Milliarden für die Verteidigung:Rüstung: Schuldenfalle oder Chance für die Wirtschaft?
von Henning Behrens und Aurelius Haus
Ökonomen sehen in den hohen Verteidigungsausgaben die Gefahr eines Schulden-Beschleunigers. Auf der anderen Seite sollen Rüstungsausgaben die deutsche Wirtschaft ankurbeln.
Geopolitische Krisen, Nato-Ziele: Deutschland muss mehr Geld für Verteidigung ausgeben. Wie stark die deutsche Wirtschaft und Rüstungsindustrie davon profitieren.
15.05.2026 | 0:54 minDie geopolitische Lage zwingt auch Deutschland, mehr Geld für Verteidigung auszugeben. Als Nato-Partner ist Deutschland außerdem verpflichtet, bis 2035 insgesamt fünf Prozent des Bruttoinlandsprodukts für Verteidigung auszugeben: 3,5 Prozent für Kernverteidigung und 1,5 Prozent für Infrastruktur und Sicherheit.
Bund gibt 2026 mehr als 108 Milliarden Euro für Rüstung aus
2026 sieht der Bundeshaushalt bereits 108,2 Milliarden Euro für Rüstungsausgaben vor. Bis 2029 soll diese Summe auf rund 152 Milliarden Euro ansteigen. Das Geld wird durch Steuern, aber auch durch neue Schulden finanziert. Die Schuldenbremse ist für Verteidigungsausgaben ausgesetzt. Ökonomen warnen deswegen vor einer wachsenden Staatsverschuldung.
Wenn die Regierung die grundgesetzlichen Spielräume für Kreditaufnahme für die Verteidigung bis 2040 ausschöpft, würde Deutschland eine Staatsschuldenquote von 90 Prozent erreichen.
Prof. Sebastian Dullien, wissenschaftlicher Direktor des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung der Hans-Böckler-Stiftung
Diese 90 Prozent könnten laut Berechnungen des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) bis zum Jahr 2050 sogar auf 100 Prozent anwachsen.
Die Zinszahlungen des Bundes sind von circa vier Milliarden Euro im Jahr 2021 auf knapp 30,3 Milliarden Euro für 2026 angestiegen. In den Folgejahren steigen die Zinsausgaben weiter deutlich. 2029 liegen sie nach aktuellen Prognosen bei etwas mehr als 66,5 Milliarden Euro.
Der Bundesrechnungshof kritisiert diese Entwicklung scharf: 2029 würde die Zinsquote voraussichtlich fast zwölf Prozent des gesamten Haushalts verschlingen. Das wäre fast jeder achte Euro. In Kombination mit den ab 2028 fälligen Tilgungen für das Sondervermögen und Corona-Schulden engt dies den Spielraum für künftige Investitionen massiv ein und belastet kommende Generationen strukturell.
Wirtschaftsaufschwung durch Rüstungsindustrie erhofft
Der Fokus auf Verteidigung und Rüstung könnte allerdings einen wirtschaftlichen Aufschwung nach sich ziehen, auch in Transformationsprozessen angeschlagener Branche, wie zum Beispiel der Autoindustrie. Fast jedes dritte Industrieunternehmen in Deutschland sieht in der Zusammenarbeit mit der Verteidigungsindustrie eine Chance für das eigene Geschäftsmodell, zeigt eine Sonderauswertung der DIHK-Konjunkturumfrage für 2026.
Zum elften Mal in Folge haben die weltweiten Militärausgaben im vergangenen Jahr einen Rekordwert erreicht. Laut dem Friedensforschungsinstitut Sipri lagen sie bei knapp 2,9 Billionen US-Dollar.
27.04.2026 | 1:32 minDie geopolitische Krise, die das Wachstum in vielen Branchen dämpft, beschert der Rüstungsindustrie einen Vorteil. So sieht es auch Ökonom Rainer Kambeck.
Trotz dieser erschwerten Bedingungen sind, als Spiegelbild der geopolitischen Konflikte, die Perspektiven in der Verteidigungsindustrie gut.
Dr. Rainer Kambeck, Bereichsleiter Wirtschafts- und Finanzpolitik Mittelstand an der Deutschen Industrie- und Handelskammer
Mit 115 Millionen Euro will die EU neue Militärtechnik schneller entwickeln lassen. Gefördert werden sollen speziell Projekte kleinerer und mittlerer Unternehmen - etwa zu Drohnen.
26.03.2026 | 2:29 minVernetzung zwischen den Unternehmen wichtig
Die Rüstungs- und Verteidigungsindustrie rückt auch im Mittelstand verstärkt in den Fokus. So gibt es bereits ein Netzwerk mit globaler Reichweite namens "SVI-Connect", auf dem sich kleine und mittlere Unternehmen austauschen. "SVI-Connect" startete im Januar 2026. Mittlerweile sind dort mehr als 1.400 Unternehmen gelistet.
Die Plattform "SVI-Connect" fungiert als zentrales Bindeglied, um Unternehmen - insbesondere aus dem zivilen Mittelstand - mit den Lieferketten der Verteidigungsindustrie zu vernetzen. "SVI-Connect" wird vom Bundesverband Materialwirtschaft, Einkauf und Logistik (BME) in Zusammenarbeit mit dem Bundesverband der Deutschen Sicherheits- und Verteidigungsindustrie (BDSV) angeboten und durch das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie gefördert.
"Viele Unternehmen, die bislang ausschließlich oder überwiegend in der zivilen Industrie tätig waren, möchten sich angesichts der veränderten geopolitischen Lage in die Sicherheits- und Verteidigungsindustrie einbringen und ihren Beitrag dazu leisten," erklärt Dr. Hans Christoph Atzpodien, Hauptgeschäftsführer beim Bundesverband der deutschen Sicherheits- und Verteidigungsindustrie (BDSV).
Rüstungsindustrie könnte bei Transformation helfen
Ein Beispiel, wie es funktionieren kann, ist Quantum Systems. Das Unternehmen rekrutiert gezielt Fachkräfte aus der kriselnden Automobilindustrie, um seine Belegschaft zu verdoppeln. 2022 produzierte der Drohnenhersteller noch 70 Prozent für zivile Zwecke. Heute wird fast nur noch die Bundeswehr beliefert. "Die zentrale Rolle unbemannter Systeme in der modernen Kriegsführung wird immer deutlicher", sagt Krista-Marija Läbe, Public-Relations- Managerin von Quantum Systems.
Rüstungsmesse in Brüssel positioniert sich als neue zentrale Plattform in Europa. Im Fokus: europäische Verteidigungskooperation, Innovationen, Dual-Use-Technologien, Cybersecurity, Land-, Luft- und Seesysteme.
13.03.2026 | 2:42 minNachhaltigkeit für die Wirtschaft fragwürdig
Die Hans-Böckler-Stiftung hat versucht, bis ins Jahr 2050 zu simulieren, wie nachhaltig Rüstungsausgaben sind. Dabei kommt die Studie zu dem Schluss, dass Investitionen in die Verteidigung das langfristige Wirtschaftswachstum "nur wenig" verstärkten.
Eine Studie der Universität Mannheim zeigt ebenfalls, dass die geplante Erhöhung der deutschen Militärausgaben deutlich weniger zur wirtschaftlichen Entwicklung beitragen könne als vielfach behauptet.
Aus ökonomischer Sicht ist die geplante Militarisierung der deutschen Wirtschaft eine risikoreiche Wette mit niedriger gesamtwirtschaftlicher Rendite.
Prof. Tom Krebs, Lehrstuhl für Makroökonomik und Wirtschaftspolitik an der Universität Mannheim
Wirtschaftsexperte Florian Neuhann erklärt, warum die Wirtschaftskrise mehr als eine konjunkturelle Schwächephase ist, welche Probleme dahinterstecken und ob es Hoffnung gibt.
09.01.2026 | 8:50 minAus der Mannheimer Studie geht hervor, dass jeder für die Rüstung ausgegebene Euro lediglich zu 50 Cent zusätzlicher Wertschöpfung führt. Die deutsche Rüstungsindustrie sei demzufolge bereits stark ausgelastet, so dass zusätzliche staatliche Aufträge nicht zu mehr Produktion führen würden.
Deutlich höhere Multiplikatoren erreichten öffentliche Investitionen in Bildung, Kinderbetreuung oder Infrastruktur. In diesen Bereichen wird laut der Studie das Zwei- bis Dreifache an zusätzlicher Wertschöpfung erzeugt.
Henning Behrens ist Redakteur der Sendung "Volle Kanne - Service täglich".
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