Millionen Instagram-Kommentare ausgewertet:Iran-Aktivisten kapern gezielt Kommentarbereiche
von Nils Metzger
Kommentarspalten in sozialen Medien werden für politische Kampagnen instrumentalisiert. Das zeigt eine Auswertung europäischer Nachrichtenseiten. Im Zentrum steht der Iran-Konflikt.
Eine gemeinsame Recherche europäischer Rundfunkanstalten, darunter Tagesschau, France 24 und ZDFheute, hat mehr als 17 Millionen Kommentare auf Instagram und Facebook ausgewertet.
09.07.2026 | 1:32 minDer Iran-Konflikt wird auch in den Kommentarspalten in den sozialen Medien ausgetragen. Dort werden Nutzer zum Ziel politischer Einflusskampagnen.
Das ist Ergebnis einer gemeinsamen Datenauswertung europäischer Rundfunkanstalten im Netzwerk "Eurovision News Spotlight". ZDFheute, Tagesschau, BR24, ORF, France 24, LRT, RTVE, RFI und Swissinfo haben mehr als 17,5 Millionen Nutzerkommentare auf den Plattformen Instagram und Facebook ausgewertet. Sie wurden im Zeitraum zwischen April 2025 und März 2026 unter Posts der Nachrichtenseiten gepostet.
Neben Hassnachrichten und kommerziellem Spam stieß die Analyse auf Account-Netzwerke, die gezielt Botschaften zur Lage in Iran verbreiten. Sowohl Anhänger der iranischen Regierung als auch der Opposition setzten dabei Massenkommentare, die identisch bei verschiedenen Medien gepostet wurden.
Eine iranische Oppositionsgruppe ist besonders aktiv
Ein Schwerpunkt der Kommentar-Aktivitäten war die Protestwelle in Iran ab Januar 2026. Iranische Behörden gingen mit großer Brutalität gegen vor allem junge Demonstranten vor; schätzungsweise mehrere Zehntausend Menschen wurden getötet. Das Internet in Iran wurde abgeschaltet.
In den sozialen Medien versuchten dann Menschen weltweit auf die Lage im Land aufmerksam zu machen - unter Hashtags wie #FreeIran oder #DigitalBlackoutIran. Im Datensatz fiel vor allem eine Nutzergruppe als besonders aktiv auf: Anhänger von Reza Pahlavi, dem im Exil lebenden ältesten Sohn des 1979 entmachteten Schahs.
Seine Anhänger veröffentlichten in dieser Zeit Zehntausende Kommentare bei öffentlich-rechtlichen Medienangeboten in mehreren Ländern. Ein Abgleich der Nachrichten zeigt, dass es sich dabei oft um Posts mit identischem Text handelte, die bei verschiedenen Medien oft nahezu zeitgleich gepostet wurden.
In Iran findet ein Trauerzug für den getöteten Machthaber Ali Chamenei statt. Wie groß ist der Rückhalt für die neue Führung? ZDFheute live blickt in das abgeschottete Land.
06.07.2026 | 24:31 minÖffentliche Meinung in Deutschland soll beeinflusst werden
Viele der Posts hatten nicht nur die Lage in Iran zum Thema, sondern versuchten gezielt, Reza Pahlavi als Oppositionsführer und zentralen politischen Vertreter des iranischen Volkes darzustellen. Häufig wurden die Posts mit dem Hashtag #KingRezaPahlavi versehen.
Am 12. und 13. Januar etwa gingen bei ZDFheute und anderen Medien Hunderte identische Kommentare mit diesem Text ein: "Irrt euch nicht: Dies ist kein bloßer Protest, sondern eine Revolution - eine große Revolution, auf die die ganze Welt schaut. Und der Anführer dieser Revolution ist niemand anderes als Prinz Pahlavi."
Anhänger von Reza Pahlavi posten massenhaft identische Kommentare.
Quelle: Screenshot: Kommentarspalte der zdfheute auf Instagram, aufgenommen am 03.07.2026, Quelle: instagram.com/zdfheuteHinweise auf eine möglicherweise zentrale Koordination solcher Posts liefert auch ein Rechtschreibfehler in einem anderen Kommentar, der am 12. Januar Dutzendfach bei ZDFheute, Tagesschau, ORF, France 24 und LRT gepostet wurde. "Iran" im Hashtag #DigitalBlackoutIran war dort durchgängig falsch mit einem kleinen "l" anstatt einem großen "I" geschrieben.
Der iranische Exilpolitiker Reza Pahlavi schreibt im Interview mit ZDF-Moderatorin Maybrit Illner dem Westen eine Mitverantwortung dafür zu, dass das iranische Terrorregime die Welt erpresst.
23.04.2026 | 7:03 minSind auch Bot-Netzwerke aktiv?
Die gleichen Pro-Pahlavi-Accounts konnten in den Kommentarspalten verschiedener Medien gefunden werden. Nicht immer dürfte das Kommentarverhalten der Nutzer echt sein; kurze zeitliche Abstände zwischen den Kommentaren geben Hinweise darauf, dass womöglich auch automatisierte Accounts genutzt wurden, um Botschaften zu verstärken. Einige der im Datensatz auffälligen Accounts wurden zwischenzeitlich gelöscht. Die Gründe dafür sind unklar.
Alberto Fittarelli, Experte für Cybersicherheit an der Universität von Toronto, sagte dem ORF, dass die Pro-Pahlavi-Bewegung im Netz größtenteils aus echten Menschen bestehe, ihre Aktivitäten aber durch automatisierte Kanäle unterstützt werde. Es gebe Accounts, die "klar Bots oder automatisiert sind, die Inhalte in großer Menge in kurzer Zeit und in Reaktion auf Ereignisse posten", erklärt Fittarelli. Und es gebe "einen Graubereich, der oft aus echten Accounts besteht, die sich über verschiedene Plattformen hinweg genau koordinieren".
Ein Treffen mit der Bundesregierung gab es nicht. Darüber zeigt sich Pahlavi enttäuscht. Man dürfe sich von dem iranischen Regime keine Bedingungen diktieren lassen.
23.04.2026 | 3:10 minAutomatisierte Nachrichten unterstützen die iranische Regierung
In anderen Fällen sind die Hinweise auf Bot-Aktivitäten eindeutiger - bei Kommentaren, die die Regierung in Teheran unterstützen: Am 24. Januar etwa gingen bei mehreren Medien innerhalb einer Minute mehr als 190 identische Kommentare ein, die ein hartes Durchgreifen der iranischen Behörden gegen die Demonstranten forderten.
Hoffentlich wird jeder Demonstrant im Iran hart bestraft. Der Iran bleibt islamisch und ihr werdet nichts dagegen tun können.
Womöglich von Bots verfasster Nutzerkommentar
Am 1. Februar um 6:49 Uhr posteten rund ein Dutzend Accounts unter Inhalten auf dem Instagram-Account von ZDFheute: "Ich wünsche mir, dass die Regierung im Iran an der Macht bleibt und es schafft, eine Atombombe zu bauen (…)." Am 13. Februar gingen zwischen 20:07 Uhr und 20:15 Uhr mehr als 100 Kommentare mit dem gleichen Pro-Regime-Wortlaut ein: "Freiheit vom Zionismus - Khamenei auf die 1."
Die mehrtägige Trauerfeier für den getöteten Führer Ali Chamenei läuft. Um die Gesundheit seines Sohns und Nachfolgers Modschtaba ranken sich Gerüchte. Generalmajor Vahidi zählt zu den mächtigsten Männern im Land.
06.07.2026 | 2:36 minNutzerkommentare rufen Muslime zu Gewalt auf
Durch ein anderes vermutlich automatisiertes Account-Netzwerk wurden sogar Gewaltaufrufe verbreitet. Am 2. März gingen auf den Instagram-Seiten von ZDFheute und Tagesschau koordinierte Hassnachrichten ein, die Muslime zu Gewalt gegen Juden aufriefen: "Der Westen führt keinen Krieg gegen den Iran sondern gegen Muslime auf der ganzen Welt. (…) Muslime wehrt euch mit allen Mitteln egal wo auf der Welt ihr seid. (...) Habt kein Mitleid, so wie die Zionisten kein Mitleid mit uns Muslimen haben."
Mutmaßliche Bot-Accounts verbreiten Gewaltaufrufe in den Nutzerkommentaren. Die Kommentare wurden gelöscht.
Quelle: Screenshot: Kommentarspalte der zdfheute auf Instagram, aufgenommen am 03.07.2026, Quelle: instagram.com/zdfheute153 Mal wurde der Gewaltaufruf in kurzer Zeit von verschiedenen Accounts bei ZDFheute gepostet, über 80 Mal unter einem Post der Tagesschau. Das Community Management von ZDFheute hat die Gewaltaufrufe gelöscht.
Das Community Management von ZDFheute bearbeitet täglich viele tausend Kommentare und orientiert sich dabei an der ZDF-Netiquette. Diese untersagt unter anderem Beleidigungen, Diskriminierungen, Drohungen und Verunglimpfungen aller Art. Bei hohem Kommentaraufkommen können Bearbeitungen jedoch längere Zeit in Anspruch nehmen. Denn die Herausforderungen sind groß: Der Umfang an Hass und Hetze ist gestiegen, dazu kommen verstärkende Faktoren wie Bot-Netzwerke, politisch gesteuerte Kampagnen u.ä.
Aufgrund der Herausforderungen hat das ZDF das internationale Forschungsprojekt "Public Spaces Incubator" initiiert. Diese Kooperation gemeinsam mit öffentlich-rechtlichen Partnern hat die Entwicklung von innovativen Lösungen zum Ziel: Websites, Apps und andere digitale Plattformen der Sender sollen besser für den öffentlichen Dialog nutzbar gemacht werden. So sollen neue digitale Räume - ZDFspaces - für konstruktiven Austausch entstehen.
Was neben dem zeitlichen Zusammenhang ein starkes Indiz für eine gezielte Kampagne mit Fake-Accounts spricht: Die meisten der Kommentare wurden von Nutzerkonten verfasst, die nach einem festen Muster benannt waren: Tiername.Zahlenfolge - beispielsweise "gazelle.6499801" oder "camel.2170459".
Wie bei den Pro-Pahlavi-Posts gibt es auch hier keine gesicherten Beweise, wer genau für die Massen an Kommentaren verantwortlich ist.
Der Krieg zwischen den USA und Iran hat eine lange und komplexe Vorgeschichte. Seit der islamischen Revolution ist das Verhältnis beider Länder von Hass, Gewaltandrohung und Misstrauen geprägt.
30.04.2026 | 43:31 minWas unternimmt Meta gegen solche politischen Kampagnen?
Hinter Instagram und Facebook steht der Plattformbetreiber Meta. Von ZDFheute auf die koordinierten Iran-Kampagnen und Bot-Netzwerke angesprochen, verwies der Konzern lediglich auf seine Richtlinien, wonach betrügerische Inhalte und Accounts gegen die Nutzungsbedingungen verstießen und entfernt würden. Man nutze verschiedene automatische und manuelle Systeme, um solche Inhalte zu finden und zu entfernen, schreibt Meta.
Viele der im Rahmen der Recherche identifizierten Accounts sind jedoch weiterhin online.
Das für die Sicherheit im Netz zuständige Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) teilt mit, dass die Behörde "keine eigenen Erkenntnisse zu spezifischen Desinformationskampagnen mit Iran-Bezug" habe. Grundsätzlich stehe Deutschland aber im Fokus einer "komplexen hybriden Bedrohungslage", wozu auch Einflussoperationen zählten.
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