Masterplan für die deutsche Wirtschaft:Braucht Deutschland eine Agenda 2040?
von Frank Bethmann
Deutschland braucht einen strukturellen Neustart. Einen, der nicht nur eine Legislaturperiode als Horizont nimmt, sondern mindestens das Jahr 2040. So etwas wie eine Agenda 2040.
Bei Maybrit Illner haben Politiker und Experten, darüber diskutiert, welchen größeren Plan es für Deutschland gibt.
30.04.2026 | 59:49 minDrei aufeinanderfolgende Jahre mit stagnierender Wirtschaftsleistung, ein milliardenschwerer Investitionsstau und dazu eine Infrastruktur, die international zunehmend abfällt. Deutschland ist ein hochentwickeltes Land mit exzellenter Forschung und einer ausgeprägten Ingenieurskultur.
Aber es droht den Anschluss zu verlieren: an die Dynamik der USA, an Chinas Geschwindigkeit, an die Reformbereitschaft kleiner europäischer Volkswirtschaften wie Dänemark oder Schweden. Das Problem hat die Wirtschaftsweise Monika Schnitzer bereits am 21. Januar 2025 deutlich formuliert:
Wir brauchen keine Reparaturwerkstatt für den Status quo. Wir brauchen eine Blaupause für ein Deutschland, das 2040 noch mitspielt.
Prof. Monika Schnitzer, Vorsitzende Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung
Schnitzers Forderung ist knapp anderthalb Jahre später nach wie vor aktuell, vor allem vor dem Hintergrund weiterer Herausforderungen wie US-Zöllen und dem Krieg in Iran. Es reicht nicht mehr, an kleinen Stellschrauben zu drehen. Eine Reformagenda muss Grundsätzliches in Angriff nehmen.
Deutschland muss flexibler reagieren
So stehen mit Automobil- und Chemieindustrie sowie dem Maschinenbau die klassischen Säulen des deutschen Exportmodells unter Druck, weil sich globale Geschäftsmodelle schneller verändern als hiesige Anpassungsreflexe. Amazon war längst im Markt, bevor der deutsche Einzelhandel digitale Gegenmodelle entwickeln konnte. Gleiches galt für ChatGPT. Der KI-Anbieter hatte bereits 100 Millionen Nutzer, bevor die EU den AI Act verabschiedete.
Das Geschäftsmodell war etabliert, bevor der Rechtsrahmen existierte. Nur zwei Beispiele, die zeigen: Deutschland muss vor allem schneller werden.
Deutschland muss sich auf neue Stärken konzentrieren
Der Sachverständigenrat und führende Wirtschaftsforschungsinstitute sind sich in einem einig: Die Zukunft liegt vor allem in Bereichen wie der industriellen KI und Automatisierung, der Wasserstofftechnologie und Energieinfrastruktur, Verteidigung, Biotechnologie sowie in nachhaltiger Mobilität.
"Mit jedem Tag gibt es größere Herausforderungen" meint Prof. Jörg Rocholl, Präsident der European School of Management and Technology.
27.04.2026 | 4:52 minHinzu kommen Querschnittsfelder wie Quantencomputing, in dem Deutschland mit Projekten am Fraunhofer-Institut bereits vorne mit dabei ist. Das Problem: Deutschland ist gut in der Grundlagenforschung, schafft es aber nicht, dass junge Unternehmen mit ihrer Geschäftsidee auch hierzulande groß werden. Der Ökonom Clemens Fuest bringt es auf den Punkt:
Innovative Gründerinnen und Gründer bringen wichtige Wachstumsimpulse, leider behindern aber die Rahmenbedingungen in Deutschland noch die Umsetzung zu vieler guter Ideen.
Prof. Clemens Fuest, Präsident des ifo Instituts für Wirtschaftsforschung
Deutschland muss europäischen Kapitalmarkt mitdenken
Die Ursachen dafür sind hinlänglich bekannt: Ein Startup, das in München eine Batterietechnologie zur Marktreife bringt, trifft auf einen Finanzierungsmarkt, der in nationalen Grenzen denkt. Die Wachstumsmöglichkeiten, die aus einem vielversprechenden Laborergebnis ein globales Unternehmen machen, werden häufig von amerikanischen und asiatischen Investoren bereitgestellt, weil europäisches Kapital fehlt oder zu zögerlich ist.
Laut ifo Institut werden mehr Arbeitsplätze ab- als aufgebaut. Offenbach meldete im Jahr 2024 den größten Beschäftigungszuwachs bundesweit und gilt zunehmend als attraktiver Wirtschaftsstandort.
29.04.2026 | 1:56 minEine echte Kapitalmarktunion, die Brüssel inzwischen Spar- und Investitionsunion nennt, könnte das ändern: Sie würde einen tiefen, liquiden, grenzüberschreitenden Markt schaffen, in dem europäisches Sparkapital in europäische Wachstumsunternehmen fließt.
Solange dieser Markt fehlt, ist es strukturell egal, ob die nächste Schlüsseltechnologie in Dresden oder Dortmund erfunden wird: Die Wertschöpfung wandert dorthin, wo das Kapital ist.
Letztlich ist die Schaffung eines großen Kapitalmarktes zwar eine Gemeinschaftsaufgabe, aber eine, die im ureigensten Interesse Deutschlands liegt und deswegen unbedingt in der Idee einer Agenda 2040 verankert werden müsste.
Frank Bethmann ist Redakteur im ZDF-Team Wirtschaft und Finanzen.
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