Illegale Jagd auf Wildtiere:Wilderei in Deutschland wird brutaler
von Andreas Ewels
Tatort Wald: Zwischen Hochsitzen und Wildwechseln spielt sich eine kaum bekannte Realität ab. Wilderei, einst als Kavaliersdelikt abgetan, ist heute ein kriminelles Geschäft.
Mit Schusswaffen, aber auch mit Armbrüsten und Schlingfallen werden Wildtiere in Deutschland illegal gejagt.
Quelle: dpaIn Wiesbaden kennt sie jeder: die Leichtweißhöhle im Nerotal. Ihr Name geht auf den Wilddieb Heinrich Anton Leichtweiß zurück, der die Höhle von 1789 bis 1791 als Unterschlupf nutzte, um sich vor seinen Verfolgern zu verstecken. Seine Geschichte wurde romantisiert und zu einer kleinen Touristenattraktion der Stadt.
Europa ist ein lukrativer Markt für Vogelschmuggler. Exotische Vögel wie Papageien oder ihre Eier werden aus Ländern wie Brasilien heraus geschmuggelt. Ohne Rücksicht auf bedrohte Arten.
31.08.2025 | 28:44 minDoch die Zeiten der scheinbar harmlosen Wilderer sind spätestens seit dem 31. Januar 2022 vorbei. Zwei junge Polizisten - ein 29-jähriger Oberkommissar und eine 24-jährige Polizeianwärterin - kontrollierten ein Fahrzeug auf einer Kreisstraße bei Ulmet im rheinland-pfälzischen Landkreis Kusel. Im Auto saßenn zwei Wilderer. Die Polizisten wurden erschossen.
Die Ermittlungen ergaben: Einer der Männer hatte in über 500 Jagdrevieren gewildert. Der Hauptangeklagte wurde inzwischen rechtskräftig zu lebenslanger Haft verurteilt.
Organisierter Handel mit Wildbret
Wilderei in Deutschland ist kein Randphänomen. Sie reicht vom illegalen Abschuss geschützter Arten bis hin zum organisierten Handel mit Wildbret. Die Täter agieren oft nachts, kennen das Gelände und sind bewaffnet.
Dies wissen die Wenigsten: Auch Autofahrer können zu Wilddieben werden. In Deutschland ist das Jagdrecht nämlich im Reviersystem geregelt. Der Revierinhaber besitzt die ausschließliche Befugnis, sich die Tiere, die dem Jagdrecht unterliegen, anzueignen. Gleich ob das Tier tot oder lebendig ist.
"Nach § 292 StGB begeht Wilderei, wer dem Wild nachstellt, es fängt, erlegt oder sich oder einem Dritten zueignet", erklärt Anwalt Dr. Heiko Granzin. "Der Autofahrer, der sich ein totgefahrenes Reh in den Kofferraum hievt, eignet sich dieses damit an." Das sei kein Kavaliersdelikt: Es drohen Geldstrafen und im Wiederholungsfall sogar bis zu drei Jahre Haft.
Der Deutsche Jagdverband sieht einen leichten Anstieg der Wilderei und beruft sich dabei auf die Statistik des Bundeskriminalamts: "Seit 2012 ist die Anzahl der erfassten Fälle um 35,3 Prozent gestiegen - von 864 auf den neuen Höchststand von 1.169 Fällen im Jahr 2024", erklärt Pressesprecher Torsten Reinwald. Besonders besorgniserregend sei die Aufklärungsquote: "Diese ist von 33,3 Prozent im Jahr 2014 auf nur noch 28,6 Prozent im Jahr 2024 gesunken."
"Wildtiere haben keine Lobby", sagt Tamara. Die Wildtierpflegerin rettet Füchse, Igel, Waschbären.
30.06.2024 | 27:14 minDunkelziffer bei Wilderei ist hoch
Laut Experten ist die Dunkelziffer hoch. Das bestätigt auch Melina Sowah, WWF-Expertin für Wildtierkriminalität: "Es gibt in Deutschland keine zentrale Meldestelle für Wildtierkriminalität und damit auch keine bundeseinheitliche Statistik." Ein großes Problem beim Kampf gegen die Wilderer. Bei denen nimmt die Brutalität zu:
Seit 2012 kam es durchschnittlich in jedem fünften Fall von Wilderei zum Schusswaffengebrauch - Tendenz steigend.
Torsten Reinwald, Deutscher Jagdverband
"Neben Schusswaffen kommen auch Armbrüste, Schlingfallen und Giftköder zum Einsatz, um Wildtiere zu töten", so Reinwald.
Was kann man tun, um die Biodiversität zu schützen? Das erfahren Kinder in der Zooschule Nordhorn, wo Biodiversität für Kinder und Erwachsene auf anschauliche Weise erlebbar gemacht wird. Dafür haben sie sogar einen Preis gewonnen.
22.05.2025 | 1:49 minErhebliche Folgen für Fischotter und Rotmilan
Als Auslöser für Wilderei gelten Profitgier, Revierstreitigkeiten, Trophäenneid und die Aneignung von Wild als Nahrung. Während viele bei Wilderei an Rehe und Wildschweine denken, sieht der WWF andere Arten im Fokus: Luchse, Wölfe, Seeadler, Rotmilan, Fischotter und Biber. "In kleinen Populationen kann der Verlust einzelner Tiere erhebliche Folgen haben - etwa die Gefährdung von Wiederansiedlungsprozessen oder genetische Verarmung", warnt Sowah.
Damit gefährdet Wilderei nicht nur einzelne Arten, sondern die ökologische Stabilität ganzer Regionen.
Melina Sowah, WWF
Um hier den Überblick zu behalten, arbeitet der WWF Deutschland in einem EU-geförderten Projekt gemeinsam mit 13 Partnern aus Polizei, Forschung, Behörden und Naturschutzorganisationen in Deutschland und Österreich. Ziel des sogenannten wildLIFEcrime-Projekts ist es, Wildtierkriminalität besser zu überwachen, Behörden zu schulen, Beweise gerichtsfest zu sichern und forensische Kapazitäten deutschlandweit auszubauen.
Warnung: Nicht selbst eingreifen
Der Deutsche Jagdverband setzt bei der Vermeidung von Wilderei auf das Reviersystem: "Der Vorteil ist, dass wir verantwortliche Jäger vor Ort haben, die ihre Reviere kennen und wissen, was dort vor sich geht", erklärt Reinwald. Gleichzeitig warnt der Verband Jägerinnen und Jäger ausdrücklich davor, selbst einzugreifen: "Die eigene Sicherheit muss immer Priorität haben."
Auch wer tote oder verletzte Wildtiere findet, sollte dies zuerst der örtlichen Polizei oder der zuständigen Naturschutzbehörde melden, mahnt der WWF. "Verdächtige Köder, Fallen oder sonstige Auffälligkeiten können über die bundesweite Wilderei-Hotline auf www.wildlifecrime.info gemeldet werden", ergänzt Sowah.
Konsequentes Monitoring würde helfen
Wilderei bleibt eine ernsthafte Bedrohung für den Artenschutz und die ökologische Stabilität. Die zunehmende Gewaltbereitschaft vieler Wilderer zeigt, dass es nicht nur um den Schutz von Tieren, sondern auch um die Sicherheit von Menschen geht.
Um wirksam gegenzusteuern, müssen die Grundlagen für ein flächendeckendes Monitoring deutlich verbessert werden. Nur so lassen sich illegale Aktivitäten frühzeitig erkennen und konsequent bekämpfen.
Andreas Ewels ist Redakteur in der ZDF-Umweltredaktion.
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