Die Wissens-Kolumne von NANO und Terra X:Der unterschätzte Dominoeffekt kritischer Infrastruktur
von Dennis-Kenji Kipker
Der bundesweite Bahnausfall zeigt, wie der Stillstand einer kritischen Infrastruktur weitere Bereiche mitreißt und warum Kaskadeneffekte zur nationalen Sicherheitsfrage werden.
In der Nacht vom 23. auf den 24. Juni 2026 stand Deutschland auf der Schiene still. Weil der digitale Bahnfunk bundesweit ausfiel, hielt die Deutsche Bahn aus Sicherheitsgründen sämtliche Züge an. Was als technische Störung begann, blieb jedoch nicht auf die Gleise beschränkt.
In der Wissens-Kolumne von NANO und Terra X auf ZDFheute beschäftigen sich ZDF-Wissenschaftsjournalistinnen und -journalisten wie Harald Lesch, Mirko Drotschmann und Jasmina Neudecker sowie Gastexpertinnen und Gastexperten jeden Sonntag mit großen Fragen der Wissenschaft - und welche Antworten die Forschung auf die Herausforderungen unserer Zeit bietet.
Am Flughafen BER brach mit der S-Bahn die wichtigste Anbindung weg, sodass hunderte Reisende strandeten. Etwa die Hälfte der Güterzüge blieb im Land und an den Grenzen stehen. Lieferketten waren noch Tage später gestört - auch international.
Bundesweit stehen Züge still: Eine IT-Störung zwingt DB-Züge zum Stillstand. Reisende warten ohne Infos, Schlangen an den Serviceschaltern wachsen. Erst gegen 1 Uhr rollt der Verkehr langsam wieder an.
24.06.2026 | 1:56 minZwar war die technische Ursache des Bahnausfalls schnell behoben und eher harmlos. Doch der Vorfall zeigt, wie schnell sich lokale Störungen verselbstständigen - und wie wenig es braucht, um Systeme aus dem Takt zu bringen.
Eine kritische Infrastruktur ist selten allein betroffen
Dieser Verlauf folgt einem Muster: hochvernetzte Systeme ohne ausreichende Puffer, in denen ein Ausfall kritischer Infrastruktur unmittelbar den nächsten Bereich mitreißt. Solche Kettenreaktionen werden als Kaskadeneffekte bezeichnet.
Genau dieses Muster gilt inzwischen als strategische Verwundbarkeit. Sicherheitsbehörden warnen seit Längerem davor, dass feindliche Staaten solche Kaskadeneffekte gezielt ausnutzen könnten - nicht durch flächendeckende Angriffe, sondern durch präzise Eingriffe an neuralgischen Punkten, die eine maximale Kettenreaktion auslösen.
Sabotage und Desinformation sorgen für Unruhe. Viele vermuten Russland dahinter. Lässt sich das beweisen? Eine Spur führt von Berlin nach Estland - tief in das System der "Wegwerf-Agenten".
07.05.2025 | 28:32 minSabotage legt Berlin lahm
Wie weit eine mutwillige Störung reichen kann, zeigte der Sabotageakt vom 3. Januar 2026 auf einer Kabelbrücke im Berliner Südwesten: Erst fiel der Strom für rund 45.000 Haushalte aus. Danach funktionierten auch Mobilfunkstationen und Festnetzanschlüsse nicht mehr und die Kommunikation brach zusammen.
Heizungen blieben kalt, Krankenhäuser mussten auf Notstrom umschalten und Stellwerke fielen aus - zeitweise standen S- und Regionalbahnen still. Ein lokaler Sabotageakt pflanzte sich quer durch mehrere Versorgungsbereiche in ganz Berlin fort.
Kein Strom, keine Heizung: Anfang 2026 legt ein Blackout Teile Berlins lahm. Harald Lesch prüft für Terra X, wie stabil Deutschlands Stromnetz ist und welche Risiken drohen.
06.04.2026 | 27:23 minDie hybride Verwundbarkeit reicht bis auf den Meeresgrund
Solche Kaskadeneffekte enden längst nicht mehr an Staatsgrenzen. In Nord- und Ostsee häufen sich schon seit mehreren Jahren Vorfälle, bei denen Schiffe der russischen Schattenflotte ihre Anker über den Meeresboden schleifen und dabei Daten- und Versorgungskabel beschädigen - eine Gefahr auch für Offshore-Windparks und die damit verbundene Energiewende.
Auch der europäische Flugverkehr ist betroffen: Durch das gezielte Stören von GPS-Signalen ("Jamming" und "Spoofing") erhalten Piloten falsche oder gar keine digitalen Positionsdaten.
Wer steckt hinter den Anschlägen auf die Nord-Stream-Pipelines? Für deutsche Ermittler verdichten sich die Spuren in Richtung Ukraine - eine Spurensuche auf der Ostsee.
25.08.2023 | 36:08 minWie sehr digitale Wertschöpfung von physischer Infrastruktur abhängt, zeigt auch die Krise am Golf von Oman, wo wichtige Seekabel durch eine schmale Meeresenge verlaufen. Die Pläne der Golfstaaten für eine datengetriebene KI-Wirtschaft hängen unmittelbar von dieser verletzlichen Verbindung ab.
Der Plan gegen den System-Crash
In einer hybriden Bedrohungslage, in der Angriffe und Störungen bewusst unterhalb der Schwelle eines offenen Konflikts bleiben, lässt sich kritische Infrastruktur nicht länger getrennt betrachten. Weil heute nahezu alles digitalisiert, hochvernetzt und voneinander abhängig ist, müssen solche Kaskadeneffekte aktiv in eine gesamtstaatliche Resilienzplanung einfließen.
Deutschlands Stromnetz hat Schwachstellen, die kaum geschützt und leicht angreifbar sind. Recherchen von frontal zeigen: Die Versorgung von Stadtteilen und Dax-Konzernen könnte gefährdet sein.
04.02.2026 | 11:11 min
Darum untersuchen neue Forschungsprojekte die Abhängigkeiten zwischen den Sektoren Energie, Informationstechnik, Verkehr und der Versorgung - um Schwachstellen aufzudecken bevor der Ernstfall eintritt.
Auch auf gesetzlicher Ebene verlangt die EU Vorsorge für mehr Ausfallsicherheit. Deutschland hat dies im März dieses Jahres mit dem KRITIS-Dachgesetz verbindlich gemacht.
Damit verschiebt sich die entscheidende Frage: Es geht nicht mehr darum, ob einzelne Infrastrukturen stabil sind. Sondern darum, wie das gefährliche Zusammenspiel verhindert werden kann, wenn genau an der richtigen Stelle ein Domino ins Wanken gerät.
Welche Pläne haben die politischen Parteien in ihren Programmen zur Bundestagswahl bezüglich der maroden Infrastruktur und dem Sanierungsfall der Bahn?
20.01.2025 | 33:08 min... ist Professor für IT-Sicherheitsrecht und forscht als wissenschaftlicher Direktor und Gründer des cyberintelligence.institute in Frankfurt am Main an der Schnittstelle von Recht und Technik in der Cybersicherheit, Konzernstrategie sowie zu digitaler Resilienz im Kontext globaler Krisen. In dieser Funktion berät er die Bundesregierung, die Europäische Kommission und Unternehmen weltweit. 2025 wurde Kipker in die Capital "Top 40 unter 40" aufgenommen, womit Persönlichkeiten ausgezeichnet werden, deren berufliches Wirken als besonders einflussreich und zukunftsweisend gilt.
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