Standort Deutschland unter Druck:IW-Direktor: Das sind die drei größten Sorgen der Wirtschaft
Jobabbau, Firmensterben, Pleitewelle: Die deutsche Industrie steht unter Druck. Wie gelingt die Trendwende? IW-Direktor Hüther nennt drei Punkte mit dem größten Handlungsbedarf.
Der Zollstreit mit den USA und die chinesische Konkurrenz in der Autobranche - das deutsche Geschäftsmodell sei unter Druck, so Wirtschaftsökonom Michael Hüther.
02.12.2025 | 2:42 minDie Industrie in Deutschland schlägt Alarm: Wirtschaftsvertreter sehen den Standort Deutschland tief in der Krise - auch die Wirtschaftspolitik der Schwarz-roten Koalition ändert an der Stimmung bislang nichts. Michael Hüther vom Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) fordert in der ZDF-Sendung WISO nun "andere Maßnahmen", als bislang von der Bundesregierung unternommen.
Die bisherigen Vorlagen, wie der Investitionsbooster, die Pläne für die Ertüchtigung der Infrastruktur und die Staatsmodernisierung seien erste Schritte. Aber:
Das deutsche Geschäftsmodell ist von allen Seiten unter Druck.
Michael Hüther, Institut der Deutschen Wirtschaft (IW)
Der IW-Direktor definiert drei Punkte mit Handlungsbedarf:
- zu hohe Standortkosten
- zu hohe Steuerlast
- zu hohe Arbeitskosten
Die anhaltende Wirtschaftskrise führt zu einem branchenübergreifenden Firmensterben. Tausende Menschen haben ihre Arbeitsplätze bereits verloren, weiteren droht dies.
02.12.2025 | 4:30 minHüther: "Diesem Paket fehlt jetzt der große Schritt"
Die Bedingungen in Deutschland müssten weiter verbessert werden: "Das hat mit Standortkosten zu tun, das ist natürlich eine hohe Steuerlast an der wir seit langem nichts verändert haben. Wir haben Arbeitskosten, die auch in der Wettbewerbsfähigkeit eine schwere Last sind, zumal ja auch bei den Lohnnebenkosten und in der Sozialversicherung der Druck zunimmt.
In diesem Paket fehlt jetzt der große Schritt, der uns rausreißt: das wäre natürlich die Perspektive einer größeren Steuerreform. Und es muss bei der Staatsmodernisierung entsprechend kräftig werden.
Michael Hüther, Institut der Deutschen Wirtschaft
BDI: Standort Deutschland im "freien Fall"
Der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) sieht den Wirtschaftsstandort Deutschland im "freien Fall". Die deutsche Industrie stehe am Ende des Jahres 2025 vor einem dramatischen Tiefpunkt, sagte BDI-Präsident Peter Leibinger der Deutschen Presse-Agentur.
Der Wirtschaftsstandort befindet sich in seiner historisch tiefsten Krise seit Bestehen der Bundesrepublik, doch die Bundesregierung reagiert nicht entschlossen genug.
Peter Leibinger, BDI-Präsident
In einem neuen Industriebericht wird für dieses Jahr ein Rückgang der Produktion in der Industrie um zwei Prozent erwartet. Damit würde sie das vierte Jahr in Folge schrumpfen. "Das ist keine konjunkturelle Delle, sondern ein struktureller Abstieg", so Leibinger. Die deutsche Industrie verliere kontinuierlich an Substanz. Der Wirtschaftsstandort befinde sich "im freien Fall".
Sehen Sie hier die gesamte WISO-Sendung vom 1. Dezember 2025.
01.12.2025 | 41:45 minDIHK: "Lage der Industrie ist extrem besorgniserregend"
Helena Melnikov, DIHK-Hauptgeschäftsführerin (Deutsche Industrie- und Handelskammer) beschreibt die Lage bei WISO so: "Die Lage der Industrie ist extrem besorgniserregend. Wir verlieren jeden Tag bis zu 60 Unternehmen, weil sie zu machen, weil sie schließen, aufgrund der hohen Kosten in unterschiedlichen Bereichen."
Und damit verlieren wir auch jeden Tag Arbeitsplätze, die nicht mehr wiederkommen.
Helena Melnikov, Hauptgeschäftsführerin DIHK
Ein Herbst der Reformen sollte die Wirtschaft stärken, das hat die Bundesregierung versprochen. Doch was wurde bisher tatsächlich umgesetzt? Und helfen die Reformen wirklich allen Unternehmen?
01.12.2025 | 4:09 minSchwierige Lage in mehreren Branchen
In einer schwierigen Lage befindet sich zum Beispiel die Chemieindustrie. Zuletzt lag dem neuen Industriebericht zufolge die Auslastung der Chemieanlagen nur noch bei 70 Prozent. Auch der Maschinenbau und die Stahlindustrie seien unter Druck.
Oliver Zander, Hauptgeschäftsführer des Arbeitgeberverbandes Gesamtmetall, sagte bei WISO: "Die Lage der deutschen Metall- und Elektroindustrie ist dramatisch. Wir sind in der längsten Wirtschaftskrise seit Gründung der Bundesrepublik." Seit 2018 habe die Metall- und Elektroindustrie 250.000 Arbeitsplätze verloren, bis Ende des nächsten Jahes rechnet Zander mit 150.000 weiteren.
Die Lage in der Bauindustrie dagegen scheint sich zu stabilisieren. In der Autoindustrie wird mit einem Produktionsplus gerechnet, die Kapazitätsauslastung ist gestiegen. Die Beschäftigung in der Automobilindustrie aber sei unter Druck geraten.
Während die Industrie in Süddeutschland mit der Wirtschaftsflaute kämpft, kann der Norden ein moderates Wachstum verzeichnen. Woher kommt der Erfolg in allgemeinen Krisenzeiten?
19.11.2025 | 2:52 minLeibinger fordert Regierung zum Handeln auf
"Deutschland braucht jetzt eine wirtschaftspolitische Wende mit klaren Prioritäten für Wettbewerbsfähigkeit und Wachstum", sagte BDI-Präsident Leibinger. Jeder Monat ohne entschlossene Strukturreformen koste weitere Arbeitsplätze und Wohlstand und enge künftige Spielräume des Staates massiv ein.
Konkret fordert Leibinger, die Bundesregierung müsse Investitionen Vorrang vor konsumtiven Ausgaben einräumen. Das Sondervermögen müsse transparent für zusätzliche Investitionen genutzt werden.
Die deutsche Autoindustrie ist am Scheideweg. Was sind die Ursachen - und wie geht es weiter?
26.11.2025 | 2:37 minSchwarz-Rot in der Kritik
Schon länger gibt es Kritik daran, dass die Bundesregierung Vorhaben aus dem Kernhaushalt in das Milliarden-Sondervermögen für Infrastruktur und Klimaschutz verschiebt - um dann mit freigewordenen Mitteln Projekte wie die umstrittene Ausweitung der Mütterrente zu finanzieren.
Leibinger fordert einen konsequenten Bürokratieabbau. Zwar habe die Bundesregierung erste Schritte eingeleitet. Die Unternehmen bräuchten aber weitreichende Entlastungen, die sie im Alltag wirklich spürten.
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