine Debatte, die Julia K. gut kennt. Die Sozialpädagogin hat jahrelang in verschiedenen Einrichtungen in Süddeutschland mit Jugendlichen mit Migrationshintergrund gearbeitet. Ein Fall lässt sie bis heute nicht los. Eine Kollegin habe ihr von einem schweren Übergriff durch einen Jugendlichen berichtet.
Als die Kollegin bei der Leitung diesen Vorfall angesprochen hat, wurde sie gefragt, ob sie mit ihrer Anzeige riskieren möchte, dass ein Jugendlicher quasi seinen Platz in dieser Pflegefamilie verliert und damit ohne Zukunftsperspektive bleibt.
Julia K., Sozialpädagogin
Immer wieder habe sie erlebt, dass Konflikte nicht offen angesprochen wurden. "Ich habe insgesamt das Gefühl, dass sozialpädagogische Fachkräfte oft aus falsch verstandener Toleranz oder aus der Angst vor dem Rassismusvorwurf sich gar nicht trauen, an diese Themen heranzugehen."
Wie dringend notwendig es ist, Mädchen und Frauen besser zu schützen, belegt die Polizeiliche Kriminalstatistik, die am 20.04.2026 vorgestellt wurde: Die Zahl der angezeigten Vergewaltigungen ist seit 2020 um 55,5 Prozent gestiegen – auch weil immer mehr Frauen Taten melden. Deutlich überrepräsentiert sind dabei nichtdeutsche Tatverdächtige – aber auch nichtdeutsche Opfer. Die Polizeiliche Kriminalstatistik kennt nicht die Kategorie "Migrationshintergrund", sondern unterscheidet nur zwischen den Kategorien deutsche und nichtdeutsche Staatsangehörige.
Im Bereich der Sexualdelikte wurden 2025 insgesamt 131.335 Fälle erfasst – ein Anstieg von 2,8 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Von den 12.306 Tatverdächtigen waren 61,5 Prozent deutsche und 38,5 Prozent nichtdeutsche Staatsangehörige. Unter den nichtdeutschen Tatverdächtigen stellten syrische Staatsangehörige mit 6,0 Prozent die größte Gruppe, gefolgt von türkischen mit 4,3 Prozent, afghanischen mit 4,1 Prozent und rumänischen Staatsangehörigen mit 1,8 Prozent.
Bei den Opferzahlen zeigt sich ein anderes Bild: Von den 14.055 erfassten Opfern hatten 77,7 Prozent die deutsche Staatsangehörigkeit, 22,3 Prozent eine nichtdeutsche.
Quelle: Polizeiliche Kriminalstatistik 2025
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30.03.2026 | 2:35 min"Gibt Familien, die nach sehr patriarchalen Strukturen leben"
Dass Probleme jedoch offen benannt werden müssen, sieht auch Sevil Yildirim so:
Es gibt Familien, die nach sehr patriarchalen Strukturen leben - wo Mädchen unterdrückt werden, wo Jungen glauben, sie könnten machen, was sie wollen.
Sevil Yildirim, Leiterin von MaDonna
Dagegen helfe nur eines: klare Regeln und Grenzen. Das MaDonna bräuchte mehr Geld und Personal - bekommt aber weniger. Genau in diesem Jahr hat der Bezirk die Mittel gekürzt. Ausgerechnet in Einrichtungen, die Mädchen einen sicheren Ort bieten, wenn sie keinen haben.
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