Prozess gegen Pappmaché: Jacques Tillys Figuren stören Putin

Interview

Prozess gegen Pappmaché:"Satire tut weh": Jacques Tillys Figuren stören Putin

Thadeus Parade, Redakteur des ZDF-Landesstudio Nordrhein-Westfalen.

von Thadeus Parade

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Moskau klagt wegen unliebsamer Pappfiguren: Wagenbauer Jacques Tilly über einen absurden Prozess, politische Drohgebärden und unbeugsame Satire.

Jacques Tilly, Bildhauer und Karnevalswagenbauer

Düsseldorfs bekannter Karnevalswagenbauer Tilly steht wegen seiner Putin-Pappfiguren in Russland vor Gericht. Aus der deutschen Politik bekommt er Zuspruch.

28.01.2026 | 2:13 min

ZDFheute: Wie war die Reaktion von Ihnen, als Sie zum ersten Mal erfahren haben, dass es in Moskau einen Prozess gegen Sie persönlich als Wagenbauer gibt?

Jacques Tilly: Meine erste Reaktion, als ich erfahren habe, dass dieser Prozess stattfindet gegen mich, war erstmal Unglaube, weil das bar jeder Verhältnismäßigkeit ist, dass der russische Staat gegen Pappfiguren vorgeht, also gegen Satire. Das ist einfach absolut absurd und lächerlich.

Aber es ist eine schöne Bestätigung unserer Arbeit, weil ich einfach sehe: Satire wirkt, Satire tut weh.

Wagenbauer Jacques Tilly

Es ist eine sehr humane Waffe, verletzt nicht physisch, tötet nicht, aber kann eben verletzend sein, wie man jetzt sieht. Die Bestätigung haben wir aus Moskau erfahren.

Jacques Tilly, aufgenomme am 07.02.2025
Quelle: Imago

...baut seit 1984 Wagen für den Düsseldorfer Rosenmontagsumzug. Seine Motive aus Pappmaché tragen gesellschaftskritische Botschaften, sind meistens hochpolitisch, bissig, satirisch. Für die Art und Weise, wie Tilly Russlands Staatspräsident Putin in den letzten Jahren aufs Korn genommen hat, macht Moskau ihm nun den Prozess: Er wurde wegen Verunglimpfung des russichen Staatsapparates angeklagt.


ZDFheute: Jetzt sind Sie bekannt dafür, dass Ihre Figuren teilweise bis an die Grenze oder knapp über die Grenze gehen, was die Bissigkeit der Motive angeht. Und Sie haben bereits Erfahrung mit Kritik und Drohungen aus politischen Lagern - was ist diesmal anders?

Tilly: Also im Karneval haben wir die Regel, jeder kriegt einen drüber, der es verdient, völlig unabhängig von der Person. Wir haben uns mit Mullahs angelegt, islamistische Selbstmordattentäter haben wir zum Thema gehabt. Wir haben natürlich Trump rauf und runter kritisiert, Erdogan, die polnische Regierung.

Aber das, was jetzt hier passiert, ist tatsächlich eine neue Eskalationsstufe, würde ich sagen. Dass tatsächlich ein Prozess gegen Satire stattfindet auf Betreiben eines Staats, den man nun wirklich nicht als Rechtsstaat bezeichnen kann, das ist schon wirklich neu und mit dieser Dimension müssen wir erstmal zurechtkommen.

Ein Motivwagen mit dem russischen Präsidenten Putin, der die Ukraine schluckt, steht in der Wagenbauhalle.

Ein russisches Gericht hat ein Strafverfahren gegen den Bildhauer Jacques Tilly eingeleitet. Tilly produzierte in der Vergangenheit satirische Mottowagen mit russlandkritischen Botschaften.

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ZDFheute: Was steckt Ihrer Meinung nach als Botschaft dahinter? Was ist das Ziel dieser Klage?

Tilly: Also für mich ist Russland wie für viele andere auch eine Black Box, wir können nicht hinter die Entscheidungen schauen, sie werden auch nicht begründet. Was der Sinn dieses Verfahrens ist, ist mir auch nicht ganz klar.

Ich vermute einfach, es geht darum, einfach Menschen, die Putin-kritisch sind oder Russland-kritisch sind - zumindest was den aktuellen Kurs der russischen Regierung angeht, den Kriegskurs - die einfach einzuschüchtern und zu sagen: Seht mal, wir sehen, was ihr macht, wir kriegen das genau mit und eines Tages werdet ihr die Quittung dafür kriegen. In der Hoffnung, dass die Menschen hier vielleicht ihre Freiheit weniger verteidigen und vielleicht doch irgendwie bestimmte Dinge nicht tun, die sie vielleicht tun würden.

Diese Hoffnung hat vielleicht Russland, aber da täuschen sie sich bei uns, wir machen weiterhin unsere Arbeit im Karneval, wir lassen uns davon nicht beeindrucken und wir machen business as usual.

Putin-Motivwagen von Jacques Tilly
Putin-Motivwagen von Jacques Tilly
Putin-Motivwagen von Jacques Tilly
Putin-Motivwagen von Jacques Tilly

Die satirischen Motivwagen des Jacques Tilly

Putins und Trumps blutiger Streit um die Ukraine - ein moderner Hitler-Stalin-Pakt. Erdacht und gebaut von Jacques Tilly für den Düsseldorfer Karnevalsumzug 2025.

Quelle: Imago

ZDFheute: Wissen Sie überhaupt, was man Ihnen konkret vorwirft? Gibt es eine schriftliche Vorladung vom Gericht?

Tilly: Absolut lächerlich und absurd ist es, dass ich bis heute noch nicht mal irgendwie informiert worden bin von Seiten der russischen Regierung, dass es diese Anklage gibt. Per Zufall habe ich davon erfahren, von Mitarbeitern des Vereins Freies Russland NRW. Die haben das aufgeschnappt, sonst wüsste ich das ja noch gar nicht.

Ich habe angeblich auch eine Pflichtverteidigerin, die ich nie im Leben gesprochen habe. Also rechtsstaatlich gesehen ist das absurd.

Wagenbauer Jacques Tilly

Die simulieren noch nicht mal Rechtsstaatlichkeit. Ich weiß gar nicht, wie ich das auffassen soll, diese ganze Geschichte, es amüsiert mich auch ein bisschen, muss ich sagen.

ZDFheute: Jetzt zum Karneval, der ja nun unmittelbar vor der Tür steht, sind schon alle gespannt auf die neuen Motivwagen. Wird es eine Antwort geben?

Tilly: In der Tat haben wir die Regel, dass wir nicht verraten, was wir bauen, noch nicht mal das Thema. Meine Antwort ist wie immer: Lasst euch überraschen, am Rosenmontag gehen die Tore auf und dann fahren die Mottowagen durch die Straßen.

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ZDFheute: Gibt es Rückhalt, etwa aus der Politik?

Tilly: Dieser Prozess ist ja nicht nur ein Prozess, der gegen mich geführt wird, sondern es ist ein Prozess gegen unser aller Freiheit, gegen Meinungsfreiheit, gegen Narrenfreiheit, gegen Pressefreiheit, überhaupt gegen die Freiheit, Staatsoberhäupter zu kritisieren. Diejenigen, die uns da beigesprungen sind, das war Minister Nathanael Liminski und auch andere aus der CDU-Landtagsfraktion.

Die haben sich tatsächlich vor eine Putin-Figur gestellt, haben gesagt, wir stehen dahinter, denn es geht um unser aller Freiheit und die haben begriffen, was dieser Prozess eigentlich wirklich bedeutet. Darüber habe ich mich sehr gefreut, dass ich da nicht alleine stehe, dass ich da auch Rückenwind aus der Politik habe, auch von höchsten Stellen. Das ist ein beruhigendes Gefühl, dass man in einer solchen Situation als Staatsbürger nicht allein gelassen wird, das ist schon toll.

Thadeus Parade ist Reporter im ZDF-Landesstudio in Nordrhein-Westfalen.

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