Brüchige Hafenanlagen:Kleine Holzbohrmuscheln - gewaltiger Schaden
von Henri Schwope und Katharina Weisgerber
Angeblich waren sie schon 1503 als blinde Passagiere an Bord der Schiffe von Kolumbus. Jetzt sind sie massenhaft zurück und fressen sich durch den historischen Hafen Bremerhavens.
Eine eingeschleppte Muschelart sorgt in Bremerhaven für teure Schäden an der Hafenanlage. Kaimauern sacken ab, die Kosten gehen in die Millionen. Auch ein Fähranleger musste stillgelegt werden.
19.08.2026 | 1:40 minAls der Zustieg zur Weserfähre nach Nordenham im Frühsommer Risse bekommt und absackt, herrscht Aufregung. Die Inspektion drei Jahre zuvor hatte keine Mängel an den Stützen der Fähranlage festgestellt. Auch die 240 Meter lange Nord-Ost-Kaje und die beiden historischen Brücken am Verbindungskanal zwischen Altem und Neuem Hafen galten nicht mehr als sicher. Die Folge: Absperrungen und Umleitungen für mehrere Jahre.
Die Kaianlagen, in Norddeutschland Kajen genannt, stehen auf Holzkonstruktionen. 15 bis 20 Meter langen Stangen, meist aus Fichtenholz. Ins Wasser gebaut vor rund 100 Jahren. Nun hat sich im Hafenbecken von Bremerhaven ein ungebetener Gast massiv ausgebreitet: die Holzbohrmuschel, wissenschaftlich Teredo navalis, Länge um die 10 bis 20 Zentimeter.
Holzbohrmuscheln: "Gefährlichsten Zerstörer von Holz im Meerwasser"
Die Muschel sieht aus wie ein Wurm und ist an einem Ende mit kleinen Schalen ausgestattet, mit denen sie das Holz abschabt. Als kleine Larve bohrt sie sich ins Innere und hinterlässt dabei kaum sichtbare Löcher. "Sie leben im Holz, wachsen und bilden Tunnel, bis nur noch eine ganz dünne Außenhülle stehen bleibt", erklärt Holzforscher Christian Brischke vom Thünen-Institut.
Sie sind die gefährlichsten Zerstörer von Holz im Meerwasser.
Christian Brischke, Thünen-Institut
Zum Tag der biologischen Vielfalt hat Kronprinzessin Victoria von Schweden vollen Einsatz gezeigt. Auf der Insel Tjärnö setzte sie Muscheln aus und machte auf den Schutz der Ozeane aufmerksam.
22.05.2026 | 0:41 minHeiner Behrens von der Entwicklungsgesellschaft Alter/Neuer Hafen leitet die Sanierung der beiden ältesten Hafenbecken zwischen Wesermündung und Stadtzentrum. "Dass die Bohrmuschel da ist, das wussten wir. Dass sie sich in den letzten Jahren so stark vermehrt hat, das war nicht voraussehbar."
Pläne für die Sanierung des historischen Hafenbereichs gibt es bereits, erklärt Heiner Behrens: "Wir planen schon seit einigen Jahren die Sanierung der Gründung an diesem Bauwerk und hatten gehofft, es bis dahin offen lassen zu können. Aber die Bohrmuschel war leider schneller."
Es ist davon auszugehen, dass sämtliche Kajen, unter denen noch Holzpfähle stehen, betroffen sind.
Heiner Behrens, Entwicklungsgesellschaft Alter/Neuer Hafen
Allein für den Verbindungskanal zwischen Altem und Neuem Hafen rechnet er mit Sanierungskosten von ungefähr 32 Millionen Euro. Wie hoch die Gesamtkosten für die Stadt am Ende ausfallen, ist noch schwer zu beziffern.
Vor der Küste Australiens beobachten Forschende, wie eine Delfinmutter ihr totes Kalb tagelang durchs Meer trägt. Sie wird dabei offenbar von anderen Delfinen begleitet.
04.08.2026 | 0:20 minWarum gibt es ausgerechnet jetzt die Probleme?
Die unauffällige Muschel treibt nicht zum ersten Mal ihr Unwesen. Schon Christoph Kolumbus beklagt 1503, dass die sogenannten Schiffswürmer sein Schiff durchlöchern. Auf der vierten Amerikafahrt verursacht die kleine Muschel seinen Schiffbruch vor Jamaika.
Seit den 1990er Jahren taucht die Muschel wieder verstärkt in Norddeutschland auf, neben Bremerhaven wurden von den Inselhäfen auf Wangerooge, Langeoog und Spiekeroog sowie aus Cuxhaven Schäden gemeldet.
Die Ursache für die jetzige rasante Ausbreitung ist noch nicht abschließend geklärt, sagt Holzforscher Christian Brischke: "Möglicherweise liegt es an der Änderung des Salzgehaltes, an der Wasserqualität , an der Wassertemperatur. Das ist Gegenstand laufender Forschung."
In Italien, in der Bucht von San Fruttuoso, reinigen Taucher jährlich den "Christus der Abgründe". Die Bronzestatue erinnert seit 1954 an Menschen, die auf See starben.
23.07.2026 | 0:30 minHat Holz als Baustoff im Wasser ausgedient?
Für die großangelegten Sanierungen der Hafen- und Kaianlagen setzt das Team auf Stahl und Beton. "Also bei der Sanierung wird zumindest im Bereich des Wassers höchstwahrscheinlich eine Stahlspundwand zum Einsatz kommen und unterhalb des Bauwerkes wird das wahrscheinlich im Wesentlichen Stahlbeton sein", erklärt Projektleiter Behrens.
Für den Unterwasserbau hat Holz eigentlich schon seit etlichen Jahrzehnten ausgedient. Das Einzige, was tatsächlich in den letzten Jahren noch aus Holz gemacht wurde, sind zum Beispiel Schrammleisten oder Ähnliches.
Heiner Behrens, Entwicklungsgesellschaft Alter/Neuer Hafen
Holzforscher Christian Brischke vom Thünen-Institut betont, dass Holz im Gegensatz zu Stahl oder Beton ein regenerativer Rohstoff sei, den man aus Nachhaltigkeitsgründen auch weiterhin berücksichtigen müsse. Er forscht aktuell im Bremerhavener Hafenbecken zur Widerstandsfähigkeit verschiedener Holzarten. Unzählige Holzproben liegen unter Wasser und werden von Zeit zu Zeit auf Muschelbefall untersucht.
Galiziens Muschelsammlerinnen bewahren eine jahrhundertealte Tradition. Zwischen harter Arbeit, Naturverbundenheit und täglich schwankenden Ernteerträgen.
31.07.2025 | 2:08 minEin Forschungsprojekt, angelegt auf vier Jahre, mit ersten Ergebnissen: Selten verwendete Tropenhölzer wie Itaúba und Iroko oder chemisch mit Essigsäureanhydrid behandeltes Holz könnten eine Lösung sein.
Wahrscheinlich wird die Holzbohrmuschel weiter die Weser flussaufwärts wandern und irgendwann auch Bremen erreichen. Damit nicht genug: "Sie wird dann ihren Siegeszug durch die Flüsse wahrscheinlich in ganz Norddeutschland antreten", befürchtet Bremerhavens Sanierungsleiter Behrens.
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