Subventionierter Strom ab 2026:Der neue Industriestrompreis: Alles nur Symbolpolitik?
von Svenja Bergerhoff
Geringere Strompreise wünscht sich Deutschlands Industrie schon lange, um international wettbewerbsfähiger zu sein. Hilft der neue Industriestrompreis dabei? Ein Stimmungsbild.
Der neue Industriestrompreis soll Firmen entlasten. Doch Mittelstand und Handwerk gehen oft leer aus. Experten kritisieren: Die Subvention setze zudem falsche Anreize für Betriebe.
31.12.2025 | 2:30 minIm November wird verkündet: Die deutsche Industrie soll mit einem Industriestrompreis wieder wettbewerbsfähiger, der Standort attraktiver werden. Nach einem Treffen mit Branchenvertretern im Kanzleramt sagte Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) dazu:
Ohne eine wirksame Absenkung der Strompreise ist diese Industrie nicht überlebensfähig.
Friedrich Merz (CDU), Bundeskanzler
Industriestrompreis, Kraftwerksbau, weniger Steuern auf Flugtickets: u.a. damit möchte die Regierung der schwächelnden Wirtschaft unter die Arme greifen.
14.11.2025 | 1:46 minIndustriestrompreis: Expertin kritisiert Ausgestaltung
Doch wie wirksam sind die Pläne der Regierung? Es gibt reichlich Kritik. Der jetzige Industriestrompreis sei enorm ungerecht, meint Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin.
Nicht nur den Haushalten gegenüber, die diese Vorteile ja auch nicht haben, sondern auch mittelständischen Unternehmen gegenüber. Es hilft nur den Großen.
Claudia Kemfert, Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung
Und selbst bei den großen Unternehmen kommen längst nicht alle in den Genuss des vergünstigten Strompreises. Viele generieren den Strom für die Herstellung ihrer Produkte in hauseigenen Gaskraftwerken.
Strompreis: 5 Cent pro Kilowattstunde - der vergünstigte Preis gilt jedoch nur für 50 Prozent des gesamten Stromverbrauchs eines Unternehmens
Auszahlung: rückwirkend, also zum Beispiel 2027 für 2026
Befristung: drei Jahre (bis 2028)
Auflagen:
- Mindestens die Hälfte der Förderung soll in moderne, klimafreundliche Produktion fließen
- Unternehmen müssen energieintensiv sein, mindestens 100.000 kWh im Jahr verbrauchen und im internationalen Wettbewerb stehen
- Die Branche muss auf der Kuebll-Liste stehen
Ihnen würde ein vergünstigter Industriestrompreis erst perspektivisch nutzen. Dann, wenn die Produktion auf Erneuerbare Energie umgestellt ist und aktiv Strom bezogen wird. Doch die Subventionen sind, aufgrund von EU-Regularien, auf drei Jahre begrenzt.
Die schwarz-rote Regierung wollte die Wirtschaft ankurbeln, doch Aufschwung ist nicht zu spüren. In der Metall- und Elektroindustrie gingen zehntausende Arbeitsplätze verloren.
09.12.2025 | 2:08 minZeitliche Begrenzung bereitet Wirtschaft Kopfzerbrechen
Die Beschränkung auf drei Jahre bereitet der Wirtschaft insgesamt Kopfzerbrechen - und auch Andreas Röders, Geschäftsführer der Gießerei G.A. Röders im niedersächsischen Soltau.
Unsere Planungszeiträume gehen weit darüber hinaus. Die gehen über zehn, 15 Jahre und Investitionen werden auch so langfristig geplant.
Andreas Röders, Geschäftsführer der Gießerei G.A. Röders
Eine Stromvergünstigung, wie sie nun kommt, würde die langfristigen Planung so kaum erleichtern.
Was könnten die Subventionen denn bringen?
Der Gießerei-Chef hat dazu eine eindeutige Meinung: Denn mit allen Auflagen und Investitionsverpflichtungen komme man, so Röders, nur auf eine Ersparnis von 1,5 bis 2 Cent pro Kilowattstunde und auf einen tatsächlichen Strompreis von circa 18 Cent pro Kilowattstunde.
Unser Wettbewerb in China liegt bei circa 8,2 Cent pro Kilowattstunde, in den USA bei 8 Cent pro Kilowattstunde, in Frankreich auch bei 10 Cent pro Kilowattstunde. Das ist weniger als die Hälfte und das ist ein eklatanter Wettbewerbsnachteil.
Andreas Röders, Geschäftsführer der Gießerei G.A. Röders
China galt lange als Wachstumsmotor für die deutsche Wirtschaft, nun gilt es als Risiko. ZDFheute hat nachgefragt: Wie steht es um die Abhängigkeit der Konzerne von China?
18.12.2025 | 2:50 minArbeitgeberverband: "Liste müsste man dringend revidieren"
Wer überhaupt für den subventionierten Strompreis in Frage kommt, regelt die sogenannte "Kuebll"-Liste.
Auf der sogenannten Kuebll-Liste der EU stehen alle anmeldepflichtigen Klima-, Umweltschutz- und Energiebeihilfen (Kuebll). In Deutschland sind dies laut "Handelsblatt" rund 2.000 Unternehmen mit einem jährlichem Gesamtstromverbrauch von rund 100 Terawatt.
Quelle: AFP
Doch ob die Kuebll-Liste tatsächlich dafür geeignet ist, bezweifeln viele. Denn: Die Liste berücksichtigt zwar 91 Sektoren, basiert aber auf Daten aus dem Zeitraum 2013 bis 2015.
"Diese Liste müsste man dringend revidieren, wir müssten sie komplett modernisieren", meint Volker Schmidt, Geschäftsführer des Arbeitgeberverbandes Niedersachsenmetall. "Diese Liste ist schon einige Jahre alt und ob das jetzt wirklich die Bemessungsgrundlage sein sollte für die künftige Frage: Wie gehen wir mit dem Industriestrompreis um? Da habe ich meine Zweifel."
Industriedaten bieten deutschen Betrieben große Chancen im KI-Zeitalter: Doch sie sollten vor internationaler Konkurrenz geschützt werden - eine KI-Agentur will das leisten.
20.12.2025 | 0:37 minKemfert: "Völlig falscher Ansatz"
Reichlich Kritik aus der Wirtschaft also für die Pläne der Bundesregierung: Energieökonomin Kemfert stellt gar das ganze Vorhaben in Frage:
Der Industriestrompreis ist so, wie er derzeit geplant ist, der völlig falsche Ansatz. Er zementiert alte Strukturen und den Stromverbrauch, anstelle dass man Anreize gibt, den Stromverbrauch zu senken.
Claudia Kemfert, Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung
Die Feier zum Tag der Deutschen Einheit findet 2025 in Saarbrücken statt. Im Saarland wird die Einheit ohnehin europäisch gedacht, etwa durch eine Zusammenarbeit bei grünem Stahl.
02.10.2025 | 1:30 minAndere Maßnahmen wären, so Kemfert, zum Beispiel sogenannte Purchase Power Agreements zu fördern, also langfristige Lieferverträge zwischen Unternehmen und Energieversorgern.
Niedersachsenmetall: Stromkosten über Steuern senken
Arbeitgeberverbände wie Niedersachsenmetall würden eine Senkung der Stromkosten über Steuern und Abgaben befürworten:
Es ist doch verrückt, dass heute 60 Prozent des gesamten Strompreises, den wir in Deutschland zahlen, reine Steuern und Abgaben und Netzentgelte sind. Das heißt, hier müssen wir einen Deckel drauflegen.
Volker Schmidt, Geschäftsführer Niedersachsenmetall
An schlechten Beurteilungen mangelt es dem Vorhaben der Bundesregierung also nicht. Das Bundeswirtschaftsministerium ließ die ZDF-Anfrage für ein Interview zum Thema unbeantwortet.
Svenja Bergerhoff ist Reporterin im ZDF Landesstudio Niedersachsen.
Die Hochöfen sollen in Salzgitter abgeschaltet werden: Denn das Ziel ist eine emissionsfreie Stahlproduktion, mit grünem Strom und Wasserstoff. Doch noch ist das Zukunftsmusik.
05.01.2025 | 1:41 minMehr zu Stromkosten
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