Europas Archäologen stehen Kopf: Kaiser Otto unter dem Mikroskop

Europas Archäologen stehen Kopf:Kaiser Otto unter dem Mikroskop

von Svetlana Ulman

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Die Sanierung des Grabmals im Magdeburger Dom ist abgeschlossen und die Wissenschaft ist voller Vorfreude, was kommende Untersuchungen der Gebeine Ottos zutage bringen werden.

Sachsen-Anhalt, Magdeburg: Marmorplatte (l) und Sarkophag des Grabes von Kaiser Otto dem Großen stehen im Magdeburger Dom in einer Einhausung.

Die Gebeine von Kaiser Otto dem Großen sind wieder im Magdeburger Dom beigesetzt worden. Sie waren zuvor entfernt worden, weil das Grab saniert werden musste.

01.09.2026 | 0:21 min

"Otto der Große hat sich als Sachse begriffen, als ostfränkischer König und römischer Kaiser", sagt Prähistoriker Donat Wehner vom Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie (LDA) in Sachsen-Anhalt. Er war weder ein "deutscher König" noch ein "deutscher Kaiser", betont Wehner. Eine häufig wiederkehrende Fehldarstellung der Geschichte, erklärt er.

Harald Lesch steht im Vordergrund, in seinen Händen hält er die Himmelscheibe von Nebra. Im Hintergrund zwei Taucher unter Wasser, die mit Taschenlampen den Meeresgrund absuchen.

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Schwere Schäden am Grabmal

2024 entdeckte das LDA am Grabmal Ottos im Magdeburger Dom Risse in den Wänden. Die 300 Kilogramm schwere Marmorplatte drohte den Sarkophag aus Kalksandstein zu zerdrücken. Denn ursprünglich hatte die Marmorplatte als Bodenabdeckung gedient. Unter ihr war der Sarkophag in der Erde gebettet. Wahrscheinlich wurde aber das Grabmal im 13. Jahrhundert beim Domneubau nach oben befördert, so die Wissenschaftler.

Der Rost der Eisennägel und weicher Mörtel, von einer Restaurierung im 18. Jahrhundert, hatten den Kalksandstein stark angegriffen. Weitere Untersuchungen ergaben einen dringenden Handlungsbedarf, so dass die Eigentümerin des Magdeburger Doms, die Kulturstiftung Sachsen-Anhalt und das LDA eine Kooperation bildeten. Mithilfe eines hoch engagierten internationalen Expertenteams wurde ihr Restaurierungs-Projekt in nur 20 Monaten realisiert, freut sich der Generaldirektor der Kulturstiftung, Christian Philipsen.

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Sensationelle Forschungsmöglichkeit

Im Juni 2025 wurde der Sarg geöffnet und Projektleiter Veit Dresely vom LDA erkannte sofort die "gut erhaltene Knochensubstanz" der Gebeine. Die Knochen lagen durcheinander im Sarg, dazwischen Beigaben, Reste von blauen und roten Textilien.

Expertenteam vor geöffnetem Sarg mit Gebeinen.

Ein Jahr lang wurden die historischen Gebeine von Otto dem Großen untersucht. Forschende bestätigten die Identität der sterblichen Überreste als die des legendären Kaisers.

Quelle: Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt, Denis Dittrich

"Rot wird in illuminierten Handschriften häufig mit Kaisern in Verbindung gebracht", erklärt sein Kollege Donat Wehner. "In Merseburg gibt es einen sogenannten 'Otto-Mantel', ein byzantinisches Gewebe auch in Rot, aus dem 10. Jahrhundert," erzählt er weiter. Das ließ auf Otto I. schließen, wie auch die starke Beinmuskulatur, die häufig Reiter haben. Beides passte zu den Überlieferungen über den Kaiser. Auch das Alter mit den dafür typischen Verschleißerscheinungen wie Arthrose in den Knien und ausgefallenen Zähnen deutete auf den mit 61 Jahren Verstorbenen hin. Doch diese Indizien reichten noch nicht. Den letzten Beweis lieferte eine Analyse der DNA, die in den Knochen erhalten war.

Diese ließ sich mit einem engen Verwandten vergleichen und damit können wir definitiv sagen, es ist Otto.

Veit Dresely, Projektleiter vom Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie

Schicht um Schicht arbeiteten sich die Forscher vor, fotografierten, scannten, archivierten für spätere Untersuchungen. Schon folgte die nächste sensationelle Entdeckung:

Otto der Große war groß!

Stattliche 1,80 Meter soll er gewesen sein, "deutlich über dem Durchschnitt männlicher Zeitgenossen", so Dresely. In den nächsten Monaten kündigt der Archäologe weitere spannende Ergebnisse an:

Der Gesichtsschädel ist sehr gut erhalten, das heißt, dass wir eine an der Realität sehr nahestehende Gesichtsrekonstruktion von ihm erwarten können.

Veit Dresely, Projektleiter vom Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie

Auch die Augenfarbe, der Hauttyp, die Haarfarbe des Kaisers sollen rekonstruiert werden können. Während das eine Team den Sarg inspizierte, sicherte ein anderes den Boden im Dom. Ein drittes Team sanierte den Sarkophag und ein viertes Team begann damit, einen neuen Sarg zu fertigen.

Titansarg: Der rund 16 Kilogramm schwere und für die Nachwelt luftdicht verschlossene Titansarg trägt eine lateinische Inschrift. Hier ein übersetzter Auszug: "Hier ruht Otto, zu seiner Zeit erhabener Kaiser von Gottes Gnaden genannt, durch Gottes wohlwollende Güte König, ein christlicher Fürst."
Künstlerin: Die Goldschmiedin Silke Trekel wurde durch eine Wettbewerbausschreibung gefunden. Es war für sie eine "einzigartige Erfahrung", sagt die Künstlerin, aber auch eine "besondere Herausforderung", denn sie musste sich nicht nur mit der Historie befassen, sondern auch mit "Tod, Abschied und Vergänglichkeit" und der Frage, wie man damit "würdevoll umgeht".
Kosten: Die Buchhaltung ist noch nicht abgeschlossen; man geht derzeit von einem einstelligen Millionenbetrag für die komplette Sanierung des Grabmals aus, von dem alleine die Restaurierung des Sarkophags 185.000 Euro kostete.


Otto bekommt einen Titan-Sarg für die Ewigkeit

Man verständigte sich auf das rostfreie Edelmetall Titan, das sich luftdicht verschließen lässt. Der materielle Wert des neuen Sargs liegt bei 40.000 Euro.

Otto I. starb am 7. Mai 973 und wurde, auf seinen Wunsch hin, im Dom zu Magdeburg beigesetzt. Am 1. September 2026 wird er dort mit allen Ehren wieder niedergelegt und sein Grabmal verschlossen. Für deutsche und europäische Wissenschaftler beginnt gerade erst die Erforschung Ottos des Großen.

Svetlana Ulman ist Redakteurin im ZDF-Landesstudio Sachsen-Anhalt.

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Über dieses Thema berichtete das heute journal update am 31.08.2026 ab 23:45 Uhr.

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