Englands WM-Aus: Die Verantwortung des Thomas Tuchel

Englands WM-Aus:Die Verantwortung des Thomas Tuchel

von Frank Hellmann, Atlanta

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In Atlanta platzt Englands Traum vom zweiten WM-Titel am Ende gegen Argentinien fast mit Ansage. Im Halbfinale sendet der deutsche Teamchef ein fatales Signal.

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Coach Thomas Tuchel steht nach Englands WM-Aus in der Kritik.

Quelle: AFP

Jude Bellingham stand eine ganze Weile abseits der Kollegen. In der Reihe vor den schweigenden Fans nur enttäuschte Gesichter, hängende Köpfe, als sich einer der Anführer der englischen Nationalmannschaft auf den Knien abstützte. Neben ihm kauerte Torschütze Anthony Gordon auf dem Rasen, auch nicht wirklich fähig, diesen späten Schock im WM-Halbfinale gegen Argentinien (1:2) zu fassen.

Als sich Bellingham, die stolze Nummer zehn, doch noch im Atlanta Stadium verabschiedete, schallte dem 23-Jährigen kein "Hey Jude" entgegen. Der Beatles-Hit hat ausgedient, die Partystimmung ist verflogen - und das Spiel um den dritten Platz gegen Frankreich in Miami (Samstag 23 Uhr MESZ) eigentlich nur noch ein lästiges Übel.

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Die Schmerzen halten unverändert an

In der Umkleidekabine räumte der geknickte Teamchef ein, habe er nur wenige Worte gesprochen, denn "alles, was du sagst, lindert nicht die Schmerzen". Zur Heim-EM 1996 kam der Kultsong "Football’s Coming Home" heraus, der von "thirty years of hurt" handelte. Inzwischen haben sich 60 Jahre summiert, und Tuchel rechnete richtig vor: "Wir müssen wieder vier Jahre warten." Kleiner Trost: "Viele große Nationen sind vor dem Semifinale ausgeschieden."

Das mag richtig sein, doch eine Kardinalfrage bleibt, warum seine Mannschaft nach der fein herausgespielten Führung von Gordon (56.) auf einmal Angst vor der eigenen Courage bekam. Hatte jemand die belobigte Mentalität vielleicht in der World of Coca-Cola vergessen, die viele Anhänger zuvor aufgesucht hatten? Die "Three Lions" wirkten im keinen Kilometer weiter gebauten Luxustempel wie zahnlose Löwen, denen eine Betäubungsspritze verabreicht wurde.

Tuchel rätselte über die Mutlosigkeit, die von Minute zu Minute anwuchs.

Wir waren nicht aktiv genug. Sowohl im 4-4-2 als auch im 5-3-2.

Thomas Tuchel, Englands Nationaltrainer

Seine Systemumstellung auf Fünferkette und die Einwechslung von drei Verteidigern - Dan Burn, Nico O'Reilly und Ezri Konsa - rückte sogleich ins Zentrum beißender Kritik, auch wenn britische Reporter im rot-weiß getünchten Presseraum des NFL-Franchise Atlanta Falcons ihre Vorhaltungen noch vergleichsweise sanft vortrugen.

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Systemumstellung wird kontrovers diskutiert

Das Signal des Rückzugs war fatal, auch wenn Tuchel erklärte: "Wir wollten in der Luft stärker sein. Direkt nach unserem Tor haben wir viel zu viele Flanken kassiert." Argentinien hat mit vier Mann auf einer Linie gestürmt - und darauf habe er reagieren wollen.

Ich kann die Diskussionen verstehen. Natürlich gibt es danach immer Leute, die es besser wissen. Ich übernehme die Verantwortung.

Thomas Tuchel, Englands Nationaltrainer

Die späten Gegentreffer von Enzo Fernandez (85.) und Lautaro Martinez (90.+2) kamen als weltmeisterliche Bestrafung für den britischen Rückzug in dieser aufgeladenen Begegnung daher. Argentinien sei mehr "ins Risiko" gegangen, habe "mehr Rhythmus" aufgenommen, fand Tuchel: "Sie hatten nichts mehr zu verlieren, während wir auf einmal etwas verlieren konnten." So schaute es tatsächlich bis unter die letzte Sitzreihe dieser überdachten Arena aus.

Harry Kane scheitert wie vor zwei Jahren

So ist Tuchels Mission auf der Insel nicht vollendet. Für die EM 2028 in Großbritannien und Irland steigt der Druck unweigerlich, weil bis zum letzten Schritt auch unter Gareth Southgate ja schlussendlich die notwendige Überzeugung fehlte. Kapitän Harry Kane wirkte schwer mitgenommen, als er sagte: "Nach dem 1:0 haben wir uns offenbar nur noch darauf konzentriert, das Ergebnis zu verwalten, und das reicht auf diesem Niveau einfach nicht."

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Auch Harry Kane steht der Schock ins Gesicht geschrieben.

Quelle: AFP

Der 32-Jährige verdiente sich zwar eine Fleißnote als Abwehrkraft, aber allein für Klärungsversuche hat ein Angreifer seiner Klasse seinen Job verfehlt. Genau wie vor zwei Jahren nach dem verlorenen EM-Finale gegen Spanien konnte der Rekordtorschütze nur konstatieren:

Die Jungs haben alles reingeworfen. Blut, Schweiß und Tränen. So knapp zu scheitern, ist einfach bitter.

Harry Kane, Englands Kapitän

Letztlich war es allerdings wie in Berlin auch in Atlanta nur verdient.

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