Nordrhein-Westfalen ist Stauland Nr. 1:Experte zu Straßenverkehr: "Wir haben uns kaputtgespart"
In keinem Bundesland staut es sich auf den Autobahnen so sehr wie in NRW. Im ZDFheute-Interview erklärt Experte Martin Mertens, woran das liegt - und was Hoffnung macht.
Viele Brücken und Autobahnabschnitte in NRW müssen saniert werden - und das dauert. Das Ergebnis: zahlreiche Baustellen. Stop-and-Go, lange Staus, Vollsperrungen: Pendler sind zunehmend am Limit.
22.04.2026 | 11:16 minZDFheute: Sie lehren und forschen in Bochum. Wie nehmen Sie die Verkehrssituation in Nordrhein-Westfalen wahr?
Martin Mertens: Derzeit gibt es Sperrungen auf der A2, der A40 und der A42, also allen Ost-West-Autobahnen im Ruhrgebiet. In Nord-Süd-Richtung genauso. Und das führt dazu, dass da unumgänglich Stau entsteht. Im Augenblick sieht es so aus, als würde der südöstliche Teil des Ruhrgebiets komplett abgeriegelt.
ZDFheute: Warum sind die Autobahnen heute vielerorts so sanierungsbedürftig?
Mertens: Die Versäumnisse, die wir heute haben, ich sag mal vorsichtig, sind auch eine Folge ideologischer Ansichten. Das kann man jetzt kommentieren, das will ich aber gar nicht.
Viele Straßen in Deutschland sind marode. Fast 250.000 Kilometer Fahrbahn auf deutschen Fernstraßen haben nach Regierungsangaben Schäden.
08.08.2025 | 0:20 minSondern es geht einfach darum, dass Straßenbau verteufelt worden ist - von 1990 bis ungefähr 2005. Da war Straßenbau was Böses und das hat man dann auch nicht gemacht. Das hat aber dazu geführt, dass wir jetzt einen riesigen Rückstau haben.
Aus ideologischen Gründen meinte man so Sprüche bringen zu müssen wie: 'Wer Straßen sät, wird Verkehr ernten'.
Prof. Dr. Martin Mertens, Hochschule Bochum
ZDFheute: Vor welchen Herausforderungen stehen wir noch?
Mertens: Wir haben uns in den letzten 20 Jahren kaputtgespart in jeder Beziehung: im Neubau, in der Instandsetzung und auch bei den Straßenbauverwaltungen. Ständig umstrukturiert, ständig abgebaut und wir stehen da heute eigentlich vor den Resten einer einstmals gut funktionierenden Straßenbauverwaltung.
Und da gehen die Babyboomer mit viel Erfahrung jetzt auch noch weg. Zudem fehlen Bauarbeiter, Fachkräfte und Ingenieure an allen Ecken und Enden - obwohl natürlich alle ihr Bestes geben.
Aggressive Verhaltensweisen wie dichtes Auffahren, Lichthupe und riskante Überholmanöver auf Autobahnen gefährden Verkehrsteilnehmende. Wie man sicher reagiert.
12.03.2026 | 1:39 minZDFheute: Aber sind die vielen Baustellen nicht ein Zeichen dafür, dass jetzt investiert wird?
Mertens: Selbstverständlich. Wie man hört, ist zurzeit auch Geld da. Aber wir haben eben einen riesigen Planungsrückstand und Schwierigkeiten zeitlich zu planen, um dann bauen zu können. Bis wir einen Planfeststellungsbeschluss haben, vergehen Jahre bis Jahrzehnte. Das verzögert erheblich alles, was danach folgt.
Gleichzeitig muss das viele Geld ja jetzt irgendwo untergebracht werden. Im Augenblick führt das dazu, dass die Autobahn GmbH aufgrund des nicht vorhandenen Planungsvorlaufs zum Beispiel für Brücken stattdessen Straßendecken erneuert. Das merken Sie an den vielen Baustellen, die da jetzt überall entstehen.
Wenn das so weitergeht, werden wir irgendwann wunderschöne Autobahnen haben, auf denen man 200 km/h fahren kann, wenn man will, aber bei der nächsten Brücke müssen Sie dann runter, weil die eben kaputt ist. Das ist jetzt auch nicht zielführend.
Prof. Dr. Martin Mertens, Hochschule Bochum
… ist Professor für Technische Mechanik, Baustatik, Holz- und Brückenbau an der Hochschule Bochum. Zuvor hat er bis 2003 beim Landesbaubetrieb Straßen.NRW gearbeitet. Im Untersuchungsausschuss zur Sperrung der Rahmedetalbrücke auf der A45 bei Lüdenscheid trat der Brückenexperte als Sachverständiger auf.
Auf deutschen Autobahnen standen Autofahrer im letzten Jahr 866.000 Kilometer im Stau - das sind 7.000 Kilometer mehr als 2024, so der ADAC. Am schlimmsten betroffen sei Nordrhein-Westfalen.
05.02.2026 | 0:24 minZDFheute: Baustellen und Stau werden uns also erhalten bleiben?
Mertens: Da braucht man keine Glaskugel für. Das wird so sein. Da können Sie von ausgehen. Es werden sogar Brücken gesperrt werden, weil es nicht anders gehen wird.
Und gleichzeitig prognostiziert der Bund ja, dass wir bis zum Jahr 2030 30 Prozent mehr Lkw-Verkehr haben werden. Da müssen wir uns drauf einstellen.
ZDFheute: Können Sie den Pendlerinnen und Pendlern keinerlei Hoffnung machen?
Mertens: KI-generierte, beziehungsweise KI-gestützte, digitalisierte Verkehrslenkungsmaßnahmen werden sicherlich helfen. Die können den Durchfluss steuern. Und das wird sicherlich auch kommen und dazu führen, dass wir also zwar mit größeren Einschränkungen rechnen müssen für uns selbst, aber dass mehr Fahrzeuge über unsere Autobahnen kommen.
Das Gespräch führte Thadeus Parade aus dem ZDF-Landesstudio Nordrhein-Westfalen.
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