Angebliche satanische Kindermorde:Epstein-Files: Warum Xavier Naidoo nicht "mit allem Recht hatte"
von Nils Metzger
Verschwörungsanhänger sehen sich durch die Epstein-Files bestätigt und fordern eine Rehabilitierung von Xavier Naidoo. Warum es für satanische Baby-Morde derzeit keine Belege gibt.
Xavier Naidoo sprach mit Blick auf die Epstein-Files am Dienstag von "Kannibalen" und "Kinderfressern". (Archivbild)
Quelle: ImagoDie Veröffentlichung der Epstein-Files bringt wichtige Transparenz in einem der größten Kriminalfälle der letzten Jahrzehnte. Doch auch Verschwörungsideologien erfahren Aufwind; ihre Anhänger suchen in den Dokumenten nach Bestätigung ihrer Weltsicht. Den realen Opfern des Epstein-Netzwerks und der Aufklärung der tatsächlichen Zusammenhänge schaden solche Gerüchte.
Verschwörungsgläubige fühlen sich bestätigt
Aktuelles Beispiel: Popstar Xavier Naidoo hatte während der Corona-Pandemie mit Aussagen zu verborgenen Elitennetzwerken und deren angeblichem Kindesmissbrauch, rituellen Morden und Satanismus für Kopfschütteln gesorgt. Auch bei einer Demonstration mit Bezug zu den Epstein-Files am Dienstag in Berlin sprach Naidoo von "Kannibalen" und "Kinderfressern", deren Ziel es sei, "dass wir alle in die Hölle runterfahren".
Seit der Veröffentlichung der Epstein-Files mehren sich in den sozialen Medien virale Posts, Naidoo habe mit seinen Aussagen umfänglich Recht gehabt.
Ein Facebook-Post, in dem Xavier Naidoo für seine "Warnungen" gefeiert wird.
Quelle: Facebook.comDie "Berliner Zeitung" schrieb vergangene Woche: "Mit der Veröffentlichung der Epstein-Files scheint sich das öffentliche Bild des lange geschassten Musikers nun vorsichtig zu verschieben."
Auch der Rapper Kollegah, dem mehrfach antisemitisches Verschwörungsdenken vorgeworfen wurde, äußerte sich auf Instagram mit ähnlicher Botschaft:
Pizzagate und Epstein sind nur die Spitze des Eisbergs. Diese Welt wird im Hintergrund gesteuert von Satanisten.
Rapper Kollegah
Nach sechs Jahren steht Xavier Naidoo wieder auf der Bühne – in Köln gibt er sein erstes Konzert seit Langem. Wie reagiert das Publikum auf den umstrittenen Sänger und seine Rückkehr?
17.12.2025 | 3:19 minNaidoo machte QAnon und Pizzagate in Deutschland bekannter
Pizzagate und QAnon sind zwei Verschwörungserzählungen, die ursprünglich aus den USA stammen, aber auch in Deutschland Anhänger fanden - verbreitet auch von Naidoo, der mehrfach Narrative aus der Szene aufgriff.
Bei Pizzagate geht es um vermeintliche Codewörter für organisierten Kindesmissbrauch und Satanismus, die Internetnutzer in geleakten E-Mails aus dem US-Präsidentschaftswahlkampf 2016 gefunden haben wollen. Das ging so weit, dass ein Angreifer die im Zentrum stehende Pizzeria in Washington im Dezember 2016 mit einer Waffe stürmte - dort aber feststellte, dass der Keller, in dem Kinder angeblich gefangen gehalten würden, gar nicht existierte.
"Sehr ähnlich sehen wir das derzeit wieder bei den Epstein-Files: Die drei Millionen veröffentlichten Dokumente laden Verschwörungsideologen ein, hier wieder nach geheimen Codes und Bestätigung ihrer Weltsicht zu suchen", erklärt Josef Holnburger, Experte für Verschwörungsideologien am Institut Cemas.
QAnon sieht in US-Präsident Donald Trump eine Art Messias, der pädophile Elitennetzwerke und ihre Kontrolle der Welt bekämpfe. "Die QAnon-Szene hat fast jede Verschwörungserzählung in ihre Weltsicht integriert - egal ob es sich um die flache Erde, die Coronapandemie oder angeblich satanische Ritualmorde an Kindern handelt", sagt Holnburger. Mit der Veröffentlichung der Epstein-Files sehen sie sich jetzt in ihrer Weltsicht bestätigt. "Dabei war die Trump-Regierung dazu gezwungen worden, die Dokumente zu veröffentlichen - nach erheblichem Widerstand", so Holnburger.
In den Files zum Fall des US-Sexualstraftäters Jeffrey Epstein tauchen viele bekannte Personen auf. Die Datenmenge ist riesig - wie viele Regale die Akten füllen würden, zeigt die 3D-Animation.
13.02.2026 | 1:01 minSo interpretieren Verschwörungsgläubige die Epstein-Files
Ein zentrales Problem ist, dass einzelne Wörter oder ganze Dokumente aus dem Kontext gerissen werden. Oft ist der vollständige Kontext auch nicht rekonstruierbar, da Unterhaltungen geschwärzt oder unvollständig sind.
Begriffe wie "Pizza" oder "Frischkäse" werden als Codewörter wahrgenommen, auch wenn der Rest des jeweiligen Nachrichtenverlaufs mehr für eine Unterhaltung über Essen spricht. Die meisten der 51 Treffer für das Wort "Kannibale" in den Files beziehen sich auf ein Restaurant mit diesem Namen.
Versandportal Wayfair seit Jahren im Fokus
Die Dokumente umfassen auch viele Vorwürfe und Hinweise, die nicht durch Ermittler bestätigt werden konnten. So etwa eine Zeugenbefragung vom August 2019, bei der ein Mann aussagte, er sei an Bord einer Epstein-Jacht Zeuge eines rituellen Opfers geworden, bei dem Babys geschlachtet und gegessen worden seien.
Was die viralen Bildposts zu dieser Befragung meist nicht zeigen, ist das Fazit der FBI-Beamten zum psychischen und gesundheitlichen Zustand des Hinweisgebers, dass er keine Belege für die Vorwürfe präsentieren konnte. Weitere Ermittlungen hielten sie nicht für nötig.
Zusammenfassung einer FBI-Zeugenbefragung vom 28. August 2019. Hervorgehoben ist die Empfehlung, keine weiteren Ermittlungen zu diesem Hinweis durchzuführen.
Quelle: US-JustizministeriumAufmerksamkeit bekommt auch ein Zahlungsbeleg über mehrere Tausend Dollar vom Juni 2018 für eine Bestellung einer Epstein-Vertrauten beim Versandhändler Wayfair. Seit Jahren gibt es zu Wayfair widerlegte Behauptungen, auf der Plattform würden Kinder zum Verkauf angeboten. Weitere Epstein-E-Mails belegen aber, dass es sich bei dieser Bestellung offenbar um 25 Lampen handelte.
Auch andere Bestellungen werden diskutiert. In einem Tank gelieferte Schwefelsäure soll nach Lesart der Verschwörungsanhänger dazu dienen, die Leichen der Opfer aufzulösen - könnte aber auch einfach nur für den Betrieb der Entsalzungsanlage der Insel benötigt werden.
Vielzahl an Gerüchten rund um getötete Kinder
Häufig wird auch auf eine E-Mail an Epstein verwiesen, in der es heißt: "Alles, was du brauchst, ist eine Bluttransfusion aus dem Paket und du alterst rückwärts." Das sehen Verschwörungsanhänger als Beleg für angebliche Verjüngungskuren mit Kinderblut. Die E-Mail besteht jedoch nur aus diesem einzigen Satz, im Betreff ist der Name eines bekannten Krebsarztes angegeben. Von Kindern ist keine Rede.
Viele Dokumente belegen ein Interesse Epsteins an Biotechnologien, Eugenik und Maßnahmen zur Lebensverlängerung. Im Fokus steht dabei ein weiteres Anwesen Epsteins, die sogenannte "Zorro Ranch" in New Mexico. Dort sollen Epstein und Mittäter über Jahre Frauen und Minderjährige missbraucht haben. Einem "New York Times"-Artikel von 2019 zufolge soll Epstein Kontakten Jahre zuvor geschildert haben, auf der "Zorro Ranch" ein "Brutprogramm" starten zu wollen.
Was davon Realität wurde, dazu geben die veröffentlichten Files keinen Einblick. Der Bundesstaat New Mexico kündigte am Dienstag eine erneute Untersuchung der Vorgänge auf dem Grundstück an - eine erste Ermittlung war 2019 ohne weitere Anklagen eingestellt worden. Handfeste Belege für satanische Rituale, Kannibalismus oder Kindermorde gibt es hier bislang ebenfalls nicht.
Auch die Deutsche Bank hatte Beziehungen zum Sexualstraftäter Jeffrey Epstein. Er wurde Kunde, obwohl die Bank über ihn Bescheid wusste. Dieses „Reputationsrisiko“ ging sie bewusst ein.
11.02.2026 | 2:09 minAnhänger von Verschwörungsdenken haben Zeitvorteil
Für den Experten Holnburger ist bezeichnend, wie selektiv die Inhalte der Files wahrgenommen werden: "Das Paradoxe dabei: Verschwörungsideolog:innen lehnen Aussagen von Regierungen oft ab, weil sie an der vermeintlichen Verschwörung beteiligt sind - sie halten Regierungsaussagen aber für wahr, wenn sie die eigene Sicht bestätigen."
In den Epstein-Files stecken viele brisante Informationen, die jedoch verifiziert werden müssen. Qualitätsmedien haben dabei einen Temponachteil gegenüber den Verschwörungsanhängern. "Per Stichwortsuche auf der Webseite des Justizministeriums der USA suchen sie nach Namen oder Begriffen. Finden sie diese, sehen sie sich bestätigt", sagt Holnburger. Es seien inzwischen auch viele gefälschte Dokumente im Umlauf.
Dass seriöse Medien länger für die Sichtung, Recherche und vor allem Überprüfung brauchen, wird in dieser Szene als Beweis gedeutet, dass die Medien dabei helfen würden, etwas zu vertuschen.
Josef Holnburger, Cemas
Für abschließende Bewertung fehlen noch zu viele Dokumente
Wie umfangreich etwa Epsteins Kontakte zu Geheimdiensten in mehreren Ländern waren, ob er etwa an Spionageaktivitäten oder politischer Einflussnahme bewusst oder unbewusst beteiligt war, ist noch nicht abschließend geklärt. Eine Auswertung von ZDF frontal konnte etwa keine gesicherten Belege für eine Beauftragung Epsteins durch russische Dienste finden.
Zu den vielen Schwärzungen in den Dokumenten gehören auch solche Stellen, die Auswirkungen auf die nationale Sicherheit der USA haben. Dazu kommen mehrere Millionen Seiten, die noch gar nicht veröffentlicht wurden. Ein Fazit ist derzeit also nur begrenzt möglich.
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11.02.2026 | 23:33 minVerschwörungsideologien schaden den echten Opfern
Die realen Verbrechen des Epstein-Netzwerks um sexuellen Missbrauch werden von Verschwörungsanhängern zu einer satanischen Weltverschwörung verdreht.
Hier wird von Kindermorden, Kinderblut und satanischen Ritualen fantasiert. Eine solche Überzeichnung schadet den Opfern.
Josef Holnburger, Cemas
"Die Aufklärung realer Verbrechen wird durch Verschwörungsideologien erschwert. Statt einer Aufklärung der furchtbaren Verbrechen ist man oft mit der Widerlegung von imaginierten Verbrechen beschäftigt", beklagt Holnburger.
Für viele der spektakulärsten Vorwürfe die Naidoo und Anhänger von QAnon oder Pizzagate äußern, gibt es bislang kaum belastbare Belege. Vielfach beruhen sie auf selektiven Auslegungen einzelner Wörter und Sätze aus den Millionen Seiten umfassenden Epstein-Files.
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