Gender Gap beim Orgasmus:Sexualität: Warum Frauen seltener kommen
von Daria Eva Stanco
Beim Geschlechtsverkehr kommen 95 Prozent der Männer regelmäßig zum Höhepunkt. Bei Frauen sind es 65 Prozent. Woher kommt das Ungleichgewicht und wie können wir daran etwas ändern?
Orgasmus erleben: für Frauen nicht selbstverständlich. Psychologe Leon Windscheid geht der Frage nach, warum das so ist und was auch Männer tun können, um den Orgasm Gap zu schließen.
27.10.2025 | 43:22 minEin Orgasmus gehört wohl zu den Erlebnissen, die kaum adäquat zu beschreiben sind, ohne sie erlebt zu haben. "Was da biologisch passiert, ist auf der einen Seite eine Aktivierung von sehr vielen verschiedenen Hirnarealen und eine Aktivierung des Beckenbodens, die mit diesen rhythmischen Kontraktionen einhergeht." So beschreibt Laura Hatzler, Sexualwissenschaftlerin an der Charité - Universitätsmedizin Berlin, den Höhepunkt einer Frau.
Der Mythos vom komplizierten weiblichen Orgasmus
Anschwellen der Schwellkörper, Muskelkontraktionen, Ausschüttung von Oxytocin: Der weibliche und der männliche Orgasmus haben viele Gemeinsamkeiten. Und dennoch "kommt" der Mann viel häufiger als die Frau. Der Glaubenssatz, der weibliche Orgasmus sei "irgendwie komplizierter" scheint immer noch in den Köpfen der Menschen zu sein.
Der Wiener Psychoanalytiker Sigmund Freud stellte in den 1930er Jahren die Theorie auf, dass der klitorale Orgasmus unreif und minderwertig sei. Ein "reifer" Orgasmus sei nur durch das Eindringen des Penis in die Vagina zu erreichen. Isaac Baker-Brown, ein berühmter Gynäkologe des 19. Jahrhunderts, brachte die Klitoris gar mit neurologischen Erkrankungen wie Hysterie oder Epilepsie in Verbindung. Sein Therapieansatz: Beschneidung.
Noch immer wissen viele wenig über die Anatomie der weiblichen Genitalien: Ein Drittel der Menschen - ob Mann oder Frau - bekommt es laut einer britischen Studie nicht hin, auf einem Schaubild die Klitoris zu lokalisieren. Das zeigt: Es ist an der Zeit, den Gender Gap beim Orgasmus zu schließen. Doch wie?
Männer erleben beim heterosexuellen Paarsex in 95 Prozent der Fälle einen Orgasmus. Bei Frauen sind es aber nur 65 Prozent. Dieses Phänomen nennt man Orgasm Gap. Woran liegt das?
16.08.2022 | 16:22 minWie Vorstellungen über Sex entstehen
In der Psychologie gibt es die Theorie der sexuellen Skripte, die besagt, dass viele Menschen bestimmte Drehbücher im Kopf haben, wie Sex abzulaufen hat. Die Theorie beschreibt, dass sie unbewusst nach erlernten Mustern handeln.
Die Muster sind geprägt von dem, was Menschen über Sex hören, sehen oder gezeigt bekommen, etwa in Filmen, Serien oder Pornos. Sex-Podcasterin Leila Lowfire kennt diese Skripte im Kopf: "Die ersten Jahre, da hatte ich auch noch eher Sex, der ein bisschen so nach einem Pornoskript war, weil das alles war, was man kannte."
Wann ist Sex gut? Und vor allem: Wie gelingt es, in langjährigen Beziehungen die Lust zu erhalten? Jasmina Neudecker auf Spurensuche.
08.09.2025 | 27:10 min
Kein Orgasmus ohne klitorale Stimulation
Zum Orgasmus könne die Frau durch die Stimulation der Klitoris oder die Stimulation in der Vagina kommen, wodurch wiederum der Klitoris-Komplex stimuliert werde, erläutert Laura Hatzler. Allerdings komme nur ein kleiner Teil der weiblichen Bevölkerung, ungefähr 18 Prozent, überhaupt durch eine Stimulation zum Orgasmus, die in der Vagina passiert, so die Expertin.
Eine Forscherin aus Holland hat mal gesagt: Nur Männer haben einen vaginalen Orgasmus.
Laura Hatzler, Sexualwissenschaftlerin
Ein weitaus größerer Teil der Frauen brauche eine zusätzliche oder ausschließliche Stimulation der Klitoris-Eichel, erklärt Hatzler. Offenbar ist das dem männlichen Geschlecht weniger bewusst. Denn laut einer Studie kommen in der Regel nur 65 Prozent der heterosexuellen Frauen zum Orgasmus.
Bei den in der Studie befragten homosexuellen Frauen liegt der Anteil dagegen bei 86 Prozent. Das liege laut den Forschenden auch daran, dass bei homosexuellem Geschlechtsverkehr der Fokus mehr auf der Klitoris liege.
Er will immer performen - und verliert die Lust. Leon Windscheid zeigt, wie Rollenmuster und Pornografie Männlichkeit prägen und wie Männer lernen können, loszulassen.
27.10.2025 | 43:35 minWie wir sexuelle Bedürfnisse verstehen und ausdrücken
Was muss neben fachgerechter Aufklärung noch passieren, damit Frauen öfter kommen? Für Laura Hatzler steht die Kommunikation an erster Stelle. Entscheidend sei dabei, sich in seinem Umfeld so sicher zu fühlen, dass man die eigenen Bedürfnisse offen aussprechen kann.
Ich muss meinen Körper kennenlernen, ich muss meine Bedürfnisse kennenlernen und muss wissen: Wie möchte ich eigentlich stimuliert werden?
Dr. Laura Hatzler, Sexualwissenschaftlerin
Vertrauen und Sicherheit seien Voraussetzung, um über Sexualität sprechen zu können. Entscheidend sei aber auch, die eigenen Wünsche zu kennen, so die Sexualwissenschaftlerin. "Nur wer die eigenen Bedürfnisse kennt, kann sie auch mitteilen", betont Hatzler.
Die Medizin wurde jahrhundertelang von Männern definiert. Dabei wurden weibliche Organe übersehen. Die Folge: Bis heute werden Frauen falsch diagnostiziert.
02.09.2025 | 27:56 minDen eigenen Körper entdecken
Sex-Podcasterin Leila Lowfire kann das aus ihrer Erfahrung bestätigen. Durch Masturbation solle man erstmal herausfinden, wo die erogensten Zonen sind. Für diejenigen, die sich trauen, hat Lowfire noch einen zusätzlichen Tipp: "Du sagst der Frau, sie soll vor dir masturbieren, wenn sie dafür offen ist. Dann guckst du dir einfach an, was sie macht und dann weißt du, was sie möchte."
Daria Eva Stanco ist Redakteurin der ZDF-Sendung "Terra Xplore".
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