Hintergründe zum Wechsel bei der EZB:Lagardes Abschied ist mehr als ein Personalwechsel
von Frank Bethmann
Christine Lagarde verlässt die EZB vorzeitig. In einer Zeit wachsender Inflationsrisiken und politischer Unsicherheit ist die Nachfolgeentscheidung von besonderer Tragweite.
Christine Lagarde tritt am 7. Februar von ihrem Amt als Chefin zurück. Das teilte die Europäische Zentralbank mit.
29.10.2026 | 0:21 minDer Zeitpunkt ist ungewöhnlich, die Folgen reichen weit über Frankfurt hinaus: Christine Lagarde gibt ihr Amt als Präsidentin der Europäischen Zentralbank (EZB) am 7. Februar 2027 ab. Das teilte EU-Ratspräsident António Costa am Donnerstag mit.
Lagarde habe ihn über ihre Absicht informiert, vorzeitig aus dem Amt zu scheiden. Regulär wäre ihre achtjährige Amtszeit erst Ende Oktober 2027 ausgelaufen. Damit endet eine Präsidentschaft, die von außergewöhnlichen wirtschaftlichen Belastungen geprägt war.
Die Preise steigen wieder - und mit ihnen wächst der politische Druck. EZB-Präsidentin Christine Lagarde über Inflation, Kaufkraft und die politische Dimension steigender Preise.
10.09.2026 | 13:18 minZugleich beginnt ein politisches Ringen um die künftige Ausrichtung der europäischen Geldpolitik. Denn die Besetzung des EZB-Spitzenpostens ist nicht nur eine Personalfrage. Sie entscheidet mit darüber, wie die Eurozone künftig auf Inflation, wirtschaftliche Stagnation, staatliche Schuldenprobleme und internationale Krisen reagiert.
Eine Präsidentschaft im permanenten Krisenmodus
Als Lagarde im November 2019 die Nachfolge von Mario Draghi antrat, waren die Herausforderungen bereits erheblich. Wenige Monate später erschütterte die Corona-Pandemie die Weltwirtschaft. Es folgten Russlands Angriff auf die Ukraine, die Energiekrise und der stärkste Inflationsschub seit Jahrzehnten. Die EZB musste ihre zuvor jahrelang sehr expansive Geldpolitik umkehren und die Zinsen kräftig anheben.
Zuletzt verschärfte sich das Umfeld erneut. Die Konjunktur im Euroraum blieb schwach, während die Inflation wieder anzog. Gleichzeitig rückte die französische Staatsverschuldung stärker in den Fokus der Finanzmärkte. Damit fällt der Führungswechsel in eine Phase, in der geldpolitische Entscheidungen besonders heikel sind.
Die Europäische Zentralbank hat den Leitzins um ein viertel Prozentpunkt auf 2,5 Prozent gehoben. Es ist eine Reaktion auf die gestiegene Inflation. Die letzte Anhebung erfolge Mitte Juni.
10.09.2026 | 0:25 minWarum der Zeitpunkt politisch brisant ist
Über einen vorzeitigen Rückzug war bereits seit Monaten spekuliert worden. Ein wesentlicher Hintergrund ist die französische Präsidentschaftswahl im Frühjahr 2027.
Der frühe Wechsel ermöglicht es den europäischen Staats- und Regierungschefs, die Nachfolge an der EZB-Spitze noch vor dieser Wahl zu regeln. Das ist politisch bedeutsam. Frankreich gehört zu den einflussreichsten Mitgliedstaaten der Europäischen Union.
Schon Anfang des Jahres gab es Spekulationen, Lagarde könnte zurücktreten.
20.02.2026 | 1:03 minPräsident Emmanuel Macron kann bis zum Ende seiner Amtszeit im Mai 2027 an den europäischen Personalentscheidungen mitwirken. Keiner weiß, wie sich danach die Machtverhältnisse ändern und welche Auswirkungen dies auf das Spitzenamt bei der EZB haben könnte. Allerdings wäre es voreilig, Lagardes Entscheidung allein als französisches Wahlkampfmanöver zu interpretieren. Sie dürfte mehrere Beweggründe haben. So wurde zuletzt auch darüber spekuliert, dass die Französin nach dem Ausscheiden aus der EZB den Vorsitz des Weltwirtschaftsforums in Davos übernimmt.
Wer folgt auf Lagarde?
Im Zentrum der kommenden Monate steht die Frage, wer Lagarde nachfolgen wird. Als mögliche Kandidaten werden unter anderem der frühere niederländische Notenbankchef Klaas Knot und der ehemalige Gouverneur der spanischen Zentralbank Pablo Hernández de Cos gehandelt.
Die Auswahl ist kompliziert: Die Mitgliedsstaaten müssen nationale Interessen, wirtschaftspolitische Vorstellungen und die Balance zwischen den großen europäischen Ländern miteinander vereinbaren. Die EZB ist zwar eine unabhängige Institution, ihre Spitze wird jedoch in einem politischen Verfahren auf europäischer Ebene bestimmt.
Die Europäische Zentralbank steht vor der zweiten Zinssenkung in diesem Jahr. Was wird EZB-Präsidentin Lagarde gegen die Inflation unternehmen? Ein Blick hinter die Kulissen.
12.09.2024 | 9:37 minEuropa muss ein Personalpaket schnüren
Dabei geht es auch um die Zusammensetzung des gesamten Führungsteams. Weitere personelle Veränderungen im EZB-Direktorium stehen an. Die deutsche Ökonomin Isabel Schnabel verlässt die Notenbank vorzeitig, auch der irische Chefvolkswirt Philip Lane scheidet im Mai aus.
Es ist deshalb denkbar, dass die Regierungen mehrere Spitzenpositionen in einem größeren Paket verhandeln. Wer die Präsidentschaft erhält, könnte somit auch Einfluss darauf haben, wie andere wichtige Ämter besetzt werden.
Für Europa beginnt nun ein Wettlauf gegen die Zeit: Bis Februar muss ein geordneter Übergang vorbereitet werden. Die eigentliche Bewährungsprobe kommt dann aber erst noch. Wer Lagarde folgt, übernimmt nicht nur ein Amt in Frankfurt, sondern die Verantwortung für eine Währung, von der Hunderte Millionen Menschen und Unternehmen abhängen.
Frank Bethmann berichtet für das ZDF-Wirtschaftsteam.
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