Rassistische Tat vor zehn Jahren:Anschlag am OEZ in München: Was Angehörige erlebten
von Jutta Sonnewald
Am 22. Juli 2016 tötete ein 18-Jähriger acht Jugendliche und eine Mutter am Münchner OEZ. Wie Hinterbliebene und Zeugen die rassistische Tat erlebten - und wie es ihnen heute geht.
Augenzeugen berichten vom Anschlag im Münchner Olympia-Einkaufszentrum (OEZ), bei dem neun Menschen starben. Die Ermittlungen führten von Chaosmeldungen bis zur Einordnung als rassistisch motiviertes Verbrechen.
21.07.2026 | 11:38 minEs vergehe kein Tag, an dem sie nicht an ihre kleine Schwester Armela denken, sagen Arbnor und Arberia Segashi. Sie sei der Sonnenschein der Familie gewesen, erzählt ihre vier Jahre ältere Schwester Arberia, die ihr besonders nah war: "Wenn es in der Familie mal Reibereien gab, war sie unser Mittelsmann." Umso größer die Lücke, die Armela hinterlässt. "Es gibt Tage, die sind besser, aber andere sind härter", sagt ihr Bruder Arbnor.
München: Tödliche Schüsse in McDonald's-Restaurant
Am 22. Juli 2016 verlor Armela gewaltsam ihr Leben. Sie war 14 Jahre alt und mit Freundinnen und Freunden im oberen Stock des McDonald's-Restaurants im Münchener Stadtteil Moosach als ein bewaffneter junger Mann plötzlich aus der Toilette kam und völlig unvermittelt, aber gezielt das Feuer auf die Gruppe eröffnete.
Armela, ihre gleichaltrige Freundin Sabine, der 14-Jährige Can und die 15-Jährigen Roberto und Selcuk starben, ein 13-Jähriger Junge wurde lebensgefährlich verletzt. Es war 17:51 Uhr und der Beginn einer kaltblütigen Mordserie rund um das Münchner Olympia-Einkaufszentrum, kurz OEZ.
Ein Privatunternehmen entwickelt Drohnen, die bei Amokläufen an US-Schulen eingesetzt werden sollen. Sie sollen im Notfall Angreifer per Fernsteuerungg außer Gefecht setzen.
21.05.2026 | 1:49 minAnschlag am OEZ: Handynetze überlastet
Arbnor Segashi wollte sich an diesem Nachmittag gerade zum Fußballtraining aufmachen, erinnert er sich, als er auf seinem Handy von Freunden die Warnung las:
Hey, fahrt nicht ins OEZ - da wird geschossen!
Arbnor Segashi
Der damals 21-Jährige wusste, dass Armela zum "Mecki" wollte, wie sie das Schnellrestaurant am OEZ nannten. Er versuchte seine kleine Schwester auf dem Handy zu erreichen - vergeblich. Das Mobilnetz war überlastet. Zwischen Hoffen und Bangen machte er sich auf die Suche nach Armela - in diversen Krankenhäusern, Polizeistationen, über einen Aufruf auf Facebook:
Meine Erwartungshaltung den ganzen Tag über ging von 'ihr ist nichts passiert' bis 'hoffentlich atmet sie noch'.
Arbnor Segashi
Manuel Heinemann vom Institut für Psychologie und Bedrohungsmanagement im ZDF Spezial: "Generell lässt sich sagen, dass sich das Risiko für Amokläufe nie auf Null reduzieren lässt."
10.06.2025 | 2:50 minTäter tötete gezielt Menschen mit Migrationshintergrund
Am nächsten Morgen gegen sechs Uhr klingelte sein Handy. Sein Vater sagte, er solle heimkommen. Es sei alles vorbei. Daheim warteten Polizisten, Sanitäter und Seelsorger.
Acht junge Menschen und eine Mutter - alle mit Migrationshintergrund - verloren am 22. Juli vor zehn Jahren ihr Leben. Unter ihnen auch der 19-Jährige Guiliano Kollmann. Er wurde vor dem McDonald's, gegenüber dem OEZ, vom Schützen - einem 18-jährigen Deutsch-Iraner - getroffen.
Anschlag am Münchner OEZ
Am 22. Juli 2016 erschoss ein 18-jähriger Deutsch-Iraner im McDonald’s-Restaurant und rund um das gegenüberliegende Münchner Olympia-Einkaufszentrum (OEZ) im Münchener Stadtteil Moosach neun Menschen, vor allem Jugendliche und junge Erwachsene mit Migrationshintergrund. Fünf Menschen wurden teils schwer verletzt. Nach der Tat erschoss sich der Täter selbst.
Der Anschlag löste in München Panik und Chaos aus, da viele Stunden lang unklar war, ob es einen oder mehrere Täter und Tatorte gab. Bei der Polizei München gingen an diesem Abend 73 Meldungen über weitere Schießereien mit Toten und Verletzten ein. Die Polizei spricht im Nachhinein von Phantom-Tatorten.
Die Ermittlungsbehörden stuften die Tat zunächst als Amoklauf eines psychisch kranken Mobbing-Opfers ein. Nach weiteren Untersuchungen und mehreren Gutachten wurde sie 2019 offiziell als rechtsextrem und rassistisch motivierter Anschlag bewertet. Der Täter - rechtsradikal, antisemitisch und ausländerfeindlich - hatte seine Opfer gezielt nach rassistischen Kriterien ausgewählt und die Tat am fünften Jahrestag des Anschlags eines norwegischen Rechtsterroristen begangen.
Pistole und Munition hatte sich der Schütze illegal im Darknet besorgt. Der Waffenhändler aus Marburg, ein Neonazi, wurde im Januar 2018 zu sieben Jahren Haft wegen fahrlässiger Tötung, fahrlässiger Körperverletzung und Waffenhandels verurteilt. Das OEZ-Attentat gilt heute als einer der schwersten rechtsextrem motivierten Anschläge in der jüngeren deutschen Geschichte.
Hüseyin Bayri war Zeuge und wurde beinahe selbst Opfer. "Ich habe Platzgeräusche gehört. In dem Moment habe ich aber nicht realisiert, dass es Schüsse waren. Hier ist ein McDonald's, da werden öfter Geburtstage gefeiert, da platzen auch mal Luftballons. Bis ich realisiert habe, der Guiliano, der mir gerade noch Platz gemacht hat, ist knapp 30 Zentimeter entfernt von mir zu Boden gefallen", erzählt er.
Instinktiv warf sich Bayri zu Boden. Dann versuchte er, Guiliano das Leben zu retten.
Ich habe immer wieder auf ihn eingeredet, dass er durchhalten soll, dass Hilfe unterwegs ist, gefragt, wie er heißt, wie alt er ist, einfach nur, dass er mir antwortet - bis er dann friedlich in meinen Armen verstorben ist.
Hüseyin Bayri
An einem Gymnasium in Schongau sind laut Polizei zwei Schülerinnen schwer verletzt worden. Der mutmaßliche 16-jährige Täter wurde festgenommen. Zeitweise bestand Amokverdacht.
08.07.2026 | 1:41 minOlympia-Einkaufszentrum: Zeugen und Angehörige leiden weiter
Bayri hat überlebt, doch dieser Tag hat sein Leben verändert. Der 39-jährige Vater von drei Kindern hat immer noch Schlafprobleme, Angst- und Panikattacken und muss wegen einer posttraumatischen Belastungsstörung auch zehn Jahre danach noch zur Therapie.
Auch das Leben der Familie Segashi ist aus den Fugen geraten: Die Eltern von Arbnor und Arberia Segashi sind nicht mehr in der Lage, ihre Berufe als Busfahrer und Reinigungskraft auszuüben. Arbnor Segashi hat sein Sportmanagement-Studium abgebrochen und ist in die Gastronomie gewechselt, um verlässliche Stütze für die Familie zu sein.
Arbnor und Arberia Segashi und ihre Eltern kämpfen noch immer mit dem Schmerz, der Trauer und einem leeren Stuhl am Tisch. Ihnen ist wichtig, dass Armela und die anderen acht Opfer dieses rassistischen Anschlags nie vergessen werden.
Die Familie Segashi gibt sich gegenseitig Kraft und Halt und versucht wieder unbeschwerte und auch glückliche Momente zu erleben. Das hätte ihre lustige und lebensfrohe Schwester Armela auch so gewollt - da sind sich Arbnor und Arberia Segashi einig.
Jutta Sonnewald berichtet aus dem ZDF-Studio in München.
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