Kritik von Ost-Ministerpräsidenten:Aus für "Rente mit 63": Was das für den Osten bedeuten würde
von Johannes Lieber
Ostdeutsche Ministerpräsidenten warnen vor der Abschaffung der "Rente mit 63". Warum die Frühverrentung dort mehr Menschen trifft und was die Statistiken noch enthüllen.
Die Rentenkommission hat vorgeschlagen, die abschlagsfreie Rente nach 45 Beitragsjahren zu streichen. Der Entwurf stößt vielerseits auf harte Kritik – in Politik und Gesellschaft.
03.08.2026 | 3:02 minNach der Sommerpause stehen in der deutschen Politik wegweisende Entscheidungen an. Zum einen will die Bundesregierung die Vorschläge der Rentenkommission umsetzen, zum anderen wird in drei ostdeutschen Bundesländern gewählt. An den Vorschlägen der Rentenkommission entzündet sich jetzt vor allem in Ostdeutschland Kritik.
Was genau wird kritisiert?
Die Kritik von ostdeutschen Ministerpräsidenten entzündet sich besonders an der geplanten Abschaffung der "Rente mit 63". Wichtig ist dabei zu erwähnen: Die "Rente mit 63" ist für neue Rentner schon heute nicht mehr möglich. Wer mindestens 45 Jahre in die Rentenkasse eingezahlt hat, also ein sogenannter "besonders langjährig Versicherter", kann aktuell frühestens mit 64,5 Jahren ohne Abschläge in die Rente gehen.
Die Abschaffung der abschlagsfreien Rente stößt in Ostdeutschland auf Widerstand. Es würde vor allem Männer und Frauen betreffen, die "am meisten eingezahlt hätten", so Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (SPD).
03.08.2026 | 5:05 minDoch auch das soll nach den Vorschlägen der Rentenkommission bald nicht mehr möglich sein. "Die Kommission empfiehlt, den abschlagsfreien Renteneintritt für besonders langjährig Versicherte abzuschaffen", heißt es im Bericht. Letztes Jahr sind nach Zahlen der Deutschen Rentenversicherung rund 260.000 Rentner auf diesem Weg in den Ruhestand gegangen - mehr als ein Viertel der Neu-Rentner.
Was bedeutet das für Ostdeutschland?
In Ostdeutschland ist diese Zahl deutlich höher. Fast jeder dritte neue Rentner (32,9 Prozent) nutzte hier die Regel, früher abschlagsfrei in die Rente zu gehen. In Westdeutschland lag der Anteil bei 27,3 Prozent. Das liegt zum Teil noch immer an den unterschiedlichen Arbeitswelten aus der Zeit der DDR und der BRD.
In der DDR haben mehr Menschen schon früher angefangen zu arbeiten und kommen deshalb auch schneller auf die 45 Beitragsjahre. Dazu kommt, dass Frauen in Ostdeutschland mehr gearbeitet haben. Das Bild einer "klassischen Hausfrau" war hier deutlich weniger verbreitet, sodass es auch mehr Frauen als "besonders langjährig versichert" gelten.
Im Schnitt kommen Rentnerinnen in Ostdeutschland auf 40 Beitragsjahre, in Westdeutschland nur auf 34 Jahre. Bei Männern ist der Unterschied mit 42 Beitragsjahren im Osten und 39 Jahren im Westen deutlich geringer.
Mit Blick auf die aktuell geplante Rentenreform zeigt sich Arbeitsministerin Bärbel Bas (SPD) im ZDF-Sommerinterview teilweise offen für Diskussionen.
02.08.2026 | 0:50 minWelche Rolle spielt die gesetzliche Rente in Ostdeutschland?
Für Rentner in Ostdeutschland ist die gesetzliche Rente zudem deutlich wichtiger als für Rentner aus Westdeutschland. Das Geld, von dem die Rentner in Ostdeutschland leben, kommt im Schnitt zu 90 Prozent aus der Rentenkasse. Im Westen nur zu zwei Dritteln. Mehr als die Hälfte der ostdeutschen Rentner ist komplett auf die gesetzliche Rente angewiesen.
Auch das ist eine Spätfolge der DDR. Dort war die Rente vor allem staatlich organisiert. Private Vorsorge und Betriebsrenten gab es nicht in dem Umfang wie im Westen. Viele Ersparnisse bleiben also nicht übrig, was sich auch daran zeigt, dass in Ostdeutschland deutlich weniger vererbt wird.
Die Bundesregierung fördert ab 2027 private Altersvorsorge mit Zuschüssen zu einem Wertpapierdepot. Das könnte helfen, Rentenlücken zu schließen.
20.07.2026 | 0:40 minWie reagieren Experten?
Von der Forderung, die abschlagsfreie Rente doch nicht abzuschaffen, halten die meisten Experten dennoch nicht viel. Die ostdeutschen Ministerpräsidenten hätten zwar "durchaus Recht mit dem Argument, dass überproportional viele Menschen in Ostdeutschland von der abschlagsfreien Rente profitieren", so der Wirtschaftswissenschaftler Marcel Fratzscher gegenüber ZDFheute. Aber:
Die Rente mit 63 ist keine Umverteilung von Reich zu Arm. Von der abschlagsfreien Rente profitieren nicht vor allem die armen Menschen, sondern davon profitieren vor allem Besserverdiener, vor allem Männer in guten Jobs.
Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW)
Tatsächlich bekommen Rentner, die nach 45 Beitragsjahren abschlagsfrei in die Rente gehen, rund 500 Euro im Monat mehr als die, die in die "normale" Altersrente gehen. Von der Regel profitieren also nicht die Arbeiter mit geringem Einkommen. Einen früheren Renteneintritt können sich die im Zweifel schlicht nicht leisten.
Was sagt die Koalition?
Auch Pascal Reddig (CDU), der stellvertretende Vorsitzende der Rentenkommission, hält es im ZDF für richtig, an den Vorschlägen seiner Kommission festzuhalten. Es sei zwar richtig, dass Menschen in Ostdeutschland besonders abhängig von der gesetzlichen Rente sind, "aber dann kann ja nicht die Lösung sein, einfach zu sagen, wir machen gar nichts."
Es wäre gut gewesen, wenn Manuela Schwesig auch den gesamten Bericht gelesen hätte.
Pascal Reddig (CDU), stellvertretender Vorsitzender der Rentenkommission
Die gesetzliche Rente sei in Deutschland "ohnehin schon nicht hoch", so Reddig. Deshalb habe die Kommission viele Vorschläge gemacht, damit "Menschen im Alter deutlich besser dastehen, gerade diejenigen, die nur auf die gesetzliche Rente angewiesen sind."
SPD-Chefin Bärbel Bas hatte sich dagegen im ZDF-Sommerinterview zuletzt offen gezeigt, über die Abschaffung der Regelung zu diskutieren.
Johannes Lieber ist Redakteur im ZDF-Hauptstadtstudio.
Mit Material von AFP.
Mehr Nachrichten zum Thema Rente
Widerstand gegen Reformpläne:"Rente mit 63": Frei sieht keinen Spielraum - trotz Kritik
mit Video2:06Abschlagsfreie Frührente:Rente mit 63: CDU-Spitzen halten an Abschaffung fest
mit Video1:44Arbeitgeberpräsident über Reformvorhaben:"Rente wird nicht sicherer, wenn wir Arbeit teurer machen"
mit Video0:40Staatlich geförderte ETF-Anlagen:Altersvorsorgedepot ersetzt Riester: Was anders werden soll
von Frank Bethmannmit Video0:40