Neue Klimawandel-Studie: Keine "große CO2-Lüge" entlarvt

Faktencheck

Millionen Jahre altes Eis untersucht:Warum eine neue Klimastudie keine "große CO2-Lüge" entlarvt

Autorenfoto Nils Metzger

von Nils Metzger

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Forscher haben in Millionen Jahre altem Antarktis-Eis weniger CO2 gefunden als angenommen. Skeptiker sehen den menschengemachten Klimawandel widerlegt. Warum das nicht stimmt.

Windräder drehen sich in einem Windpark an der Nordsee.

Neue Daten der Weltwetterorganisation zeigen steigende Temperaturen und stark erwärmte Ozeane. Der Bericht warnt vor wachsendem Ungleichgewicht im Klimasystem.

23.03.2026 | 1:32 min

Eine neue wissenschaftliche Studie im Fachmagazin "Science" löst online große Aufregung aus.

"Studie zerstört das CO2-Märchen der Net-Zero-Fanatiker", "Klimaaktivisten in Erklärungsnot", oder "Schock: Neue Belege zeigen keinen Zusammenhang zwischen CO2 und Temperaturen über die letzten drei Millionen Jahre". Solche Schlagzeilen werden gerade massenhaft im Netz und unter Klimawandel-Skeptikern verbreitet.

Doch die reißerischen Behauptungen stellen die Ergebnisse der Studie vereinfacht dar und ziehen Schlüsse, die laut Forschern nicht korrekt sind. Ein Faktencheck.

Worum geht es in der Studie?

Das Eis der Antarktis ist für Forscher eine der wichtigsten Quellen für Wissen über den Klimawandel. Das Eis in Hunderten bis Tausenden Metern Tiefe lässt Rückschlüsse darauf zu, wie die Luft vor Jahrmillionen zusammengesetzt war, welche Temperaturen oder wie viel Niederschlag herrschten.

Ein Forscherteam verschiedener US-Universitäten hat anhand solcher Eisbohrungen untersucht, wie sich die Konzentration der Treibhausgase CO2 und Methan (CH4) während eines bestimmten Erdzeitalters, dem Pleistozän, entwickelt hat. Das begann vor rund 2,6 Millionen Jahren und endete vor rund 11.700 Jahren mit dem Ende der letzten Eiszeit.

Die Infografik zeigt, wie CO2 als Treibhausgas wirkt. Dabei zeigt sich, dass Gasmoleküle wie Stickstoff und Sauerstoff die Infrarotstahlung durchlassen. CO2 aber nimmt die Wäremstrahlung der Erde auf und erwärmt daduch die Erde. Außerdem bleibt CO2 sehr lange in der Atmosphäre.

Sie wollten feststellen, ob sich Eisproben von einem bestimmten Eisfeld, dem Allan Hills Blaueisgebiet, dafür eignen, Aussagen über länger zurückliegende Zeiträume als bislang möglich zu treffen. Daraus zogen sie dann Rückschlüsse über das zyklische Entstehen von Gletschern über Millionen Jahre hinweg.

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Worum gibt es nun die Aufregung?

All das klingt zunächst nach Informationen, die vor allem Experten interessieren dürften.

Doch was die Forscher im Eis fanden, überraschte auch sie selbst, wie Studienautorin Julia Marks-Peterson von der Oregon State University dem Fachportal "New Scientist" sagte. Vor drei Millionen Jahren lag die Konzentration an Treibhausgasen deutlich niedriger als bislang angenommen - obwohl die Temperaturen rund ein Grad höher lagen als heute.

Atmosphärisches CO2- und CH4-Niveau grob konstant über drei Millionen Jahre

Titel der neuen "Science"-Studie

Skeptiker interpretieren dieses Studienergebnis nun so, als sei der zentrale Wirkmechanismus des Klimawandels im hier und jetzt widerlegt: "Massive Temperaturstürze und gelegentliche interglaziale Erwärmungen fanden statt, ohne dass sich die sogenannte 'Treibhausgaskonzentration' in einem größeren Maße verändert hat", schreibt etwa das rechtspopulistische Portal "Report24". "Es gibt absolut nichts, was die politische Wahnvorstellung rechtfertigt, der Mensch könne das globale Klima-Thermostat durch den Verzicht auf fossile Brennstoffe steuern."

Doch Klimaforscher widersprechen dieser Darstellung deutlich.

Auf der rechten Seite des Bildes zu sehen ist Host Mirko Drotschmann. Im Hintergrund zu sehen ist dürrer, ausgedrockneter Boden, mittig zu erkennen ist ein Wald in Form der BRD. Inmitten der BRD ist ein Fußabdruck sichtbar.

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Was sagen Experten zu den Studienergebnissen?

Das unabhängige Fachportal "Science Media Center" hat mehrere Einschätzungen anderer Forscher zu der "Science"-Studie zusammengetragen:

"Diese Studien verändern nicht die Rolle von CO2, sie unterstreichen, wie sensibel das Klimasystem bereits auf kleine Veränderungen reagiert. Sobald das Eisschild einmal eine Schwelle überschreitet, kann sich das gesamte System dramatisch verändern - und genau darum ist der rapide CO2-Anstieg heute so alarmierend", sagte Carrie Lear, Professorin für Klimaforschung an der Universität Cardiff.

Der gemeine Leser könnte fälschlich annehmen, dass diese Studien die Bedeutung von CO2 für den Klimawandel umwerfen. (…) Moderne CO2-Werte steigen deutlich schneller und auf ein viel höheres Niveau als diese uralten Aufzeichnungen zeigen.

Carrie Lear, Universität Cardiff

Das vom Menschen geprägte aktuelle Erdzeitalter und insbesondere die Zeit seit der Industrialisierung kommen in der Auswertung der Forscher in "Science" gar nicht vor - ihre Studie endet vor über 11.000 Jahren.

Temperatur global im Vergleich

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Wie unterscheidet sich das Klima damals von heute?

Richard Allen von der Universität Reading betont, dass das Klimasystem vor Millionen von Jahren nicht so einfach mit dem heutigen vergleichbar sei:

"[Die Eisproben] geben einen Einblick in einen anderen Planeten Erde, der sich langsam abkühlte (…), was die Grundlage für wilde Sprünge zwischen Eiszeiten und milderen Zwischenperioden über Jahrmillionen schuf", so Allen gegenüber dem "Science Media Center". Treibhausgase seien nicht der zentrale Treiber dieser Abkühlung gewesen. Vegetation, Wetter und Meeresströme funktionierten grundlegend anders als heute.

Aktuelle CO2-Werte sind erheblich über dem Niveau dieser natürlichen Gletscherzyklen (…). Verschiedene Beweisketten belegen unumstößlich, dass der Anstieg an Treibhausgasen gegenwärtig das Klima anheizt.

Richard Allen, Universität Reading

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Welche Fragen sind tatsächlich noch offen?

Nirgendwo in der Studie werde angedeutet, "dass die Ergebnisse in irgendeiner Weise den fundamentalen Zusammenhang zwischen CO2 und dem Klima anzweifeln", wird der Physiker Raymond Pierrehumbert von der Universität Oxford zitiert.

Pierrehumbert betont ebenfalls, dass es sich bei dieser Art der Eis-Analyse um eine neue Methode handle. Eis dieses Alters sei so deformiert, dass die Auswertung nur Durchschnittswerte über lange Zeiträume produziere - ohne Rückschlüsse auf individuelle Gletscherzyklen. Auch die Forscher selbst weisen auf die Limitierung ihrer Ergebnisse hin.

Was diese neuen Daten unterstreichen, ist, dass das Klima Wege kennt, sich massiv zu verändern, die wir bislang nicht verstehen.

Raymond Pierrehumbert, Universität Oxford

Angesichts des massiven menschengemachten CO2-Anstiegs befinde man sich gerade in "unbekanntem Gebiet", so Pierrehumbert. Das bereite ihm Sorgen.

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