Kritik an den Plänen der Koalition:Warum die Frühstartrente nicht allen gleiche Chancen bietet
von Miriam Hantzsche
Das Kabinett hat die Frühstartrente beschlossen, um gleiche Chancen zu bieten. Doch Experten kritisieren, dass nicht alle Kinder profitieren. Was der Plan bedeutet und wo er hakt.
Der Bund finanziert eine sogenannte Frühstartrente. Außerdem wird das Bafög erhöht: Ab dem Sommersemester 2027 steigt die Wohnkostenpauschale um 60 Euro. Ab dem Winter auch der Grundbedarf.
12.08.2026 | 1:45 minBerlin, 12. August 2026: In einer Pressekonferenz spielt Vizekanzler und Bundesfinanzminister Lars Klingbeil (SPD) Tischtennis mit den Kindern eines Berliner Feriencamps. Dann stellt er die vom Kabinett frisch beschlossene Frühstartrente vor.
Klingbeil betont, die Frühstartrente sei ein Instrument für mehr Chancengleichheit, um jedem Kind ein Startkapital für die Zukunft am Kapitalmarkt zu ermöglichen - und dies unabhängig von Vermögensverhältnissen und Spargewohnheiten des Elternhauses.
Wir wollen, dass kein Kind vergessen wird.
Lars Klingbeil (SPD), Bundesfinanzminister und Vizekanzler
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25.05.2026 | 10:15 minFörderung - aber nicht für alle Kinder
Klingbeils Aussagen über Chancengleichheit treffen jedoch nur eingeschränkt zu. Die Förderung zur Rente gilt nicht für alle Kinder. Zwar sollen laut Gesetzesentwurf Kinder, die das sechste Lebensjahr vollendet haben, die Förderung von zehn Euro monatlich erhalten, bis zur Vollendung des 18. Lebensjahrs.
Gelten soll das Programm aber nur für ab dem Jahr 2020 Geborene. Kinder, die zum jetzigen Zeitpunkt zwischen sieben und 18 Jahre alt sind, also vor 2020 geboren wurden, erhalten keine Förderung. Gerade in Familien mit Kindern unterschiedlichen Alters könnte das schwierig sein, erklärt Dorothea Mohn von der Verbraucherzentrale gegenüber dem ZDF.
Das kann durchaus als ungerecht empfunden werden.
Dorothea Mohn, Verbraucherzentrale Bundesverband
Infos zur Frühstartrente
Die Frühstartrente ist eine geplante staatliche Förderung für die private Altersvorsorge von Kindern. Sie soll 2027 beginnen und dann rückwirkend zum 1. Januar 2026 in Kraft treten. Sie ist derzeit aber noch nicht geltendes Recht.
Kinder und Jugendliche sollen damit früh mit dem Kapitalmarkt und privater Altersvorsorge in Kontakt kommen und ein Startkapital für ihre spätere Altersvorsorge erhalten.
Der Staat zahlt für ab 2020 geborene Kinder, also für Kinder vom sechsten bis zum vollendeten 18. Lebensjahr, monatlich zehn Euro in ein Altersvorsorgedepot. Ausgezahlt wird das Geld nicht.
Private Zuzahlungen von Eltern, Großeltern oder dem Kind selbst sind bis zu 6.480 Euro pro Jahr möglich.
Das angesparte Kapital bleibt für die private Altersvorsorge bestimmt und kann in einen entsprechenden Altersvorsorgevertrag überführt werden.
Soziale Ungleichheiten fallen mehr auf
Eltern müssen bei der Frühstartrente für ihr Kind aktiv ein Finanzprodukt auswählen und ein Depot anlegen. Tun sie das nicht, landen die monatlichen zehn Euro in einem kollektiven Anlageprodukt, das von der Bundesbank verwaltet wird. Von dort können die betroffenen Kinder ab der Volljährigkeit die angesparten Mittel für einen eigenen Altersvorsorgevertrag bis zur Vollendung des 25. Lebensjahres abrufen.
Viele Reformvorhaben, etwa bei Rente und Gesundheit, stehen bei der Kabinettsklausur auf Schloss Neuhardenberg an. „Wir sind uns im Ziel einig“, so Bundesarbeitsministerin Bärbel Bas.
25.08.2026 | 4:46 minKinder, deren Eltern eine aktive Produktauswahl treffen, haben den Vorteil eines eigenen Depots, dem sie beim Wachsen zusehen können. Außerdem können Eltern oder andere Verwandte zusätzlich Geld einzahlen - bis zu 6.840 Euro pro Jahr. Je mehr eingezahlt wird, desto größer der absolute Zinseszinseffekt und damit die am Ende angesparte Summe. So könnten laut Modellrechnung aus ungefähr 30.000 Euro ohne Zuzahlung zum Beispiel fast 600.000 Euro bei einer monatlichen Zuzahlung von 100 Euro werden. Ein Vorteil für diejenigen, die zuzahlen können.
Ich sehe hier schon das Potenzial, dass soziale Ungleichheiten erhöht werden können oder besonders sichtbar gemacht werden können.
Dorothea Mohn, Verbraucherzentrale Bundesverband
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Förderung nur für bestimmte Produkte
Gefördert werden "Standarddepots zur privaten Altersvorsorge", deren Anlagekosten - also Gebühren und Nebenkosten - ein Prozent nicht übersteigen dürfen. Experten sehen die Gefahr, dass Eltern mit eher geringer Finanzbildung nicht die besten Produkte für ihre Kinder aussuchen. Denn gerade bei den Anlagekosten gebe es viel Spielraum nach unten, erklärt Paul Maares, Referent für Kapitalmarkt und Anlegerschutz bei der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz.
Ein Prozent Anlagekosten sind aus unserer Sicht wirklich die absolute Obergrenze.
Paul Maares, Referent für Kapitalmarkt und Anlegerschutz, Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz e.V.
Finanzielle Bildung ist laut Bundesfinanzministerium ein Kernpfeiler der Frühstartrente. Daher soll auch eine umfassendere Strategie zur Stärkung der finanziellen Bildung an die Frühstartrente gekoppelt werden. Doch klar terminierte Pläne dazu gibt es bislang nicht.
In Fachkreisen wird befürchtet, dass die versprochene Finanzbildungsstrategie auf sich warten lässt - bis jetzt sehe man noch kein Konzept, erklärt Verbraucherschützerin Dorothea Mohn.
Die Bundesregierung fördert ab 2027 private Altersvorsorge mit Zuschüssen zu einem Wertpapierdepot. Das könnte helfen, Rentenlücken zu schließen.
20.07.2026 | 0:40 minFinanzierung im dreistelligen Millionenbereich
Dass die Förderung erst mit dem Geburtsjahrgang 2020 beginnt und zudem erst ab dem sechsten Lebensjahr greift, bleibt aber die Hauptkritik an Klingbeils Versprechen. Ältere Kinder gehen leer aus. Und selbst für die geförderten Jahrgänge bleiben die ersten sechs Lebensjahre ohne staatlichen Sparbeitrag - obwohl gerade die lange Anlagedauer den Zinseszinseffekt besonders stark macht.
Doch die Förderung bereits ab Geburt würde den Bundeshaushalt noch stärker belasten. Laut Angaben des Bundesfinanzministeriums (BMF) entstehen für die Auszahlung der Frühstartrente ab dem sechsten Lebensjahr im Haushaltsjahr 2027 bereits Ausgaben in Höhe von 198 Millionen Euro. Der Betrag wächst auf 411 Millionen Euro im Haushaltsjahr 2030 an.
Miriam Hantzsche ist Redakteurin der ZDF-Sendung WISO.
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