Quo vadis, FIFA?:Warum die Rücknahme der Rot-Sperre ein fatales Signal ist
von Christoph Schneider
Nach seinem Platzverweis gegen Bosnien-Herzegowina wurde US-Stürmer Balogun gesperrt. Dann hob die FIFA die Sperre auf. Nun droht ein Auslegungschaos um die Entscheidung.
Der Fußball-Weltverband habe eine "rote Linie" überschritten mit seiner Entscheidung, kritisiert die UEFA.
Quelle: AFPEigentlich sind die Konsequenzen bekannt. Ob WM oder Kreisliga: Wer bei einem Match mit Rot vom Platz fliegt, wird erstmal gesperrt. Basta. Was auch immer der Schiedsrichter später in seinen Bericht schreibt - der Spieler darf im nächsten Spiel im jeweiligen Wettbewerb, in dem er des Feldes verwiesen wurde, nicht spielen.
Doch natürlich keine Regel ohne Ausnahme. Irrt der Schiedsrichter und räumt er das ein, dann kann die spielleitende Behörde später auch von Konsequenzen absehen.
Schafft es mit den USA auch der dritte WM-Gastgeber in die Runde der besten 16? Im Sechzehntelfinale bekommen es die US-Boys mit Bosnien-Herzegowina zu tun.
02.07.2026 | 8:58 minBalogun nach dem Spiel: Rot war unumgänglich
Doch so liegt der Fall bei der WM und der Begegnung der USA gegen Bosnien-Herzegowina im Sechzehntelfinale nicht. Nachdem US-Stürmer Folarin Balogun seinem Gegenspieler Tarik Muharemovic eher unabsichtlich auf den Knöchel getreten war, verwies ihn Schiedsrichter Raphael Claus (Brasilien) des Feldes.
Claus hatte die Szene unmittelbar auf dem Feld nicht richtig wahrgenommen, sondern wurde vom VAR Juan Soto (Venezuela) an den Monitor gebeten. Die Bilder waren klar, das Trefferbild oberhalb des Knöchels eindeutig - der Feldverweis unumgänglich. Das räumte auch Balogun selbst nach dem Spiel ein. Die Sperre von einem Spiel nur allzu folgerichtig.
Stürmer Folarin Balogun steht dem US-Team im Achtelfinale gegen Belgien doch zur Verfügung. Seine Rotsperre wurde auf Bewährung ausgesetzt.
06.07.2026 | 0:41 minWeltweite Empörung über FIFA-Entscheidung
Doch dann: Die verhängte Sperre von einem Spiel wird von der FIFA zur Bewährung ausgesetzt. Heißt: Folarin Balogun steht im nächsten WM-Match im Achtelfinale gegen Belgien wieder zur Verfügung. Eine Entscheidung, die für weltweite Empörung sorgt.
Insbesondere auch deshalb, weil der amerikanische Präsident Donald Trump kurz nach Bekanntwerden der Entscheidung über sein Netzwerk Truth Social mitteilt:
Vielen Dank an die FIFA, dass sie das Richtige getan und eine große Ungerechtigkeit rückgängig gemacht hat!
Donald Trump, US-Präsident
Mehrere Medien berichten, dass es in der Causa Platzverweis Balogun offenbar Kontakte zwischen Trump und dem Präsidenten der FIFA, Gianni Infantino, gegeben haben soll. Eine politische Einflussnahme des US- auf den FIFA-Präsidenten?
FIFA argumentiert mit dem Disziplinar-Code
Eigentlich sind die Bestimmungen klar: Der FIFA-Disziplinar-Code klärt im IV. Kapitel in Artikel 66 Nummer 4: "Ein Platzverweis zieht automatisch eine Sperre für das nächste Spiel nach sich. Die FIFA-Justizorgane können zusätzliche Spielsperren und weitere Disziplinarmaßnahmen verhängen." Aus der Norm ergibt sich sehr deutlich, dass die Sperre für das nächste Spiel erste Konsequenz ist.
Doch die FIFA argumentiert ebenfalls mit dem Disziplinar-Code, zieht hier das II. Kapitel und Artikel 27 Nummer 1 aus dem Hut: " Das zuständige Justizorgan kann entscheiden, die Vollstreckung einer Disziplinarmaßnahme ganz oder teilweise auszusetzen."
Genau so hat die FIFA entschieden, die Spielsperre in eine einjährige Bewährungszeit umgewandelt. Doch dass so eine Bewährungsstrafe auch bei einer so geringen Spielsperre Anwendung findet, ist wirklich einmalig und nicht nachzuvollziehen. Zumal die FIFA bislang jede ausführlichere Erklärung zu dem Fall schuldig bleibt.
Achtelfinal-Gegner Belgien legt Berufung ein
Zwischenzeitlich hat der belgische Fußballverband Berufung gegen die FIFA-Entscheidung eingelegt. Ob noch vor dem Anpfiff der Partie eine Entscheidung fällt, ist offen.
Sollte Belgien vor dem FIFA-Berufungsausschuss unterliegen, bliebe aber auch noch der Gang vor den Internationalen Sportgerichtshof CAS, der für die Dauer der WM eine "Ad-hoc-Abteilung" eingerichtet hat. Die ist dann zuständig, wenn "alle internen Rechtsmittel bei der FIFA" ausgeschöpft sind. Möglicherweise könnte der CAS zu einer anderen Entscheidung kommen - im Sinne des Sports und der Nachvollziehbarkeit von eigentlich einfachen Regeln.
Für René Adler ist die Rücknahme der Roten Karte für den US-Stürmer Balogun das "I-Tüpfelchen". Ideal wäre, so Adler, wenn der US-Verband den Spieler gegen Belgien nicht einsetzt.
06.07.2026 | 1:32 minUEFA: Kein Interpretationsspielraum in diesem Fall
Unabhängig von der juristischen Entscheidung, auch der europäische Fußballverband UEFA hat in einer Mitteilung harsche Kritik geäußert und sieht eine "rote Linie" überschritten. "Wir bringen unser Unverständnis über eine derart beispiellose, unbegreifliche und nicht zu rechtfertigende Entscheidung zum Ausdruck. " Und weiter: "Manchmal lassen Regeln Interpretationsspielräume zu. In diesem Fall nicht."
Wer mit Rot vom Platz fliegt, wird automatisch gesperrt. Ein Grundsatz, der bei dieser WM nicht mehr zu gelten scheint. Ein fatales Signal.
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