Therapie für Jugendliche in Gefahr:Größte Jugend-Suchtklinik vor dem Aus: Was das bedeutet
von Svenja Dohmeyer
Deutschlands größte Reha-Klinik für suchtkranke Kinder und Jugendliche muss schließen. Dabei ist sie für Teenager wie Annalena oft die letzte Chance zurück in ein normales Leben.
Gut 200.000 Kinder und Jugendliche in Deutschland sind süchtig. Therapieplätze gibt es aber kaum. Nun soll auch noch die größte Suchtklinik schließen.
18.04.2026 | 5:04 minAngefangen hat es bei Annalena eigentlich fast normal: ein bisschen Alkohol trinken, feiern gehen an den Wochenenden. Irgendwann hat mal jemand einen Joint mitgebracht. Annalena probiert. Die Gelegenheiten häufen sich. Die 19-Jährige macht mit, wie alle in ihrem Umfeld.
Wir haben vor der Schule gekifft, sind high in den Unterricht gegangen. Irgendwann wurde es zur Regelmäßigkeit, jeden Tag.
Annalena
Therapie als letzter Ausweg für Betroffene
Annalena heißt eigentlich anders, ihren Namen haben wir auf ihren Wunsch und zu ihrem Schutz geändert. Sie ist drogenabhängig. Wir treffen sie in der Dietrich Bonhoeffer Klinik (DBK) für suchtkranke Kinder und Jugendliche im niedersächsischen Großenkneten bei Oldenburg. Sie ist eine von 21 Patient*innen, die ihre Therapie hier noch beenden dürfen, bevor die Klinik dann Ende Juni wegen Unterfinanzierung schließen wird.
Ich find's sehr schade, dass die Klinik schließt. Bei mir war die Sucht schon schlimm, andere stecken noch tiefer drin. Die sterben jetzt vielleicht, weil die Klinik schließt.
Annalena
Nach einer aktuellen Studie glauben 29 Prozent der jungen Menschen in Deutschland, dass ihnen eine psychische Behandlung helfen würde. Jeder Fünfte will Deutschland langfristig verlassen.
25.03.2026 | 1:39 minDie Klinik in Großenkneten ist mit 60 Betten die bundesweit größte Reha-Klinik für suchtkranke Kinder und Jugendliche. In ganz Deutschland gibt es den Angaben der Klinik zufolge derzeit 97 stationäre Plätze für die Reha, die sich an einen Entzug anschließt. Schon jetzt viel zu wenige, meint Professor Rainer Thomasius, Leiter des Deutschen Zentrums für Suchtfragen.
Die Schließung der Dietrich Bonhoeffer Klinik wäre absolut verheerend, weil wir ohnehin sehr wenig stationäre Reha-Plätze für suchtkranke Kinder und Jugendliche vorhalten.
Prof. Rainer Thomasius, Sucht-Experte
Zu wenig Therapieplätze für Jugendliche in Deutschland
Experten schätzen, dass 200.000 Kinder und Jugendliche in Deutschland abhängig sind von Alkohol, Drogen oder Medikamenten. Für sie blieben 37 stationäre Langzeittherapieplätze. Zum Vergleich: Für erwachsene Suchtpatienten gibt es bundesweit rund 13.600 Reha-Plätze.
Dean war bis zu 10 Stunden täglich online. In einer Klinik in Berchtesgaden lernt er Leben ohne Dauer-Scrollen. Laut DAK-Report sind 1,5 Mio. Kinder und Jugendliche suchtgefährdet.
25.03.2026 | 2:58 min"Suchterkrankungen sind komplex und erfordern eine komplexe Behandlung", erklärt Thomasius. Neben ihrer Abhängigkeitserkrankung leiden fast alle Betroffenen auch an psychischen Erkrankungen, wie Traumata, Depressionen oder Angststörungen.
Die Sucht sei in der Regel nur das Symptom ihres seelischen Leids, der Versuch mit den Problemen zurechtzukommen, erklärt Dr. Rasmus Bernhardt, stellvertretender ärztlicher Leiter der DBK. Diese Kombination erfordere eine intensive Begleitung.
Wir arbeiten hier als Team unter schwierigsten Bedingungen wunderbar zusammen.
Dr. Rasmus Bernhardt, stellv. Ärztlicher Leiter der DBK
Unterfinanzierung als Hauptgrund für die Schließung
Erzieher und Heilpädagogen, Mediziner, Fach- und Psychotherapeuten helfen den Jugendlichen in der Spezialklinik wieder auf den Weg. Das kostet Geld. Etwa 520 Euro pro Tag und Patient bräuchte die Dietrich Bonhoeffer Klinik laut Vorstand Wolfgang Vorwerk fürs Überleben. Der Kostenträger, die Deutsche Rentenversicherung (DRV), zahle derzeit 320 Euro. Im kommenden Jahr solle es laut Vorwerk noch weniger werden.
Die Vergütung entspreche den Bedarfen, erklärt die Deutsche Rentenversicherung auf Anfrage. "Warum ein wirtschaftlicher Betrieb der Einrichtung dennoch nicht möglich war, kann die Einrichtung oder ihr Träger nur selbst beantworten."
Unter dem Hashtag #pingtok zeigen Jugendliche ihren Drogenrausch millionenfach auf TikTok - ein unkontrollierter Trend, der immer mehr junge Menschen in den Konsum zieht.
02.01.2026 | 8:55 minDer Knackpunkt sei immer wieder der Personalschlüssel, weiß Wolfgang Vorwerk aus etlichen Gesprächen mit Kostenträgern im vergangenen Jahr. So habe die Deutsche Rentenversicherung eine Nachtwache für 60 junge Menschen bezahlen wollen. Mit Mühe habe man zwei Nachtwachen durchgesetzt, was auch nicht ausreiche. Also stockte die Klinik auf eigene Kosten auf.
Wir haben hier junge Menschen mit Suchtdruck, teilweise suizidgefährdet, die in einer Krise stecken. Die müssen wir intensiv im Blick haben.
Wolfgang Vorwerk
Letzter Rettungsversuch für die Klinik
In der kommenden Woche wollen Kostenträger, Experten und Politiker sich noch einmal mit der Klinikleitung zusammensetzen und nach Lösungen suchen. Ein letzter Rettungsversuch bevor 60 der insgesamt 97 Plätze, die es für drogenabhängige Jugendliche überhaupt gibt, endgültig wegfallen.
Svenja Dohmeyer berichtet aus dem ZDF-Studio in Niedersachsen.
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