Haumea - rotierendes Ei im Kuipergürtel:Wie ein seltsamer Zwergplanet der Schwerkraft trotzt
von Andreas Singler
Die Schwerkraft dominiert das Weltall. Sie will alles rund machen. Der ovale Zwergplanet Haumea aber dreht sich dafür einfach zu schnell. Ein Wettkampf wie zwischen Hase und Igel.
In der unermesslichen Weite des Sonnensystems gibt es Welten, die sich jeder Erklärung entziehen. Seltsame Planeten und Monde, Außenseiter und Sonderlinge mit eigenartigen Formen und Größen.
03.05.2025 | 44:17 minDie Schwerkraft ist die wichtigste physikalische Kraft im Universum. Vor vier Milliarden Jahren formte sie die Sonne, die Planeten unseres Sonnensystems und all ihre Monde. Gravitation - also Schwerkraft - sorgt dafür, dass wir mit beiden Beinen fest auf der Erde stehen. Oder dass, wie Isaac Newton es im 17. Jahrhundert schon erklärte, der Apfel senkrecht zu Boden fällt.
Gravitation lässt Planeten, Sterne und Galaxien entstehen, indem sie Staub, Gas und Felsbrocken zusammenzieht.
Dr. Lynnae Quick, Planetenwissenschaftlerin am Nasa Goddard Space Flight Center
Schwerkraft hat die Angewohnheit, Masse stets zu einem zentralen Punkt zu ziehen. Deshalb sind alle Planeten unseres Sonnensystems rund wie eine Kugel - zumindest solange sich keine gleichwertige physikalische Kraft der Gravitation entgegenstellt. Das gilt auch für kleinere Himmelskörper, jedenfalls wenn sie über genügend Masse verfügen. Je größer die Masse eines Körpers, desto stärker seine Schwerkraft.
Als Richtschnur dafür, ob die Schwerkraft einen Planeten oder großen Asteroiden rund formt oder nicht, gilt der sogenannte "Kartoffelradius". "Vermutlich brauchen sie einen Radius von etwa 300 Kilometern", sagt Dr. James Dottin, Geochemiker und Planetenwissenschaftler der Brown-Universität in Providence/USA. "Objekte, die kleiner sind, sehen oft aus wie Kartoffeln."
Das Universum hat seine Regeln. Und doch gibt es da draußen mitunter rätselhafte Objekte, die die Gesetze der Physik auf den Kopf zu stellen scheinen, wie die ZDFinfo-Dokumentation "Eine Reise durch das Sonnensystem: Wundersame Welten" zeigt.
New Horizons reiste in den Kuipergürtel - und traf auf Haumea
Wer einen Himmelskörper sehen möchte, der scheinbar den gängigen Gesetzen der Physik trotzt und anders ist als alle anderen, der muss weit reisen. Bis hinaus in den Kuipergürtel, in jenes riesige, dunkle und eiskalte Trümmerfeld jenseits der großen Planeten unseres Sonnensystems und Milliarden Kilometer von der Erde entfernt.
Die Raumsonde New Horizons wurde Anfang 2006 auf diese Mission geschickt, und neben vielen anderen spektakulären Erkenntnissen deckte sie einen unerwarteten Anachronismus dort draußen auf. Sie traf auf Haumea, einen erst kurz zuvor entdeckten Zwergplaneten, der nach einer hawaiianischen Fruchtbarkeitsgöttin benannt ist.
Wie groß ist das Universum? Hat es eine Grenze, oder ist es unendlich? Seit Beginn der Sternenforschung stellen sich Kosmologen diese und andere spannende Fragen.
11.12.2025 | 43:51 minMit einem Durchmesser von mehr als 2.000 Kilometern müsste Haumea eigentlich aufgrund seiner großen Masse so rund sein wie alle bislang bekannten vergleichbaren Himmelskörper. Haumea aber verblüfft die Forschung durch seine bizarre Gestalt. Der große Asteroid ist oval. Wie ein riesiges Ei.
Jenseits der Planeten verbergen sich Welten, eingehüllt in Dunkelheit. Außerhalb der Reichweite selbst der stärksten Teleskope liegen kaum erforschte, geheimnisvolle dunkle Orte.
03.05.2025 | 44:53 minGravitation trifft auf Fliehkraft
Grund dafür ist ein faszinierendes Spiel der Kräfte - eine Art Hase- und Igel-Wettkampf. Zwar hat die Schwerkraft bei ähnlich großen Himmelskörpern in jedem bisher bekannten vergleichbaren Fall die besseren Karten. Aber bei Haumea ist alles anders.
Er scheint sich an keine Regel zu halten.
Dr. Amy Barr, Astrophysikerin am Institut für Planetenwissenschaften in Tucson/Arizona
Auf Haumea wirkt die Gravitation selbstverständlich so stark wie sie es überall im Weltall tut. Doch trifft die Schwerkraft hier auf eine Gegnerin, die einfach mehr zu bieten hat: Ihr wirkt nämlich eine ungewöhnlich hohe Flieh- oder Zentrifugalkraft entgegen. Haumea, das hat die Beobachtung des Zwergplaneten gezeigt, dreht sich schneller als alle bekannten Objekte mit einem Durchmesser über etwa 100 Kilometer.
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Warum dreht sich Haumea so schnell?
Nur vier Stunden benötigt Haumea, um sich einmal um die eigene Achse zu drehen. Angesichts seiner beträchtlichen Größe ist das atemberaubend schnell. "Wie ein Karussell auf einem Spielplatz", so die Astrophysikerin Amy Barr.
Warum aber dreht sich Haumea so schnell? Dazu gibt es keine sicheren Beweise - aber eine plausible Theorie.
Haumea könnte durch eine gigantische Kollision entstanden sein. Der Aufprall führte zur schnellen Rotation.
Dr. Benjamin Proudfoot, Astrophysiker am Florida Space Institute
Bei dieser Gelegenheit könnten auch die beiden Monde sowie ein Ring aus kleineren Partikeln und Brocken entstanden sein, die Haumea über ihrem Äquator umkreisen. "Wenn sich etwas zu schnell dreht, übersteigt die Zentrifugalkraft die Schwerkraft und es können sich Teile vom Körper lösen", sagt der Astrophysiker Benjamin Proudfoot.
Die größte Ausstellung und Konferenz für Raumfahrtexperten aus Europa findet in Bremen statt. Der Fokus liegt auf dem Artemis-Programm, das wieder Menschen zum Mond bringen soll
18.11.2025 | 1:37 minWie Haumea ihre Monde einst wohl selbst gebar
Gemeinsam bilden die Monde und die kleineren Ringobjekte mit dem Zwergplaneten eine "Kollisionsfamilie", wie Proudfoot und andere Forscherinnen und Forscher es nennen, die einzige bislang im Kuipergürtel gefundene. All die vor allem aus Eis bestehenden Satellitenobjekte gehörten wahrscheinlich einst zum Eismantel, der Haumea bedeckt.
Demnach hätte Haumea, passend zum Namen nach einer Göttin der Fruchtbarkeit und Geburt, seine Monde und den Ring um sich herum selbst geboren.
Unser Sonnensystem beherbergt acht Planeten. Und es gibt noch sogenannte Zwergplaneten, die sich auf der Bahn um die Sonne befinden. Noch ist wenig über diese Himmelkörper bekannt.
02.10.2022 | 44:21 minSie wollen auf dem Laufenden bleiben? Dann sind Sie beim ZDFheute-WhatsApp-Channel richtig. Hier erhalten Sie die wichtigsten Nachrichten auf Ihr Smartphone. Nehmen Sie teil an Umfragen oder lassen Sie sich durch unseren Podcast "Kurze Auszeit" inspirieren. Zur Anmeldung: ZDFheute-WhatsApp-Channel.
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