Zukunft des Geldanlegens:Tokenisierung könnte den Finanzmarkt grundlegend verändern
von Frank Bethmann
Vermögenswerte werden in digitale Anteile zerlegt und für viele Menschen zugänglich. Was hinter der Technologie steckt und warum sie als "Spotify-Moment" der Finanzbranche gilt.
Die Tokenisierung von großen Vermögenswerten macht das Investieren auch für Kleinanleger interessant.
13.07.2026 | 0:45 minMan stelle sich vor, es ginge um ein Gemälde von Gerhard Richter im Wert von zwei Millionen Euro. Der Besitzer bräuchte dringend 200.000 Euro Liquidität. Welche Option hat er? Verkaufen. Denn die Möglichkeit, nur einen Teil des Gemäldes zu veräußern, gibt es nicht. Es ist unteilbar, illiquide, nur als Ganzes handelbar.
Genauso funktioniert ein Großteil des heutigen Finanzmarkts. Eine Gewerbeimmobilie. Ein Unternehmenskredit. Ein echter Private-Equity-Fonds. Alles Vermögenswerte, die immense Werte repräsentieren, aber für Otto Normal-Anleger unzugänglich bleiben, weil sie nicht in kleine, handelbare Stücke zerlegt sind.
Ob Social Media, Hausbank, unabhängige Finanzberatung oder KI: Wer Geld anlegen will, stößt auf unterschiedliche Informationsquellen. Wie zuverlässig sie sind, erklärt Finanzexperte Thomas Lang.
05.02.2026 | 4:18 minTokenisierung als Chance für Kleinanleger
Tokenisierung ist eine Technologie, die diesen Markt für Kleinanleger zugänglicher machen könnte. Ihr Werkzeug: die Blockchain. Ihr Versprechen: finanzielle Teilhabe für alle, rund um die Uhr, ohne Zwischenhändler.
Man kann sich das folgendermaßen vorstellen: Angenommen, man würde eine Eigentumswohnung in München kaufen, aber nicht alleine, sondern zusammen mit 999 anderen. Jeder zahlt 500 Euro und bekommt dafür einen digitalen Schein - einen Token -, der seinen Anteil belegt. Dieser Token ist auf einer öffentlichen, manipulationsresistenten Datenbank gespeichert: der Blockchain.
Tokenisierung bedeutet also: Ein realer Vermögenswert - Immobilie, Aktie, Anleihe, Kunstwerk, Fonds - wird in digitale Anteile (Tokens) aufgeteilt, die auf der Blockchain gehandelt werden können. Wer einen Token hält, hält einen rechtlich verbrieften Anteil am zugrunde liegenden Vermögenswert.
In der Blockchain gibt es - anders als im klassischen Bankensystem - kein zentrales Kassenbuch mehr. Das Kassenbuch wird an alle Teilnehmer verteilt. Echte Dezentralisierung.
23.10.2023 | 2:03 minDer "Spotify-Moment": Parallelen zur Musik- und Filmindustrie
Viele Experten sehen in der Tokenisierung disruptives Potenzial, also die Möglichkeit, einen bestehenden Markt komplett umzukrempeln. Daher auch der Vergleich mit Spotify oder Netflix:
So wie Streamingdienste Musik und Filme digitalisiert und rund um die Uhr verfügbar gemacht haben, könnten tokenisierte Finanzmärkte Kapitalmärkte deutlich einfacher, schneller und günstiger machen. Eigentumsübertragungen von bereits in Anteilen aufgegliederten Vermögenswerten wie beispielsweise Wohn- und Gewerbeimmobilien, Infrastrukturprojekten wie Windparks oder Kunstwerken könnten in Sekunden statt Tagen abgeschlossen werden.
Turbo-Zertifikate sind börsengehandelte, hochspekulative Hebelprodukte. Anleger spekulieren damit auf einzelne Aktien. Wie schnell es dabei zu Verlusten kommen kann, zeigt das Beispiel von Jules.
09.04.2026 | 1:24 minDas mag für normale Verbraucher zunächst abstrakt und auch ein wenig beängstigend klingen, doch die Folgen könnten konkret spürbar werden. Gebühren für Wertpapierhandel könnten sinken. Kleine Anleger könnten einfacher in bislang schwer zugängliche Anlagen investieren. Investitionen würden stärker "demokratisiert".
Deutschland könnte bei Umstrukturierung des Finanzmarkts führend werden
Eine wichtige Rolle für diesen Umbruch des Finanzmarkts in Europa könnte dabei das Frankfurter Unternehmen 21X spielen. 21X erhielt als eine der ersten Plattformen Europas eine EU-Lizenz für einen vollständig regulierten Handels- und Abwicklungsplatz auf Blockchain-Basis.
21X will eine Art digitale Börseninfrastruktur schaffen, auf der tokenisierte Wertpapiere direkt gehandelt und abgewickelt werden können, nahezu ohne klassische Zwischenhändler. Erste reale Transaktionen hat es bereits gegeben.
Erstmals können institutionelle wie private Anleger tokenisierte Wertpapiere auf einer vollständig regulierten Blockchain-Plattform handeln, mit demselben Vertrauen wie an traditionellen Märkten.
Max Heinzle, Geschäftsführer 21X
Die Bundesregierung und die Finanzaufsicht BaFin gelten im europäischen Vergleich als relativ offen für digitale Wertpapiere. Bereits 2021 führte Deutschland ein Gesetz für elektronische Wertpapiere ein. Damit wurde erstmals ermöglicht, Anleihen vollständig digital auf einer Blockchain auszugeben. Inzwischen gibt es auch ein EU-weit geltendes Regelwerk.
Idee muss noch massentauglich werden
Noch steht die Entwicklung allerdings am Anfang. Was fehlt, sind vertrauenswürdige Anbieter und nicht nur Insellösungen, sondern eine Infrastruktur, die digitale Finanzprodukte massentauglich handelbar macht. Das heißt, dass tokenisierte Wertpapiere problemlos zwischen verschiedenen Verwahrstellen bewegt werden können, ähnlich wie heute eine Aktie unabhängig von einer Depotbank handelbar ist.
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23.04.2026 | 1:44 minKritiker warnen daher vor überzogenen Erwartungen. Viele Blockchain-Projekte seien bislang zu kompliziert. Burkhard Balz, scheidendes Vorstandsmitglied der Deutschen Bundesbank, ordnet ein: "Wir stehen hierbei zwar noch am Anfang, aber wie schon sehr viele erkannt haben, handelt es sich bei technischen Innovationen wesentlich häufiger um evolutionäre als um revolutionäre Prozesse."
Noch also ist fraglich, ob die Finanzindustrie ihren "Spotify-Moment" erleben wird.
Frank Bethmann ist Redakteur im ZDF-Team Wirtschaft und Finanzen.
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