Die Wissens-Kolumne von NANO und Terra X:Übergewicht: Warum Disziplin allein nicht reicht
von Sharmili Edwin Thanarajah
Adipositas ist längst eine globale Pandemie. Was wir essen, entscheidet nicht nur unser Magen - sondern vor allem unser Gehirn.
44 Prozent aller Erwachsenen weltweit sind von Übergewicht oder Adipositas betroffen. In Europa sind es sogar 60 Prozent der Erwachsenen und bereits 30 Prozent der Kinder und Jugendlichen.
Adipositas: Eine Pandemie, die wir unterschätzen
Damit hat Adipositas längst den Status einer globalen Pandemie erreicht, auch wenn sie selten so genannt wird. Doch warum fällt es so vielen Menschen so schwer, sich gesund zu ernähren? Die Antwort liegt - zumindest teilweise - in unserem Kopf.
In der Wissens-Kolumne von NANO und Terra X auf ZDFheute beschäftigen sich ZDF-Wissenschaftsjournalistinnen und -journalisten wie Harald Lesch, Mirko Drotschmann und Jasmina Neudecker sowie Gastexpertinnen und Gastexperten jeden Sonntag mit großen Fragen der Wissenschaft - und welche Antworten die Forschung auf die Herausforderungen unserer Zeit bietet.
Das Gehirn entscheidet mit, was auf den Teller kommt
Was wir essen, ist keine rein bewusste Entscheidung. Unser Gehirn ist maßgeblich daran beteiligt, was wir als appetitlich empfinden, wann wir aufhören zu essen und wann nicht.
Das ist nicht verwunderlich: Das Gehirn verbraucht mehr Energie als jedes andere Organ. Obwohl es nur etwa zwei Prozent unseres Körpergewichts ausmacht, beansprucht es rund 20 Prozent unserer gesamten Energiezufuhr. Dieses "Hungry Brain" ist evolutionär darauf ausgelegt, Energiemangel zu verhindern und das aus gutem Grund.
Unsere Vorfahren lebten in einer Welt, in der lange Hungerperioden zum Alltag gehörten. Nahrung musste erst durch Jagd oder ausgedehnte Suche gefunden werden. Das Gehirn wurde in dieser Welt programmiert: Es sorgt dafür, dass wir essen und zwar genug, und dieses Verhalten war überlebensnotwendig.
Was passiert im Gehirn, wenn wir zu viel essen? Leon Windscheid erforscht für Terra Xplore die Psychologie hinter Esssucht und warum industriellen Lebensmitteln so schwer zu widerstehen ist.
24.11.2025 | 43:41 minEnge Beziehung zwischen Essen und psychischer Gesundheit
Die Welt hat sich seither grundlegend verändert. Essen ist heute überall und jederzeit verfügbar, körperliche Bewegung ist optional geworden. Doch unser Gehirn folgt noch immer seiner alten Logik. Die einstige Schutzfunktion wird in einer Welt des Überflusses zum Problem.
Essen und psychische Gesundheit stehen dabei in einer engen Beziehung: Die Psyche beeinflusst unsere Ernährung, und die Ernährung beeinflusst unsere Psyche. Diese Wechselwirkung ist wissenschaftlich gut belegt und wird in der Forschung zunehmend ernst genommen.
Ernährung und Psyche hängen eng zusammen. Das zeigt auch der Portionsgrößen-Effekt. Psychologe Leon Windscheid erklärt in Terra Xplore, was hinter diesem Phänomen steckt.
12.07.2026 | 0:36 minWenn Essen das Belohnungssystem übernimmt
Besonders gut untersucht ist der Einfluss hochprozessierter Lebensmittel. Sie sind industriell so gestaltet, dass sie unser Belohnungssystem auf eine Art ansprechen, die natürliche Lebensmittel nicht erreichen.
Das Ergebnis: Wir essen schneller, wir essen mehr, und wir hören schwerer auf. Man spricht davon, dass diese Produkte das Belohnungssystem regelrecht kapern - also das außer Kraft setzen, was uns eigentlich vor Überverzehr schützen sollte.
Der Zusammenhang zwischen hochprozessierter Ernährung und erhöhtem Körpergewicht ist eindeutig. Doch dabei bleibt es nicht: Westliche Ernährungsmuster sind auch mit Diabetes, kardiovaskulären Erkrankungen assoziiert - und mit Depressionen. Besonders deutlich ist diese Evidenz für gesüßte Getränke, die in vielen Studien als eigenständiger Risikofaktor identifiziert wurden.
Macht Zucker süchtig wie Heroin? Oder kommt es nur auf die "richtige Art" an? Selbst die Forschung ist beim Thema Zucker gespalten. Mai Thi Nguyen-Kim wagt in MaiThinkX den kritischen Blick.
30.03.2025 | 28:25 minStress, Schlaf und die Qual der Wahl
Wer gestresst ist, greift schneller zu kalorienreichen Lebensmitteln. Das ist keine Schwäche, sondern Neurobiologie: Unter Stress verändert sich die Aktivität in Hirnregionen, die für die Kontrolle unseres Verhaltens und für die Entscheidungsfindung zuständig sind. Die Hemmschwelle sinkt - und der Griff zur Schokolade wird wahrscheinlicher.
Ein oft unterschätzter Faktor ist Schlafmangel. Wer zu wenig schläft, verändert nicht nur seinen Hormonhaushalt - er verändert auch sein Essverhalten. Studien zeigen, dass Schlafmangel die Präferenz für hochkalorische Lebensmittel erhöht und das Sättigungsgefühl abschwächt. Ausreichend Schlaf hingegen verbessert nicht nur das Körpergefühl, sondern führt nachweislich auch dazu, dass Menschen gesündere Lebensmittel bevorzugen.
Dasselbe gilt für körperliche Bewegung: Regelmäßiger Sport wirkt sich nicht nur auf das Gewicht aus, sondern auch auf die Qualität unserer Ernährungsentscheidungen.
Kalorien verbrennen durch Sport - wenn das so einfach wäre! Biologin Jasmina Neudecker deckt drei Irrtümer zum Thema Sport und Abnehmen auf.
19.07.2021 | 7:53 minWas jeder selbst angehen kann
Adipositas ist kein Ausdruck mangelnder Disziplin. Sie entsteht im Zusammenspiel von Biologie, Umwelt und psychischer Verfassung. Wer das versteht, kann anders ansetzen - weniger mit Verboten, mehr mit Bewusstsein.
- Auf den Körper hören - also wahrnehmen, wann echte Hunger- oder Sättigungssignale kommen, statt im Autopilot zu essen.
- Den Körper nähren - mit abwechslungsreicher, ausgewogener Kost, die dem Körper gibt, was er braucht, statt ihn kurzfristig zu belohnen.
- Und achtsam essen - langsam, bewusst, ohne Ablenkung.
Doch individuelle Entscheidungen allein reichen nicht. Wer in einer Umgebung aufwächst, in der Chips und Softdrinks allgegenwärtig sind und gesunde Alternativen fehlen, hat es strukturell schwerer.
Zuckersteuer & Co.: Was wir daraus lernen können
Deshalb brauchen wir gesellschaftliche Antworten: Aufklärung über gesunde Ernährung, ihre frühe Verankerung in Schulen und ein besseres Nahrungsangebot in Bildungs- und Gesundheitseinrichtungen. Auch die Regulierung von Lebensmittelwerbung - insbesondere jener, die sich an Kinder richtet - ist längst überfällig.
Und nicht zuletzt die Zuckersteuer: eine Maßnahme, die die Weltgesundheitsorganisation WHO seit Jahren ausdrücklich empfiehlt. Das klingt politisch. Ist es auch. Denn Adipositas ist nicht nur eine medizinische Herausforderung, sie ist eine gesamtgesellschaftliche.
Ob Kimchi, Joghurt oder Käse aus Pilzen – Fermentation ist vielseitig. Sie veredelt den Geschmack und funktioniert traditionell mit Salz oder hoch präzise im Labor.
25.09.2025 | 43:00 min... ist Psychiaterin und Neurowissenschaftlerin an der Goethe Universität Frankfurt und am Neurometabolic Lab. In ihrer Arbeit beschäftigt sie sich mit den Wechselwirkungen zwischen Stoffwechsel und Psyche auf der Suche nach neuen therapeutischen Strategien für psychische Erkrankungen.
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