Umstrittenes Palästina-Foto:Nach Kritik: Berlinale-Chefin Tuttle darf vorerst bleiben
von Stephan Merseburger
Entgegen vorheriger Berichte hält Kulturstaatsminister Weimer an Berlinale-Chefin Tricia Tuttle fest. Die Krise ist vertagt - doch wie viel Politik hält ein Bundesfestival aus?
Hunderte Filmschaffende haben sich in einem offenen Brief hinter Berlinale-Intendantin Tuttle gestellt. Sie warnen vor Eingriffen in Freiheit und Unabhängigkeit des Filmfestivals.
26.02.2026 | 0:41 minWolfram Weimer und der Aufsichtsrat der KBB, der Kulturveranstaltungen des Bundes in Berlin, halten vorerst an Berlinale-Chefin Tricia Tuttle fest, so eine Pressemitteilung des Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM). Die "Bild"-Zeitung hatte im Vorfeld der Sitzung behauptet, der Staatsminister werde Tuttle feuern.
Das löste einen Sturm der Entrüstung aus. Hunderte Filmschaffende, darunter der Gewinner des Goldenen Bären, Ilker Çatak, und Regisseur Tom Tykwer protestierten, israelische Filmemacher zeigten sich solidarisch mit Tuttle, dazu die Deutsche Filmakademie und der Deutsche Kulturrat. Auch mehr als 500 Berlinale-Mitarbeiter, so ein Statement, "stehen voll und ganz hinter der großartigen Tricia Tuttle als unserer Intendantin".
Politisierung der Berlinale nimmt zu
Es gibt aber auch das Gerücht, Tricia Tuttle habe keine Lust mehr auf ihren Job. Das könnte damit zu tun haben, dass die Politisierung des Festivals zunehmend zur Last wird. Während Solidarität mit der Ukraine und der Bevölkerung im Iran mehrheitsfähig sind, spaltet der Nahost-Konflikt.
Tuttle wurde zu Anfang der Berlinale von prominenten Schauspielern wie Javier Bardem und Tilda Swinton Zensur vorgeworfen, das Festival gebe propalästinensischen Stimmen keinen Raum. Was nicht stimmt.
Der Goldene Bär für "Gelbe Briefe" von Ilker Çatak, ein Silberner Bär für Sandra Hüller. Wir stellen die Gewinner vor und ziehen eine Bilanz.
23.02.2026 | 7:13 minRegisseur Alkhatib wirft Berlin Komplizenschaft vor
Auf der Abschluss-Gala hatte der syrisch-palästinensische Regisseur Abdallah Alkhatib, der für seinen Film "Chronicles From The Siege" den Preis für das beste Film-Debüt bekam, die Plattform Berlinale genutzt. Er warf der deutschen Regierung vor, mitschuldig am "Genozid Israels in Gaza" zu sein. Außerdem sagte er:
"Wir werden uns an jeden erinnern, der an unserer Seite stand, und wir werden uns an jeden erinnern, der gegen uns war".
Wir werden uns an jeden erinnern, der an unserer Seite stand, und wir werden uns an jeden erinnern, der gegen uns war.
Abdallah Alkhatib, syrisch-palästinensischer Regisseur
Bundesumweltminister Carsten Schneider, der einzige Vertreter der Bundesregierung, der an diesem Abend anwesend war, verließ aus Protest den Raum.
Die Berlinale ist kein Ort des Schweigens. Es ist ein Ort, an dem Künstler sprechen, auch wenn das manchmal unbequem und umstritten ist. Aber wenn wir nicht sprechen - wer weiß, was dann geschieht.
Berlinale-Chefin Tricia Tuttle
Weimer lobte Tuttle für ihre feinfühlige und grundliberale Gestaltung des Festivals. Er verurteilte aber auch den "Israel-Hass" scharf.
Als Reaktion auf einen offenen Brief mehrerer Filmschaffender zum Nahostkonflikt hat Berlinale-Chefin Tricia Tuttle Zensurvorwürfe zurückgewiesen.
20.02.2026 | 1:49 minFilmemacher drohen mit Berlinale-Boykott
Muss ein maßgeblich vom Bund finanziertes Filmfestival so etwas aushalten? Ja, sagt der Deutsche Kulturrat, auch wenn es schwerfällt. Rede- und Kunstfreiheit müssen verteidigt werden, die Berlinale unabhängig bleiben und nicht Spielball politischer Auseinandersetzungen werden, so die deutsche Filmakademie.
Aus Kreisen von prominenten Filmemachern ist zu hören, dass sie für den Fall, dass Tuttle abberufen werde, keine Filme mehr auf dem Festival zeigen wollten.
Die internationalen Filmfestspiele in Berlin gehen zu Ende. Zum Abschluss der 76. Berlinale erhielt "Gelbe Briefe" den Goldenen Bären für den besten Film.
21.02.2026 | 2:31 minDie Geschichte der Berlinale ist politisch
Boykott wegen politischer Einflussnahme, das wäre das Ende der Berlinale als A-Festival neben Cannes und Venedig, wo die großen Autorenfilmer und die großen Hollywood-Stars ohnehin lieber hingehen, weil sie bessere Startrampen für die Oscarverleihung sind. Und weil sie weniger politisch aufgeladen sind.
Die Berlinale ist lange stolz darauf gewesen, das politischste der großen Filmfestspiele zu sein. 1951 wurde sie als Schaufenster des Westens und kulturelles Bollwerk gegen den Bolschewismus gegründet. Nach dem Mauerbau verhärteten sich die Fronten zwischen Ost und West weiter. Nach der Entspannungspolitik zeigte sie in den 80er Jahren DDR-Filme. Das Politische ist gewissermaßen Teil der DNA des Festivals.
Künstler möchten oft über Filme sprechen, nicht über Politik
Mittlerweile aber zeigen einige Schauspieler und Regisseure eine gewisse Genervtheit. In den Pressekonferenzen werden sie um Stellungnahmen zu aktuellen politischen Konflikten gebeten und beispielsweise gefragt, was Filmkunst zum Kampf gegen Faschismus beitragen kann.
Der letzte Ort, an dem man nach geistigem Beistand suchen sollte, ist bei einem Haufen Künstler, die mit Jetlag und Restalkohol über ihren Film reden.
US-Schauspieler Ethan Hawke als Antwort auf eine politische Frage am Rande der Berlinale
Viele Künstler wollen verständlicherweise über ihre Filme reden, die durchaus politisch sind. Der Gewinnerfilm "Gelbe Briefe" erzählt von der Bedrohung der Freiheit durch Autoritarismus, "Queen at Sea" handelt von Demenz, "Rose" von einer Frau, die sich als Mann gibt, um selbstbestimmt leben zu können, "Salvation" von religiösem Fanatismus und seinen verheerenden Konsequenzen.
Suche nach neuer Leitung dürfte mühsam werden
Die auf der Berlinale preisgekrönten Filme werfen Fragen auf, regen zum Nachdenken an. Einfache Antworten haben sie nicht. Tricia Tuttle hat bemerkenswerte Arbeit geleistet, die Qualität der im Wettbewerb gezeigten Filme ist unter ihrer Leitung gestiegen.
Sie genießt in der Branche große Unterstützung. Wenn sie geht, freiwillig oder unfreiwillig, stürzt das die Berlinale tiefer in die Krise. Die Suche nach einer neuen Leitung dürfte äußerst mühsam werden.
Stephan Merseburger ist Leiter des ZDF-Landesstudios Berlin.
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