St.-Pauli-Boss im Talk:Göttlich: "Verantwortung kennt keinen Schlussstrich"
von Sebastian Ungermanns
Der FC St. Pauli ist dafür bekannt, andere Wege als andere Vereine zu gehen. Wieso vor allem ihr gesellschaftliches Engagement wichtig ist, erklärt Präsident Oke Göttlich.
Die größte Geste gleich zu Beginn des aktuellen sportstudios. Der Präsident des FC St. Pauli, Oke Göttlich, gratuliert dem Erzrivalen, dem Hamburger SV, zum Aufstieg.
Herzlichen Glückwunsch an den HSV an dieser Stelle.
Oke Göttlich, Präsident FC St. Pauli im aktuellen sportstudio
Der FC St. Pauli müsse noch einmal alles geben, damit es ein Hamburger Derby gebe nächstes Jahr, so Göttlich weiter. Bis zum Schluss lässt der 49-Jährige kein Nachlassen seines Vereins zu. Denn von Beginn an war ihm und dem gesamten Klub klar: Es geht nur um den Klassenerhalt.
"Uns war klar, wie allen anderen auch, dass es unten im Tabellenkeller eine Liga für sich ist. Am Ende sind es 4/5 der Vereine, die um den Klassenerhalt kämpfen", sagt Göttlich, denn:
Um ein etablierter Bundesligaverein zu sein fehlen diesen Klubs 20 bis 30 Millionen Euro an Investitionen im Kader.
Oke Göttlich im aktuellen sportstudio
St. Pauli sucht alternative Wege
Um erfolgreich zu sein, muss man in St. Pauli andere Wege gehen. Ein Verein des großen Geldes waren die Hamburger noch nie.
Ausgerechnet bei einem der großen Konkurrenten im Kampf um den Klassenerhalt schaut man sich deshalb etwas ab: "In Heidenheim muss man gegen viele Widerstände ankämpfen. Das mussten wir auch, wir haben zu Beginn der Saison zum Beispiel unseren Trainer Fabian Hürzeler verloren."
Boykott, Ausraster, Hetz-Kampagnen: Das Image des Weltklubs Real Madrid hat in dieser wohl titellos endenden Saison tiefe Kratzer bekommen. Was läuft schief bei den Königlichen?
08.05.2025 | 16:01 minSein Ersatz, Alexander Blessin, macht bisher eine starke Figur. Kurz vor Ende der Saison hat der FC St. Pauli den Klassenerhalt in eigener Hand. Und auch spielerisch bescheinigt Göttlich der Blessin-Elf eine Entwicklung, gerade in der Defensive. Sogar gelernt hat er was vom Trainer der Norddeutschen:
Man muss nicht alles umwerfen. Man kann beispielsweise mit den Spielern, die da sind, arbeiten und was kreieren.
Oke Göttlich über St. Pauli-Trainer Alexander Blessin
Die Idee einer Genossenschaft
Neue Wege gehen, nicht alles machen wie die anderen. Das scheint ein Motto zu sein beim FC St. Pauli. So auch im finanziellen Bereich. Als der Investorendeal der DFL platzte, forderte DFL-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke die Klubs auf, konstruktive Ideen im Bereich der Geldbeschaffung vorzulegen. "Wir haben eine gehabt", erzählt Göttlich Moderator Sven Voss stolz.
2024 gründete der FC St. Pauli eine Genossenschaft, um an Geld zu kommen. Einzelne Personen konnten Anteile an dieser erwerben. Mit dem eingenommenen Geld sollten die Mehrheitsanteile am Heimatstadion, dem Stadion am Millerntor, gekauft werden - mit Erfolg.
Insgesamt knapp 30 Millionen Euro wurden eingenommen, auch Bayern-Boss Uli Hoeneß beteiligte sich.
Gut für die Seele, wichtig für den Abstiegskampf: Der FC St. Pauli knöpft Leverkusen mit dem 1:1 einen Punkt ab. Bayer hat jetzt nur noch theoretische Chancen auf die Meisterschaft.
20.04.2025 | 8:47 min"Gehört Uli Hoeneß jetzt ein kleiner Teil des Millerntor-Stadions?", fragt Sven Voss neugierig nach. Göttlich nickt - genauso wie den anderen Genossenschaftern. Das Besondere an diesem Geschäftsmodell: "Eine Stimme, egal wie viel Geld du drin stecken hast (in der Genossenschaft), zählt immer gleich viel."
Das ist der basisdemokratische Ansatz, den wir auch im Verein verfolgen.
Oke Göttlich im aktuellen sportstudio
Werte spielen eine große Rolle im Verein
Demokratie, Menschenrechte, Diversität - all das sind Themen die beim FC St. Pauli eine wichtige Rolle spielen. Als Wolfsburg-Stürmer Kevin Behrens diese Saison am Millerntor zu Gast war, wurde er mit gellenden Pfiffen empfangen - er hatte sich zuvor homophob geäußert.
Aus Retter wird Genosse:Uli Hoeneß kauft Anteile beim FC St. Pauli
"Wir tragen Verantwortung als Verein. Verantwortung für Menschlichkeit. Menschenfeinde haben in unserer Gesellschaft nichts zu suchen", so Göttlich zur gesellschaftlichen Rolle seines Vereins, "Verantwortung kennt keinen Schlussstrich. Das Miteinander ist viel wichtiger als das Übereinander".
Göttlich: "Wir lassen Kontroversen zu"
Trotzdem werde niemand gezwungen sich politisch zu positionieren. Im Gegenteil, andere Meinungen seien sogar erwünscht: "Wir haben einen Raum, wo wir Kontroversen zulassen, teils gar mit unseren Fans."
Den Raum für diese Dialoge zu lassen, das ist Vereinsleben.
Oke Göttlich, St. Paulis Präsident
Verantwortung und Haltung zu zeigen ist nicht immer leicht. Gerade als St.-Pauli-Fan ist man immer wieder Anfeindungen ausgesetzt. Das weiß auch Göttlich. Deshalb gilt umso mehr: "Wir wollen ein Safespace für die Menschen sein, die Verantwortung übernehmen und diskriminiert werden."
Die gesellschaftlich erstklassige Arbeit des Vereins ist weitgehend unbestritten. Damit es auch sportlich erstklassig weitergeht, wird der Verein alles geben. Das versichert Göttlich über den Abend hinweg mehrfach - und lacht dabei. Zu zweifeln scheint er daran nicht.
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